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Die Sanierungs Manufaktur

Manfred Miersch gebaut gezeichnet Ausstellung in Giessen





Kunstform als dynamischer Rekurs auf Kontinuitätserwartung / Kunst und –wissenschaft als gemalter Zettelkasten und gebautes Betriebssystem / Oberhessisches Museum vom 08. Februar bis 30. März 2008






von Frank Sygusch












Skulptur, 1990









GIESSEN.             Gestern fand im Oberhessischen Museum die Eröffnung der Ausstellung "gebaut/gezeichnet" von Manfred Miersch statt. Der in Berlin lebende Künstler setzt Objekte und bildhafte Darstellungsformen im Raum ein, variiert mit Präsentationsformen von Kunstgeschichte im öffentlichen Ausstellungsraum und verweist gleichzeitig auf verschiedene Denkrichtungen. Der Betrachter wird zunächst in eine Konfusion verwickelt, denn die Werkschau (Idee / Objekt / Information / Gestaltung) hat das Vermögen zu irritieren und fordert heraus.




















Die ausgestellten Arbeiten füllen den Ausstellungsraum auf erfrischende Weise und zeigen eine große Auswahl an reduzierter Gegenständlichkeit, harmonischen Formen, ausgewogenen Größenverhältnissen, leuchtender Farbvielfalt, geometrischen Projektionen und geordneten Strukturen. Das Alltagsgeschehen und die Gegenstände, die der Künstler Manfred Miersch mit Erkenntnis zu verbinden sucht, bilden eine wechselbezogene Einheit und die präsentierte Kunst ist in ihrer Formgebung und Anordnung auch eine strenge, methodische Fragestellung.













Altar für Arbeiter, 1988









Leuchtende Farblinien in Bildpunkten


Stellt man sich in eine Ecke des Raumes und betrachtet die Tafeln am anderen Raumende, wenn am späten Vormittag die Sonnenstrahlen den Ausstellungsraum durchfluten, dann leuchten die Farben wie Pfeile in die Tiefe des Raumes hinein. Heraus aus den zweidimensionalen Bilddarstellungen und es scheint, als kreuzen sich die Farblinien und -wellen in Bildpunkten des Raums. Die Farben selbst kennen keinen Resonanzboden, aber die Objekte, die vorher als Skulpturen geschaffen und gestaltet wurden und als Objektidee und Referenz dienen. Verbirgt also das Objekt die Idee der Farbe des Bildträgers? Ist bereits dreidimensional abgebildet im Raum und vorbereitet, was im bildhaften Werkverzeichnis mit Leuchtkraft und im Minimalkonsens anschließend entsteht und vom Betrachter in den Kontext gesetzt werden kann? Manfred Miersch erschafft Kunst-Objekte aus Alltagsgegenständen und Ideen, zeichnet oder malt diese entstandenen Objekte anschließend auf Informationsträger, als mögliche Abbilder und gestaltet damit eine Differenz zur Idee, die im Denkraum entsteht.










Bauhaus - Bausatz 1989/90









Die auf grundierter Leinwand gezeichneten und gemalten 60 Bilder sind auf gebeizte DIN A 3 Holztafeln aufgezogen und in Augenhöhe rund um an den Wänden angebracht.  Die Gesamtheit der gezeichneten und gemalten Bilder sind als ein bildhaftes Werkverzeichnis von Ausstellungsobjekten zu verstehen. Das Werkverzeichnis korrespondiert mit neun realen im Ausstellungsraum verteilten Kunstobjekten und in der Idee mit weiteren, nicht im Raum befindlichen, imaginären Objekten.









Ohne Titel 1997











Der Werkprozess und mögliche Kunstraum, der sich permanent im Wandel befindet, wird somit dokumentiert und beschreibt in gemalter Präsentationsform den Verarbeitungsprozess von Konventionen (einschließlich der Sprachkonvention als Zeichensysteme und Sprachmuster) und organisiert im Gegenbezug mit den ausgestellten Objekten einen differenzierten Umgang mit alltäglichen Gegenständen in unterschiedlichen Aggregatzuständen.










Manfred Miersch "Bauhaus – Bausatz"










Die Schau mit Werken, die in den Zeiträumen der 80-Jahre bis heute entstanden sind, erinnert an mögliche Denkformen, die aus einem großen imaginären Zettelkasten mit vielen Schubladen und Ideen / Informationen entstanden sein könnten. Intuitives und logisch-analytisches Denken, Erfahrungswissen und Einsichten finden hier zusammen und treffen nun aufeinander mit den Klangeigenschaften und Frequenzbereichen der Farben und Farbformen, die in Objekten zusammengeführt werden und neue Ideen entstehen lassen.









Detailansichten (linke Flächenseite) einer Skulptur









Als Skulptur zum Anfassen geschaffen finden sich z.B. kubische Elemente, Metall- oder Holzstangen, die gedreht werden können, farbige Flächenformen im Raum sortiert und reduzierte Proportionen, ausgewogen und harmonisch gestaltet oder, als ein Teil des Werkes, in ausgelegter Tuchform in lila über einen angedeuteten Tisch ausgebreitet. Alles ist komplex, denn daneben liegen in Folie eingeschweißt als "Bauhaus – Bausatz", als noch uneingelöste Bedeutungen, mehrere Kunstformmöglichkeiten auf dem Boden, die noch gar nicht sind, aber zum Bauhaus oder religiösen Gebetshaus oder Kinoleinwand mit Doppelsitzplatz werden könnten. Die unterschiedlichen Farben der Tücher der drei Bausätze laden ein zur Partizipation, aber vorsehen ist geboten: erst einmal lustvoll ausgepackt ist die Folie, die das Licht im Raum spiegelt für immer verloren gegangen? Oder lässt man eine Kunstpackung als verschlossen im ewigen reinen Zustand fürs Betrachten? 4 Bausätze hat das Bauhauspaket, oder gar mehr?













Detailansicht rote Fläche auf weißem Tisch









Die Arbeiten basieren regelrecht auf der Interaktion von Flächen, Farben und Werkformen und suchen die Gestaltung im Raum, die noch nicht ist, weil die gestaltete Form eine Idee braucht und den Betrachter. Das wiederum ist an Sprache gebunden, oder doch nicht? Orangerote Kunstgeschichtsschreibung im Aktionskoffer verpackt? Und jeder Zustand des Kunstwerkes im Prozess der Wandlung hat eine Bedeutung.










Zeichentisch, 1990









Kunst als Präsentationsform im Persönlichkeitskatalog ("Speichersegment“; "Zeichengeber“; "Klimabox für Kunstbücher“; "Bildträger“; "Stücke mit verteilten Rollen“; "Datenträger“)








Die Präsentationsform des 64-seitigen Katalogs lädt geradezu ein, sich selbst als Informationsträger auszugeben und sich im Austausch mit den Objekten auf eigene Ideen, Skizzen und Bilderformen einzulassen. Der Katalog kann von beiden Buchdeckelseiten aufgeschlagen werden! 32 Seiten sind als gängiger Kunst- und Ausstellungskatalog konzipiert und 32 Seiten sind leuchtend hellgelb und blank.






Freigegeben als Notizblock, Skizzenblock, Zeichenpapier oder Schreibwerkstatt, und bietet die Bedingung der Möglichkeit den eigenen Umgang mit den Kunstwerken im Raum zu organisieren. Entstehen können fiktionale Darstellungen zur modernen Kunstgeschichte mit praktischen Skizzen oder eine Kunstgeschichtsschreibung, die sich in fiktiven Erzählungen organisiert … wer will zeichnet Kochrezepte oder malt seine Empfindungen in Farbe aufs Papier, oder schreibt sein persönliches Kunsttagebuch über die Besucherinnen und Besucher der Vernissage …oder erfindet Titel für die Kunstwerke, die "ohne Titel" heißen. Der Ausstellungskatalog ist ein analoges Werkzeuginstrument und utopischer Datenträger zugleich.









Mengenelement Ia 5/93 G, 1993













So bietet der Katalog als ein weiterer Zustand der Werkschau die Möglichkeit für ein partizipatives Verfahren und das Konzept ist schon ein bisschen genial, denn es zeigt eine konstante Erwartung und Hoffnung auf Gestaltung, weil es die Wahrnehmungsfähigkeit einladen will zu prüfen, was wir zu sehen glauben, ohne es wirklich zu wissen. Das ist spannend und interessant zugleich, wirft es doch einen Blick zurück auf die vielen Fragen nach den Begriffen und Wortbedeutungen grundsätzlich und nach Material, Form und Farbe, über alles, was wir im Alltag sehen und in unserer Gesellschaft einsetzen, wie z.B.die Frage: Was ist ein roter Stuhl?













Manfred Miersch in Giessen








Die Ausstellung ist bis zum 30. März dienstags bis sonntags von 10.00 bis 16.00 Uhr geöffnet; der Eintritt ist frei. Am 21. März ist die Ausstellung geschlossen.







Giessen, 08. Februar 2008 u. 13. Februar 2008 / alle Fotos: Frank Sygusch










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