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Don Giovanni - Premierenaufführung im Stadttheater Giessen

Philharmonisches Orchester auf der Bühne platziert / Gedankentiefe Interpretation / Solistenensembles vorzüglich ausgewogen

von Tanja Löchel


GIESSEN.       Frenetisch gefeiert vom begeisterten Publikum wurden die Mitwirkenden und das Leitungsteam nach der Premierenaufführung von Don Giovanniam Samstagabend im Großen Haus des Stadttheaters. Mit dem 1787 in Prag uraufgeführten Dramma giococo von Wolfgang Amadeus Mozart und Lorenzo da Ponte wurde die neue Spielzeit eröffnet.

Regisseur Helmut Polixa, in Giessen bereits bestens bekannt durch seine Inszenierungen von unter anderem Lucrezia Borgia, Maria Stuarda und Il Giuramento, zeigt weder große Oper noch Seelendrama, sondern setzt heitere, scherzhafte Akzente, die durchaus im Stück angelegt sind. Teils plakativ, teils originell und manchmal albern muten die Regieeinfälle an, die aber die Zuschauer gut zu unterhalten schienen.

Helmut Polixa (Bild: Giessen-Server.de)

Den Tiefgang konnte man am Abend in der genialen Musik finden. Das Philharmonische Orchester ist nicht im Graben, sondern auf der Bühne platziert. Dies unterstreicht die Bedeutung der Musik und verleiht ihr einen wirkungsvollen, plastischen Klang. Unter dem Dirigat von Generalmusikdirektor Carlos Spierer geriet die Musik auch zum herausragenden und tragenden Element des ansonsten oberflächlich bleibenden Opernabends.

Generalmusikdirektor Carlos Spierer (Bild: Frank Sygusch / Giessen-Server.de)

In dieser gedankentiefen Interpretation, die den Seelenzuständen der Protagonisten, der Ernsthaftigkeit des Gehalts und auch der situationsbedingten Heiterkeit Rechnung trägt, wird sinnlich erfahrbar, warum Don Giovanni eine der Wegmarken in der Geschichte des Musiktheaters ist. Überdies agiert das starke Solistenensemble sowohl stimmlich als auch darstellerisch souverän sowie voller Spiel- und Gesangsfreude.


Der bekannteste Verführer der Opern- und Literaturgeschichte, Don Giovanni, hat abgewirtschaftet, denn bei Mozart erliegt keine der Frauen mehr seinen erotischen Avancen. Auf das Ende - die Höllenfahrt - des unbelehrbaren und charakterlich unveränderbaren Wüstlings läuft alles hinaus. Drei Frauen treiben die Handlung voran. Petra van der Mieden gibt koloratursicher die Donna Anna. Mit stimmlicher Schönheit und ausgereifter Gesangstechnik konnte sie das Publikum für sich gewinnen. Als ausdrucksstarken Charakter mit reichem Seelenleben sowie einer Portion Erotik und unfreiwilliger Komik konnte man die vom Titelhelden verlassene Donna Elvira von Henrietta Hugenholtz, erleben. Jugendlichen Charme und Sinnlichkeit versprühte Alfia Kamalova als Zerlina. Anmut und teilweise kalkuliert eingesetzter Liebreiz zeichneten ihren Gesang und ihr Bühnenspiel aus. Ein Glanzlicht der Aufführung war der Leporello von Johannes Schwärsky. Markant und mit größter Mühelosigkeit sang der Bassbariton den von Don Giovanni ausgenutzten Diener. Zum einen war sein Stimmeinsatz überlegen kraftvoll, aber auch der erforderlichen Leichtigkeit und Beweglichkeit, wie sie in der berühmten Registerarie erforderlich ist, wurde der Sänger vollends gerecht.

Geschmeidig-gefühlvoll sang John Carlo Pierce den empfindsamen Verlobten Donna Annas, Don Ottavio. Auf wunderbar sichere Weise ließ der Tenor seine lyrische Stimme in beiden Arien verströmen. Gekonnt gab Tomi Wendt den etwas linkischen Masetto, Zerlinas Bräutigam. Diabolik und Jenseitigkeit zeichnete den Auftritt des von Don Giovanni getöteten Komturs (Christoph Stegemann) als steinerner Gast aus. Stimmlich statuarisch und schwergewichtig richtete er seinen Mörder. Matthias Ludwig verkörpert gelungen die Titelfigur. Gesanglich versiert meisterte er die Partie, darstellerisch bedient er keine Rollenklischees und gibt dem Don Giovanni einen bereits etwas heruntergekommenen Anstrich. Darüber hinaus erklangen die Solistenensembles, wie zum Beispiel das Quartett im ersten Akt, vorzüglich ausgewogen.


An der shakespeareschen Aufführungspraxis orientiert sich das Bühnenbild von Stefan Rieckhoff: Keine spanische Kulissenstadt, keine nächtliche Friedhofsszenerie oder ein opulenter Ballsaal wurden gezeigt, sondern die nackte Holzverkleidung im Hintergrund, ein Holzpodest im Vordergrund, ein Holzsteg und eine quer verlaufende Brücke reichen aus, um darauf lebendig Theater zu spielen. Die Kostüme (ebenfalls von Rieckhoff) sind burlesk und arbeiten mit Übertreibungen. Donna Elvira sticht mit ihrem knallroten Kleid, der roten Perücke und ihrem vogelähnlichen Umhang in die Augen der Zuschauer und Donna Annas blaues Gewand mit aufgemalten Mondsicheln erinnert eher an die Königin der Nacht. Der Komtur wurde in einen kurzen Sternenhimmelumhang Assoziationen an die Grimmschen Sterntalerwerden wach, im Besten Fall kann man die putzige Pellerine als Hinweis auf eine metaphysische Dimension verstehen; gesteckt.

Carlos Spierer, Matthias Ludwig und Helmut Polixa beim Pressegespräch am 04. September im Foyer des Stadttheaters Giessen (Bild: Giessen-Server.de)

Auf der Bühne ist immer was los und es gibt viel zu sehen. Das muss man dem Regisseur schon lassen, an Einfällen und Sinn für Theatralik mangelt es ihm nicht. Ein großes leuchtendes Herz legt Donna Elvira auf die Bühne, Zerlina, Masetto und deren Hochzeitsgäste schießen Fotos, eine riesengroße Fußskulptur erscheint in der Friedhofszene, der gleiche Fuß erdrückt dann Don Giovanni am Ende. Donna Elvira ist schwanger, das unterstreicht natürlich deren Motivation Don Giovanni hinterherzulaufen. Die in den Arien von Donna Anna reflektierten Konflikte unter anderem Ehrverlust, Rachewerden nur in der Musik reflektiert, die Personenregie ist hier wenig überzeugend. Don Giovanni bekommt zwei stumme Doppelgänger, einen Engel und einen Teufel an die Seite gestellt und Bereitschaft zum Beischlaf zeigen viele der Figuren und so weiter und so fort. Richtig ist es, dass in Mozarts Don Giovanni noch Elemente der Commedia dell´arte und des Stehgreifspiels, wenn auch weiterentwickelte, vorhanden sind, die man auch gelungen und lustvoll umsetzten kann und sollte. Aber scheinbar lechzt derzeit alles nur noch nach platter Commedy und genau dies bedient die Inszenierung. Hat der Spuk und das ohne Frage bühnenwirksame Spektakel endlich ein Ende stellt sich bei Kennern allenfalls ein schaler Nachgeschmack ein.



Weitere Vorstellungen finden am 15. und 19. September, am 12. und 28. Oktober, jeweils um 19.30 Uhr im Großen Haus des Stadttheaters Giessen, Berliner Platz statt. Kartentelefon: (0641) 7957-60/ -61.






Giessen, 09. September 2007 / Bilder: Giessen-Server.de (Frank Sygusch)


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