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Abenteuer, Rührung und Sozialkritik mitreißend dargestellt

Die Premiere des Familienmusical „Oliver!“ im Stadttheater Giessen war ein voller Erfolg!


Von Tanja Löchel




GIESSEN.                       Jubelnde Beifallsstürme konnten die Mitwirkenden und das Regieteam nach der Premierenaufführung des Familienmusicals „Oliver!“ von Lionel Bart nach Charles Dickens Roman „Oliver Twist“ am Samstagabend im Stadttheater entgegennehmen. Die gekonnte Umsetzung ließ keine Wünsche offen und riss zu Recht das Publikum mit. Am Abend wurden Abenteuer und Rührung, durchsetzt mit einer Prise Sozialkritik, beste bühnenwirksame Musik, stimmungsvolle Kulissen, fantasievolle Kostüme und vieles andere mehr geboten. Souverän und mit leichter Hand führte Annette Leistenschneider, die in Giessen schon die „Lustigen Weiber von Windsor“ und „Eine Nacht in Venedig“ inszenierte, Regie. Eine tragende Rolle kam dem Kinder- und Jugendchor des Stadttheaters (Leitung: Martin Gärtner) zu. In vielen Szenen sind die 29 Mädchen und sechs Jungen wie gewohnt professionell präzise und voller Spiel- und Sangesfreude dabei. Die Titelrolle wurde auch aus den Reihen des Jugendchores besetzt. In der Premiere spielte und sang Robert Schneider sich als Waisenkind Oliver in die Herzen der Zuschauer. In weiteren Vorstellungen übernehmen auch abwechselnd Anne-Kathrin Abel und Mona Turski diese Rolle. Die Neuproduktion ist spartenübergreifend: Schauspieler, Sänger, der gut disponierte Hauschor, Statisteriemitglieder und sogar Personen in leitender Funktion, die nicht so oft in Rollen zu sehen sind, wie zum Beispiel Musikdramaturg Christian Steinbock als Dr. Grimwig, stehen gemeinsam auf der Bühne. Tanztheaterchef Tarek Assam zeichnete verantwortlich für die Choreografie. Es entstanden bunte, turbulente Ensembleszenen sowie beeindruckende gleichförmig-synchrone Formationen. Das Philharmonische Orchester unter der bewährten Leitung von Herbert Gietzen musiziert mit Schwung, Kraft und Feuer. Die Musik trägt den großen Emotionen Rechnung und fasst die Unheimlichkeit und Dramatik in unerhörte Klangfarben und Modulationen. Aber auch überschäumend, ausgelassen und tänzerisch erklang die Musik.







(Bild: Frank Sygusch)





Einen sensationellen Welterfolg konnte das 1960 entstandene und mit drei Tony-Awards ausgezeichnete Musical nach seiner Premiere im New Theatre im Londoner Westend verbuchen. Dort wurde es 2618 Mal hintereinander aufgeführt, darauf folgten 774 Vorstellungen am New Yorker Broadway. 1968 erhielt die Hollywood-Verfilmung sechs Oscars. Die Premiere der aktuellen Neuproduktion zeigte, dass auch in Giessen das Stück zum Hit und Straßenfeger werden könnte. Die Handlung ist angesiedelt in London um 1840 und folgt mit einigen kleinen Abweichungen der bekannten Vorlage. Die erste Szene führt gelungen in die Thematik ein. Die Kinder des Waisenhauses, eingekleidet in trostlos graue Anstaltsuniformen, die Blechnäpfe in den Händen haltend, besingen mit klaren, hellen Stimmen das Essen und den Wunsch nach mehr Essen. Eines dieser Kinder ist Oliver, der bei dem Gemeindediener Mr. Bumble (Hartmut Stroth) eine zweite Portion fordert. Er wird daraufhin als Arbeitskraft an den Leichenbestatter Mr. Sowerberry verkauft. Gruftig und skurril ist die Atmosphäre im schwarzen Bestattungsinstitut. Nicht minder skurril agieren Heike Heber als Mrs. Sowerberry und Operndirektor Markus Hertel als Mr. Sowerberry. (Diese Rolle wird im Laufe der Saison abwechselnd auch von Kinderchorleiter Martin Gärtner und Chordirektor Jan Hoffmann gegeben.) Eine glänzende Gesangsnummer wurde von sich rhythmisch hebenden Urnendeckeln, aus denen kleine Augen hervorlugen, begleitet. Jeder, der ein Quäntchen schwarzen Humor besaß, lachte über diesen Einfall.







(Bild: Frank Sygusch)





Oliver lernt im Verlauf des Stücks den Taschendieb Artful Dodger (Tomi Wendt) kennen. Tomi Wendt absolvierte seinen ersten Auftritt auf den Händen laufend. Für dieses Kunststück erhielt er Szenenapplaus. Wendig und frisch sang und spielte er seine Rolle. Bühnenpräsent lieferte Uwe Schönbeck als Hehler Fagin eine urige Charakterstudie ab. Dem alten Gauner, der Oliver als Dieb ausbildet, verlieh der Darsteller auch einige sympathische und magische anmutende Züge. Als Dirne mit Herz stellt Henrietta Hugenholtz die Nancy dar, die eine Art Mutterrolle für die Titelfigur übernommen hat. Voller kräftig stimmlicher Würze sind ihre Gesangsdarbietungen und die Tanzeinlagen voller Ausstrahlung. Nancys unbedarftere Freundin Bet wird von Alfia Kamalova gegeben. Markig und umwittert von Bosheit sind die Auftritte des Schurken Bill Sikes. Dieser Rolle verlieh der Opernbariton Matthias Ludwig eine starke Kontur. In prägnanter Weise absolvierte er seine Gesangseinlagen. Ebenfalls prägnant spielte die Schauspielerin Petra Soltau die hartherzige, scharfzüngige wie berechnende Leiterin des Armenhauses Mrs. Corney. Laut, herb und vor Kälte steif gestaltete sie ihre Songs, passend zur Rolle. Eine Seele von einem treu sorgenden Menschen stand dahingegen mit Antje Tiné als Mrs. Bedwin auf der Bühne, die im Haushalt von Mr. Brownlow für Oliver sorgt. Tinés tiefer Stimme wohnte eine wohlige Wärme inne, die sich beim Singen geschmeidig entfaltete. Ein anständiger, integrer Charakter ist der Mr. Brownlow (Harald Pfeiffer), der wie man am Ende erfährt, Olivers Großvater ist. Mitglieder des Hauschores übernahmen die Rollen der Erdbeerverkäuferin (Eun Mi Suk), der Rosenverkäuferin (Monica Musteanu), des Milchmannes (Sang-Kyu Han) und Scherenschleifers (Chi Kyung Kim). Dieses exquisite Ensemble nahm überdies durch fantasievolle, üppig-dekorative Kostümierung (Bernhard Niechotz) gefangen. Die Rosenverkäuferin wurde in eine zart rosa Rose gewandet, die Erdbeerverkäuferin sah ebenfalls aus wie das Produkt, das sie feilbot. Die Gauner kleidete Niechotz in traumhaft bunte Flickenmäntel. Auch alle anderen Kostüme sind eine Augenweide. Abwechslungsreich ist auch das Bühnenbild von Lukas Noll. Oft sieht man auf dem Hintergrundsprospekt die Themse und die Kuppel der Londoner St. Pauls Kathedrale. Die Häuser der Großstadt stehen im Halbkreis auf dem Kopf, bunt bestückte Wäscheleinen geben ein anderes beeindruckendes Bild ab. Überdimensionale Häkelspitzen und ein großes Katzenporträt zieren die Wände des Heimes von Mrs. Crowney. Mal Unheimlich, mal hell und freundlich, und auch schrill– vielfältige, aussagekräftigeStimmungen erzeugt Noll mit seinen Bildern. Beide Ausstatter beweisen darüber hinaus Mut zum Kitsch.



Weitere Vorstellungen finden am 26. Oktober, am 04., 17. und 24. November, am 08. und 29. Dezember jeweils um 19.30 Uhr sowie am 31. Dezember um 18 Uhr im Großen Haus des Stadttheaters statt. Kartentelefon: (0641) 7957 -60/ -61.



Giessen, 21. Oktober 2007 / Bilder: Giessen-Server.de


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