Von Tanja Löchel

Eric Reisinger und Arthur Zakirov - Windows in Faces (Foto: Frank Sygusch)
GIESSEN. Wer hat sich nicht schon einmal dabei ertappt, in die beleuchteten Fenster der Häuser zu schauen, wenn er bei Dunkelheit durch die Straßen geht? Diese Variante des alltäglichen Voyerismus ist der Ausgangspunkt des neuen Tanzstücks „Windows in Faces“ von Tarek Assam, Chef der Giessener Tanzcompagnie. Die Uraufführung fand am Freitagabend in der TiL-Studiobühne in Giessen statt. Das Publikum spendete den Tänzern und dem Leitungsteam viel Applaus. Die Ausstatterin und gelernte Bildhauerin Denise Schneider fertigte Farbfilme an, die die Zuschauer durch die Fenster in Zimmer blicken lassen. In diesen Räumen sieht man die Tänzer in Alltagskleidung bei zunächst banalen Handlungen: Sie gehen durch das Zimmer, sitzen auf einem Sessel oder einer lüftet die Gardine und schaut hinaus und so weiter.

Miranda Glikson und Antonia Heß - Windows in Faces (Foto: Frank Sygusch)
Diese Farbwelt des Films wird durch die schwarz-weiß gehaltene Bühne kontrastiert. In einem weißen Raum führen die sechs schwarz gekleideten Tänzer – Miranda Glikson, Antonia Heß, Carine Auberger, Arthur Zakirov, Eric Reisinger und Kai Guzowski – ihre Bewegungssequenzen, teilweise zeitgleich zu den gezeigten Videobildern, auf. Die Choreografie geht von Alltagsgesten aus, die aber zu abstrakten Tanzbildern entwickelt wurden. Allerdings doppeln die Tänzer nicht die gefilmten Situationen, sondern der Tanz eröffnet Innenräume, drückt emotionale Zustände und Befindlichkeiten aus oder es entstehen einfach wirkungsvolle Sequenzen, die unterschiedliche Assoziationen hervorrufen.

Miranda Glikson und Eric Reisinger - Windows in Faces (Foto: Frank Sygusch)
Die Choreografie spielt dabei mit Innen- und Außenansicht. In der Schwebe bleibt auch, wer gerade wen beobachtet. Obwohl der Bühnenraum begrenzt ist, entwickeln die Tänzer eine ungeahnte Dynamik. Die Bewegungen gehen meist fließend ineinander über, aber das Publikum wird so manches Mal mit unvorhersehbaren Verläufen konfrontiert. In einer wettbewerbsartigen Szene konkurrieren zwei Männer heftig mit einander: Die Körper geraten aneinander wie aufeinander, trennen sich und prallen wieder zusammen. Eine weitere lyrisch anmutende Szene ist voller Heiterkeit, ein Lächeln liegt auf den Lippen der Personen, die Hände und Arme flattern voller Leichtigkeit wie Blätter im Wind.

Windows in Faces (Foto: Frank Sygusch)
Der Komponist Kai Niggemann entwarf für den neuen Tanzabend ein vielseitiges musikalisches Kaleidoskop. Er vermischte elektronische Klänge mit denen traditioneller Akustikinstrumente, wie Streichinstrumente oder Akkordeon. Es entsteht eine angenehme, gar nicht weiter spektakuläre, eher leise gedämpfte Geräuschkulisse, die in Wechselwirkung zur Choreografie steht und die wie Hintergrundmusik wirkt. In einer Sequenz wird klassische Musik imitiert, in einer anderen vernimmt man hörspielartig den Straßenverkehr und Schritte und ein anderes Mal erklingt französische Akkordeonmusik in Endlosschleife. Am Abend gab es viel Spannendes zu sehen aufgrund der Vielschichtigkeit der Produktion.

Antonia Heß - Windows in Faces (Foto: Frank Sygusch)
Die Filmbilder und das Bühnengeschehen bedingen einander und ergänzen sich, aber darüber hinaus werfen die Tänzer effektvolle Schatten, die teilweise auch zweifarbige (gelb, blau-violett) sind, auf den weißen Boden, welche dem Tanzgeschehen eine weitere Dimension hinzufügen. Am Ende des Stücks wird die Ebene der Abstraktion verlassen, die Gesten der Tänzer werden ganz banal und der Bewegungsfluss kommt zur Ruhe.
Die Besetzung des Tanzabends wechselt ab. In anderen Aufführungen tanzen auch Svende Obrocki, Anuschka Moccetti, Masami Sakurai, Hirotaka Seki und Paul Zeplichal.
Weitere Vorstellungen finden am 30. November und am 16. Dezember jeweils um 20.00 Uhr in der TiL-Studiobühne (Löbershof 8, Giessen) statt.
Kartentelefon (0641) 7957-60/ -61
Giessen, 17. November 2007 / alle Bilder: Frank Sygusch
Februar 2012
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