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FIESTA - Ballettpremiere im Stadttheater Giessen

von Tanja Löchel















GIESSEN.              Geheimnisvoll, leidenschaftlich und von hoher Suggestivkraft ist der neue Tanzabend „Fiesta“ Flamenco, Rituale, Mysterien, der am Sonntagabend im Stadttheater seine Uraufführung hatte. Die Choreografen Tarek Assam und Fabrice Jucquois haben sich in dem Stück mit der spanischen Kultur auseinander gesetzt. Die tief verwurzelte Religiosität, der spanische Katholizismus und Mystizismus, der Stierkampf und natürlich der Flamenco werden im Tanzabend aufgegriffen. Rituale spielen ebenfalls eine wichtige Rolle. Aber das Spanien, das die Choreografen zeigen, erschöpft sich nicht in Klischees. Es entstanden teilweise rätselhafte, surrealistische Bilder und Szenen von ausdrucksvoller Schönheit.










Von Ernest Hemingways Roman „Fiesta“ übernahmen die beiden Tanzkünstler den Titel und die Figur des Fremden, die mit dieser fremden Welt konfrontiert wird und in diese eintaucht. Manchmal weiß man in den Szenen nicht, was Traum ist und was Realität. Vieles, was man mit dem Land im Süden Europas assoziiert „von prallen Tomaten bis zum Flamenco“ findet sich im Stück. Das Spanische wird somit in zahlreichen kulturellen Versatzstücken sichtbar: Neben dem Stierkampf und der Torerokleidung, die zitiert wird, treten Romanfiguren aus dem „Don Quijote“ von Cervantes auf, ebenso werden Bildfragmente von Francisco Goyas „Maja“ im Bühnenbild gezeigt und es erklingen Ausschnitte aus Pablo de Sarasates Carmen-Suite.











Vier Prozessionen strukturieren „Fiesta“. Die erste ist eine fast unwirklich anmutende, mystische Kapuzenprozession. Erhebt sich der Vorhang wird der Zuschauer zunächst mit einem an Caspar David Friedrichs Gemälde „Das Eismeer“ orientierten Bühnenbild (Lukas Noll), das das glutvolle des Tanzes konterkariert, konfrontiert. Dieser Szenerie entsteigt ein alles verschleiernder Nebel. Lichten sich die Schwaden, erkennt man eine Männer-Gruppe in rote Umhänge gehüllt und mit Spitzhauben maskiert, die sich schemenhaft über die Bühne bewegt. Der Fremde (Arthur Zakirov) tritt auf, beobachtet die Szenerie und wird zunächst als fremd vom Ballettensemble entlarvt. El Espíritu, getanzt von Miranda Glikson, ist eine Erscheinung, die den Fremden antreibt, ihn auf seiner Reise begleitet und Vorgänge katalysiert.










Burlesk, humorvoll und bunt ist die zweite Station des Abends, die Karneval-Prozession. Don Quijote und sein Diener Sancho Pansa treten auf, treiben ihre Späße, die erheitern. Es tanzen dicke Frauen und Männer in grotesken Bewegungsfolgen. Der Marienkult wird im dritten Abschnitt des Stücks thematisiert und abschließend der Stierkampf.








Die klassische Flamencotänzerin La Centella tanzt in und zwischen den Szenenfolgen mit Leidenschaft und Hingabe. Das rhythmische Klatschen und Stampfen zu dem inbrünstigem Gesang und den Gitarrenklängen (Gitarre: Franco Carmine, Gesang: Lidia Cortes-Menendez), die elegante, an indischen Tanz erinnernde Armarbeit, der prägnante Körpereinsatz auf engem Raum, riss das Publikum mit. Dieses original spanische Tanzelement ergänzten die Choreografen mit modernem Ausdruckstanz. Gefühlvoll und verträumt muten die Duette des Fremden mit der Geliebten (Carine Auberge) an, aber nur bis zu einem gewissen Punkt, denn der Fremde wird als nicht zugehörig erkannt und unfreundlich in Folge mit Tomaten beworfen. Ein großer mit Helium gefüllter, beleuchteter Ballon, der auch als Projektionsfläche - von unter anderem Man Rays bekanntem Foto „Tränen“ und einer Mondlandschaft - dient, gibt der Bühnenlandschaft, ebenso wie das weiße Pferd im Hintergrund, eine irreale Note. Auch die eingespielten Videos von tanzenden Füßen und klatschenden Händen in Zeitlupentempo brechen das Tempo der realen Tanzaufführung und geben dem Geschehen eine traumhafte Färbung. Radioreportagen des spanischen Rundfunks führen in die Realität zurück.

Am Ende des Stücks ist es nicht der Stier, der rituell im Kampf getötet wird sondern der Fremde. Mit jubelndem Beifall wurden die vorzüglich agierenden Tänzer und das Leitungsteam nach der Premierenaufführung gefeiert.



Der Tanzabend „Fiesta“ Flamenco, Rituale, Mysterien dauert ca. 110 Minuten mit Pause. Weitere Vorstellungen finden am 06. und 19. Oktober, 10. November, 02. und 30. Dezember 2007 sowie am 11. Januar 2008 jeweils um 19. 30 Uhr im Großen Haus des Stadttheaters statt. Kartentelefon: (0641) 7957- 60 / -61.





Giessen, 01. Oktober 2007 / Bilder: Frank Sygusch


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