von
Tanja Löchel
GIESSEN. Nach der Premiere von Jules Massenets Drame lyrique „Werther“ nach Goethe am Samstagabend im Großen Haus des Stadttheaters wurde das Sägerensemble mit reichlich Applaus und Bravorufen bedacht. Auch der am Pult überlegen agierende Generalmusikdirektor Carlos Spierer und das exzellent musizierende Philharmonische Orchester Giessen ernteten wohlverdienten Beifall. Nicht so der Regisseur Paul Esterhazy, der viele Buh-Rufe für seine recht ungewöhnliche Interpretation der Oper entgegennehmen musste.

Werther - Oper von Jules Massenet im Stadttheater Giessen (Foto: Giessen-Server.de)
Vor allem die differenziert singende sowie herausragend schauspielernde Giuseppina Piunti (Charlotte) und Tenor Fernando del Valle, der die anspruchsvolle Werther-Partie am Abend stabil bewältigte, wurden begeistert bejubelt. Solisten und Orchester ließen unter Spieres Leitung kaum Wünsche offen. Das differenzierte Charakterisierungsvermögen, das die eingedunkelt-verhaltene Seite ebenso ins rechte Licht rückte wie den Rausch und die wohldosiertenGefühlseruptionen, die Präzision und der durchdacht gestaffelte Klang ließen den Abend musikalisch gelingen. Ein weiterer Höhepunkt war der wundervoll perfekt hinter der Bühne singende und bestens von Martin Gärtner einstudierte Kinder- und Jugendchor.

Generalmusikdirektor Carlos Spierer und Regisseur Paul Esterhazy (Foto: Giessen-Server.de)
Der studierte Theaterwissenschaftler und Jurist Esterhazy war nach zahlreichen Engagements als Dramaturg und Chefdramaturg von 2000 bis 2005 Generalintendant des Theaters Aachen, wo er auch oft Regie führte. Zum ersten Mal inszenierte er nun in Giessen und ebenfalls zum ersten Mal setzte er seine Lieblingsoper „Werther“ in Szene. Da unter dem Aspekt der Handlung die Oper nicht viel hergibt – ein Mann liebt eine bereits an einen anderen vergebene Frau und begeht Selbstmord – entwarf Esterhazy eine heutige Parallelhandlung zur die Emotionen und Befindlichkeiten der Figuren abbildenden Musik von Massnet. In der aktuellen Giessener Version kommt der allein lebende Maskenbildner Hans-Werner Thärchen am Weihnachtsabend nach Hause, legt eine „Werther“-DVD auf und lässt die erlebten Enttäuschungen und zerstörten Hoffnungen seines Lebens noch einmal Revue passieren. Das Publikum hört also „Werther“ musikalisch und sieht andere Bilder. Die Partie der Charlotte wurde in verschiedene Frauenfiguren, die im Leben von Thärchen eine entscheidende Rolle gespielt haben, aufgeteilt: Im ersten Akt tritt die Mutter Thärchens als junge Frau - hier geht die Handlung in die 70er Jahre des 20. Jahrhunderts zurück als Thärchen noch ein kleines Kind war - und als ältere Frau (heute) auf, im zweiten Akt kommt die Nachbarin, von der sich der Maskenbildner Nähe erhoffte, im dritten Akt begegnet der Maskenbildner einer von ihm verehrten Primadonna und im vierten Akt erscheint Charlotte, wie sie idealer weise sein sollte. Am Ende seiner Lebensbilanz reißt Thärchen das Fester auf; ob er wie Werther Selbstmord begeht oder doch noch davon Abstand nimmt, lässt die Regie offen. Dies alles ereignet sich auf beengtem Raum. Aufgrund der Vielschichtigkeit - private Szenen in der Wohnung wechseln mit beruflichen Sequenzen am Schminktisch ab oder verschmelzen gar- verlangen die Aktionen dem geneigten Zuschauer einige Anstrengungen ab.

Generell ist das Inszenierungskonzept durchaus nachvollziehbar, doch muten Einfälle recht willkürlich und plakativ an, wie der Auftritt von zwei Müllmännern und die blinkenden Teufelshörnchen, die sich einige Protagonisten immer mal wieder aufsetzten. Überhaupt hätte der Weg zur Depression und in den Selbstmord stringenter und für das Publikum deutlicher herausgearbeitet werden müssen, denn vieles lässt in Folge des beliebigen, visuellen Überangebotes einfach kalt. Dennoch vermittelt die Regie eine Leere und einen Identitätsverlust der Hauptfigur, die als letzte Konsequenz in einen Suizid enden können.
Pia Janssen (Kostüme und Bühne), die seit langem mit dem Regisseur zusammen arbeitet und erst vor Kurzem die Ausstattung für „Maria Stuart“ entwarf, erschuf ein klaustrophobisches, recht karg möbliertes Einzimmer-Appartment in einem Hochhaus, dem jegliche Individualität fehlt. Dieses Zimmer wird in jedem Akt um 90 Grad gedreht, so dass der Zuseher jeweils durch eine andere Wand in den Raum schaut. Überdies befindet sich ein Schminktisch, der Arbeitsplatz von Thärchen in diesem Raum. Kostümen, Bild und Inszenierung ist ein filmischer Überrealismus eigen. In der Inszenierung finden sich auch Originalzitate: So die Kleidung Charlottes und Werthers, die aus dem Wetzlarer Museum kopiert wurden. In diesen Kostümen treten die Nebenfiguren Kätchen (Rebekka Kwon) und Brühlmann (Jens Ravari) auf.

Eine stimmliche Glanzleistung ist die Charlotte von Giuseppina Piunti. Neben der mühelosen Souveränität, die die Sängerin an den Tag legte, machte sie die inneren Seelenzustände und Konflikte ihrer Rolle erfahrbar. Darüber hinaus bewies Piunti, dass sie eine herausragende Darstellerin ist. Überzeugend authentisch spielte sie bis ins kleinste Detail die von ihr abverlangten, so gänzlich unterschiedlichen Rollen. Diese Wandlungsfähigkeit sucht auf der Opernbühne wohl ihresgleichen und ist schlichtweg beeindruckend. Ebenfalls sehr eindringlich und berührend gestaltete Fernando del Valle seine Rolle. Stimmlich verfügt er über eine leuchtende Strahlkraft, aber auch in den verhalten abgedunkelt depressiven Regionen war er an diesem Abend zu Hause, obwohl die leiseren Töne ein wenig verbraucht klangen. Alles in allem bewältigte er die immens schwierige, große Partie immer stimmlich präsent und seine emotionale Ausdruckfähigkeit nahm das Publikum mit.
Haussopranistin Alfia Kamalova brillierte mit nicht nur stimmlicher Ausstrahlung. Vorzüglich sind ebenso die schauspielerischen Qualitäten, in der Rolle der Sophie, die ähnlich der Charlotte von der Regie auf verschiedene Rollen aufgeteilt wurde. Frisch, quirlig, fröhlich spielte sie eine Nachbarin, die sich als Weihnachtsengelchen verkleidet, und eine junge Maskenbildnerin. Matthias Ludwig singt mit vollkommener Mühelosigkeitund viel Schmelz in der Stimme den Albert. Seine gekonnte Interpretation gefiel. Auch er muss verschiedene Charaktere darstellen: So einen Sänger, der als Othello geschminkt wird, und den spießigen Nachbarn. Dies alles spielte er ebenso überzeugend wie seine Kolleginnen. André Eckert (Le Bailli), Christian Mendizabal (Schmidt) und Tomi Wendt (Johann) komplettieren das Sängerensemble. Der kleine Paul Daum spielte talentiert ein Kind (Thärchen als Junge und den Sohn der Nachbarin); in weiteren Vorstellungen ist auch Robin Wenzel in dieser Rolle zu sehen.
Weitere Vorstellungen finden am 27. Januar, am 01., 09. und 17. Februar und am 02. und 14. März jeweils um 19.30 Uhr im Großen Haus des Stadttheaters statt. Kartentelefon: (0641) 7957 -60/ -61.
Giessen, 20. Januar 2008 / Text: Tanja Löchel / Fotos: Frank Sygusch
Februar 2012
Giessen Links
Stadt Giessen
Justus-Liebig-Universität
Fachhochschule Giessen
Tourist Information Giessen
Kunsthalle Giessen
Stadttheater Giessen (Jahresprogramm)
Mathematikum in Giessen (Jahresprogramm)
Botanischer Garten in Giessen
Liebig Museum in Giessen
Kümmerei in Giessen
Messe Giessen