Von Frank Sygusch

Der Gott des Gemetzels - Schauspiel von Yasmin Reza im Stadttheater Giessen
(Foto: Frank Sygusch)
GIESSEN. Vier Schauspieler sind zwei Elternpaare auf der Bühne des Lebens und treffen sich zu einer gemeinsamen Aussprache und fürs Versicherungsprotokoll, weil sich die beiden elfjährigen Söhne auf dem Schulweg geprügelt haben. Bruno, dem Sohn der Gastgeber Véronique und Michel Houillé, fehlen nach der körperlichen Auseinandersetzung zwei Schneidezähne, die ihm Ferdinand, der Sohn von Annette und Alain Reille, mit einem Stock ausgeschlagen hat. Der Vorfall soll in vertrauter und kultivierter Umgebung, im häuslichen Umfeld bei Kaffee und Clafoutis geregelt werden, um gemeinsam zu klären, was pädagogisch sinnvoll ist, damit die Sache in toleranter Atmosphäre ausgeräumt werden kann. Doch bereits von Beginn an ist klar, dass um jede Wortbedeutung gerungen wird. Ein einziges Wort reicht aus, und gegenseitige Schuldgefühle und Vorwürfe kommen hoch und der Stillstand der Waffen endet im offenen Gefecht.
Véronique ist sozialkritische Buchautorin, sammelt erlesene Kunstbände und ordnet ihre Welt mit Dokumentationen über den Grenzkonflikt zwischen Äthiopien und Eritrea und arbeitet an einem Buch über die "Tragödie in Darfour“ im Sudan. Ihr Ehemann Michel betreibt einen Großhandel mit Haushaltswaren und vertreibt Töpfe, Türschlösser, Kupferrohre für die Wasserinstallation und andere Metallwaren. Michel hat eine ausgeprägte Angst vor Nagetieren und eigentlich vor allem, was am Boden lebt. Alain ist Anwalt, ein unruhiger, egozentrischer und korrupter Individualist im saloppen maßgeschneiderten Anzug, der alle 5 Minuten telefonieren muss, um einen Pharmaskandal zu vertuschen. Just, das ist die Hölle für seine Ehefrau Annette, und schreiend vor Schmerz leidet sie darunter und klagt an, denn ihr Beziehungsleben wird von dem Handy des Ehemanns bei lebendigem Leib tagtäglich zerhackt.
Als die Eltern von Bruno auch noch eine Entschuldigung von Ferdinand gegenüber ihrem Sohn wünschen, bedeutet das den Anfang vom Ende und die Nerven liegen blank. Annette, die Vermögensberaterin, wunderbar, graziös und lebhaft im straffen Hosenanzug mit Umhängetasche von Kyra Lippler elegant verkörpert, öffnet ihre Seele als erste, als sie von den Turbulenzen und den Argumenten ergriffen und überrascht wird. Annette gibt den gerade gekosteten Birnen-Apfel-Clafoutis der Gastgeberin zurück. Sie kotzt alles auf den Boden des Wohnzimmers aus, genau dorthin wo ein kostbarer Oskar Kokoschka Kunstkatalog von Veronique liegt, die daraufhin in wilder Panik und in hysterischer Reaktion vollkommen und wunderbar ausrastet, als ob die Welt gerade untergeht. Nur das Bühnenbild mit der gebogenen Oberfläche rettet die Protagonistin vor dem Absturz in die Ohnmacht und verbirgt und verschluckt lautlos jeden Schritt, den sie tut.
Es ist ein hoher Punkt im Focus zwischen Kanten und gebogenen Linien im blauen unendlichen Licht, dort wo sich Ebenen und Achsen treffen, bietet das anziehende Bühnenbild eine Flucht. Aber oben angekommen zieht die Schwerkraft die Figuren zurück in den Strudel des Geschehens. Das findet am Rande des komischen Abgrundes statt und die archaischen Kräfte, die dabei freigesetzt werden sind beträchtlich. Fortan gerät alles unter die Logik der Friedlosigkeit und rasant und geschickt fallen sich alle gegenseitig rhythmisch ins Wort und in den Rücken. Es ist der Auftakt für Verbalattacken, die negative Gegengefühle zünden lassen. Aufs weite und offene Meer der trivialen Beziehungsebene getrieben, verlassen die Paare zügig und für Momente den sicheren Hafen der Institution Ehe und lassen sich freizügig treiben.
Scharfe Wortfetzen fliegen ins Gefecht, die kleinen Geheimnisse des anderen werden freigegeben und zu Schau gestellt und die Blicke zeigen grinsende Masken. Ab und zu zeigt sich die Wut in spontanen Gefühlsaktionen mit einer hohen Geschwindigkeit, um sich wieder runterzuspulen und zu entladen: Veronique schüttet und schleudert wutentbrannt die Utensilien aus Annettes Handtasche hinaus in den Raum und Annette zerreißt die gelben Tulpen und verstreut die Blumen auf dem Boden. Herz zerreisend komisch wirkt der Kampf zwischen Veronique und Michel um die Zigarrenkiste und später schlägt sie auf den Rücken ihres Mannes ein, weil er in aller Seelenruhe anfängt genussvoll einzelne Seiten aus einem Kunstband seiner Frau heraus zu reißen. Da hockt Véronique weinend neben ihrem Mann, der lässig dahin schmunzelt und dabei schadenfroh in eine ferne Finsternis blickt. Das alles geschieht unter Gelächter und am Ende liegt alles am Boden neben den ausgekotzten Kuchenstücken kreuz und quer im Wohnzimmer verstreut.
Dem Publikum in Giessen bietet die Inszenierung reichen Stoff zur Identifikation und es findet Gefallen. Denn mit bildhaften Skizzen aus der Beobachtung einer Innenperspektive wird es dem Zuschauer ermöglicht teil zu haben an einem Geschehen, dass die naive Fassade der menschlichen Verhaltensweisen offen legt. Aus dem von Beginn an sinnlosen Bemühen einer unehrlichen und diktierten Versöhnung, entwickeln sich schnell scharfe Wortgefechte mit wechselnden Geschlechterkoalitionen und Kalibern, und alsbald wird das Grauen offen beim Namen genannt, das sonst nur im Verborgenen schlummert. Vieles wird ausgesprochen und geborgen aus der tiefen Ferne im Nächsten im Wohnzimmer von Véronique und Michel. Die Paare erleben sich von innen heraus, lassen ihren sadistischen Impulsen freien Lauf und agieren aus, was ihnen ins Gemüt gerät. Die Attacken des anderen durchdringen die dünne Haut des schutzlosen Selbst und alle geben sich rasch einer allgegenwärtigen Gewaltsituation preis, die über all dem naturhaft zu schweben scheint. Jeder schleudert dem anderen und sich selbst die kleinen Lektionen über die Borniertheit konventioneller Attitüden entgegen und was immer einmal gut und anständig war, ist am Ende des Abends verdorben für immer bis ins innerste. Oder doch nicht? Die Besucher der Premiere spüren das Komisch-Tragische und die Pointen, die mal offen und mal versteckt und immer rasend schnell ankommen wie Boxhiebe, gezielt geschlagen und doch erheiternd und abwehrend zugleich.
Mit der rhetorischen Frage von Michel und der klaren Antwort von Véronique "Gut möglich, dass dieses Tier gerade einen Festschmaus hält? Nein!“, endet das Stück und das Giessener Premierenpublikum ist begeistert von der Aufführung und spendet minutenlang tosenden Beifall. Die vier Schauspieler scheinen gerührt darüber und sie wirken jetzt auf der Bühne, als ob sie ernsthaft überlegen, was das bedeuten kann?
Die vier Darsteller, Carolin Weber (Véronique); Kyra Lippler (Annette); Christian Fries (Alain) und Roman Kurtz (Michel) interpretieren das Stück und die Figuren der Erfolgsautorin Yasmina Reza auf wunderbare und leichte Weise. Die Dialoge aus dem situativen Kontext heraus auf der Bühne entstehen zu lassen und immer entlang der Textvorlage zu interpretieren sind eine große Herausforderung. Das Quartett meistert die anspruchsvolle Aufgabe mit Bravour. Zahlreiche Pausen, die spontan aus der Situation und Interaktion entstehen, werden gekonnt ausgenutzt und eingesetzt. Es ist ein ergreifendes Zusammenspiel der vier Personen auf der Bühne, die in dem von Lukas Noll phantastisch gestalteten Raum, einen präzisen Ort und eine ideale Projektionsfläche für den Dialog mit sich selbst und die kontradiktorischen Argumentationsformen finden. Die Komödie wird auf die Spitze getrieben und fast magnethaft werden die Zuschauer von den Dialogen angezogen, als ob es Teile sind, die an allen Menschen zu kleben scheinen.
Im Stück der Autorin Yasmin Reza erhält die Triade als gestaltende Kraft der dynamischen Zweierbeziehung eine hohe Bedeutung und unsichtbare Kräfte scheinen ihre Wirkung zu entfalten. Denn im imaginären Raum auf der Bühne sind über das Telefon und aus der Erzählung weitere Personen allgegenwärtig und permanent anwesend: die Mutter von Michel, die mehrmals anruft; eine jüngere Schwester von Bruno, die um ihren Hamster trauert und ein weiterer Sohn aus erster Ehe von Alain. Dazu das kleine Nagetier, der ausgesetzte Familien-Hamster und als unsichtbares Objekt eine thematisierte Asthmaerkrankung bei Bruno.
Cathérine Miville gelingt es in der Inszenierung diese Ebenen und Schnittpunkte von Gefühlsmechanismen offen zu legen. Die Paare kämpfen füreinander, gegeneinander und umeinander und immer wieder dringen die Enttäuschung und Verzweiflung an die Oberfläche des Gemüts. Eigenschaften, die am Partner vielleicht irgendwann einmal anziehend wirkten, werden jetzt als eigene abgespaltene oder verdrängte Aspekte der eigenen Persönlichkeit wieder entdeckt und abgestoßen, weil sich der andere nicht mehr entsprechend einer Figur aus der eigenen Phantasiewelt verhält. Eine komische Versöhnung kann es natürlich nicht geben und so schreitet die Realität voran und scheitert. Ein Blick auf den Weg zur Heilung des Abgespaltenen findet nicht statt. Das ist auch gar nicht die Absicht des Schauspiels von Yasmina Reza, das einzig und allein unterhalten will. Und trägt nicht auch der gute Rum seinen Teil dazu bei, das es zur Eskalation kommt?
Michel, der den niedlichen Hamster seiner Tochter einfach ausgesetzt und das kleine Tier sich selbst überlassen hat, bietet ein klares Bild und Beispiel vom Menschen mit aggressiver Motivation. Eine nette und lebendige Ruine mit der großen Angst vor der Verpassung des Glücks, zu allem fähig, gerät er an den Rand seiner Existenz, wenn er einen Hamster sieht, weil der innere Konflikt des Augenblicks, als Stellvertreter für seine ungelösten Lebensprobleme dient. Roman Kurtz fesselt in der Figur mit mimischer Expressivität und führt die Zuschauer durch ein strukturiertes Geflecht von Ängsten und Wünschen an die Rückkehr des Verdrängten.
Die zerhackte Kommunikation in der Paarbeziehung von Annette und Alain ist die Hölle und als die Ehefrau dem ein Ende bereitet, löst es einen unendlichen Schmerz aus. "Aber das ist doch mein ganzes Leben“, schreit der Ehemann seine schreckliche einsame Wahrheit in den Raum. Verzweiflung und Befreiung breiten sich aus im Theaterraum, und eine kurze, unendliche Stille tritt ein, so als ob ein Schrecken kein Ende findet. Doch gleichzeitig ist es auch eine heitere Geschichte mit viel Witz und Humor und das Giessener Publikum hat auch an dieser Stelle lachen können und das ist gut so. Natürlich ist es eine komische Misere, wenn der Ehemann von der eigenen Ehefrau im Blumenwasser zum Stillschweigen gebracht wird.
Die minimale Bühnenausstattung der Requisiten, die exemplarisch genutzt und meisterhaft eingesetzt den Focus auf die Handlung wenden, ist perfekt organisiert. Zum Beginn der Inszenierung ist das Licht von einem lapizblau getragen, was die Ewigkeit, Sehnsucht und Unendlichkeit assoziiert und symbolisch die Einzigartigkeit thematisiert. Es finden sich kleine Tische oder Sitzgelegenheiten, in der Oberflächenform im Dreieck gestaltet, entlang des Grundprinzips unserer Beziehungsebenen, farbig im Einklang mit dem gebogenen Boden in Kastanienfarbe auf viele Elemente zerteilt. In den Kanten der Schnittflächen und in der Höhe ein ferner Fluchtpunkt, der Zuflucht bietet. Der Raum ist kantig und rund gebogen in der wegführenden Fläche, wie das Gestaltungselement im kleinen Tisch. Die Bühne bietet von Anfang an das Gefühl für eine Irritation. Links zeigen zwölf Stufen einer Leiterstufe empor in den unendlichen Himmel der Liebe. Einmal legt Alain seinen Schal auf die fünfte Treppenstufe und es wirkt wie ein Strick vom Galgen herab; später klettert er eine Stufe höher und signiert über sich und die Welt. Dann werden die Schals geschwenkt, wie Peitschen oder ein Musikinstrument. Eine weiße Fläche hebt in Reinheit alle Gegensätze, Widersprüche und Konflikte auf und die Schatten von Alain, Michel, Veronique und Annette wirken angenehm auf das Auge, wenn im Hintergrund Kaffee und Clafoutis geholt oder die Kotze im Badezimmer vom feinen Zwirn trocken geföhnt wird.

(v. li.) Cathérine Miville, Lukas Noll, Roman Kurtz, Carolin Weber, Kyra Lippler und Christian Fries (Foto: Frank Sygusch)
Der Gott des Gemetzels von Yasmina Reza im Stadttheater Giessen
Véronique Houillé – Carolin Weber
Michel Houillé – Roman Kurtz
Annette Reille – Kyra Lippler
Alain Reille – Christian Fries
Inszenierung – Cathérine Miville
Bühne und Kostüme – Lukas Noll
Dramaturgie Vivica Bocks
Licht – Christopher Moos
Regieassistenz – Claudia Pink
Weitere Vorstellungen: 10. und 26. Januar 2008 jeweils 19.30 Uhr und 20. Januar 2008 um 15.00 Uhr
Giessen, 16. Dezember 2007 / Text und Fotos: Frank Sygusch
Februar 2012
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