
GIESSEN (fsy). Die Rauminstallation von Charlotte Malcolm-Smith im Kunstraum des Neuen Kunstvereins Giessen ist bunt und gestrickt mit der Strick-Liesel. Hoch in den Raum zur Decke hin streckt sich das Kunstwerk, das eine sonderbare Ruhe ausstrahlt. Oder fällt es vom Himmel herab, also von oben und strudelt im Wirbel auf den Boden des Raums? Oder schwebt es im Raum, wie ein Raumschiff ohne Kapitän, denn der hat sich der Meuterei angeschlossen?


Das Objekt im Raum ist weich, sanft und anschmiegsam anzuschauen und all zu leicht lässt es sich zu Seite schieben. Alle, die den Kunstraum betreten wollen, können in Berührung mit dem Stoff kommen, der zur Form geworden ist. Die Anziehungskraft der zur Skulptur gewordenen Fäden und Strickmuster ist mächtig, und intuitiv möchte man sich in die Mitte des Gestrickten begeben und es scheint, als könne sich niemand dieser Dynamik entziehen. Die Anzahl der möglichen Perspektiven und Standorte im kleinen Kunstraum des Neuen Kunstvereins Giessen scheinen unendlich zu sein. Zumindest die Augen bekommen eine Lust hin und her zu wandeln, um das große bunte Netz mit der Netzhaut zu ertasten.

Den Blick von draußen nach innen gewendet, durch die Fenster, wirkt das Objekt noch stärker wie ein Netz, von Fischern aus dem Boot ausgelegt und ins Meer geworfen, um einzufangen lebendige Speisen. Aber wie im lebendigen Meer, so auf der Netzhaut des Auges, wird dann alles eingefangen, abgebildet und bleibt alles kleben und hängen im Gedächtnis, was gar nicht gewünscht war. Die Farben und Farbformen von Charlotte Malcolm-Smith sind vielschichtig, fast phantastisch und das Licht dringt durch die Ritzen, Spalten und Kästchen, wie Nadeln auf die Haut als Objekte. Die Haut, die für uns als größtes Organ so wichtig ist, scheint in der Kunst von Malcolm-Smith eine besondere Rolle zu spielen, denn die Haut möchte das Kunstwerk berühren.

Wie lebendige Baumrinde von der Schwerkraft befreit, hängen die schwarzen, leblosen Körper im Bild gegenüber an der Wand im Kunstraum, das der Rauminstallation entgegen gestellt scheint. Sind es Mörder, Diebe, Scharlatane, Hexen, Bösewichte, die man verkehrt herum aufgehängt hat? Zwei starke Helden in blauen Jeans tragen die langen Bäume der Last und beide versinken ein bisschen unter der Kraft unseres Blickes ein. Hieb und Stich sind fest und gehen unter die Haut und die beiden starken Boys scheinen alles zu tun, damit sich niemand gegenseitig berührt. Die getragenen Baumstämme werden gestemmt und zeigen ihre Wurzeln dem Licht entgegen ohne Schattenbilder entstehen zu lassen.

In der Edition unter dem Titel "The day I killed my mother", die für die Giessener Ausstellung entstand, wird eine hellrote Figur mit einem Messer in der rechten Hand und einer langen abgeschnittenen Haarpracht in der linken Hand gezeigt. Den Vordergrund des Kaltstichs bildet ein Notenblatt mit Partitur und Text. Die Figur wirkt hautlos und das Notenblatt zeigt Schattenlinien.

Die Ausstellung geht bis zum 01. März. Öffnungszeiten: mittwochs 16.00 bis 19.00 Uhr, samstags 14.00 bis 17.00 Uhr im Neuen Kunstverein Giessen Ecke Licher- / Nahrungsberg.
Giessen, 23. Januar 2008 / Fotos: Giessen-Server.de / Frank Sygusch
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