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Theaterpremiere: Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran

Publikum feierte die Premiere im Theater im Löbershof (TiL) mit anhaltendem Applaus / Schauspieler Benjamin Strecker als Momo und Rainer Domke als Monsieur Ibrahim glänzten in ihren Rollen





GIESSEN (fsy).         "Als ich elf war, habe ich mein Schwein geschlachtet und bin zu den Huren gegangen." So fängt die Erzählung an, im Paris Anfang der 60ger Jahre. Dort lebt Momo zusammen mit seinem schwermütigen Vater im jüdischen Viertel in der Rue Bleue. In der Rolle des jungen Moses spielt der junge Schauspieler Benjamin Strecker herzergreifend und –zereißend das einsame Leben eines Kindes im Übergang zum Jugendlichen, das ohne Glück durchs Leben gehen muss, weil es sich permanent verlassen fühlt. Fast mit Leichtigkeit spielt er, aus der Sicht des erwachsenen Ich-Erzählers und im Dialog, entlang dem schmalen Grad am Rande des Abgrundes zurück in eine verborgene Kindlichkeit, die in uns allen zu stecken scheint.


Benjamin Strecker in der Rolle des Momo (Foto: Giessen-Server.de)



Das Bühnenbild von Bernhard Niechotz ist mehrdimensional und raumübergreifend mit klaren Linien und einprägsamen Bildern organisiert. Die beiden Schauspieler sind bereits vor Beginn des Stückes auf der Bühne, als das Publikum das Theater betritt, so als ob das Geschehen zeitlos erscheint. Immer wieder durchbricht der heranwachsende Momo die blauen Begrenzungslinien des Bühneninnenraums, um sich erzählend in die Tiefe der Fläche hinein zu bewegen, sich zu erinnern und um frei zu werden. Über der Rue Bleue schwebt der unendliche, imaginäre dunkle Raum, sichtbar eingegrenzt als blaues Quadrat, das aber im Bühnenraum darunter unsichtbar bleibt und den Raum nach allen Himmelsrichtungen offen läßt. Vier, zu jeweils einer Eckseite hin kantigen und zu anderen Seite in abgerundeten, fast kubischen Dreiecksformen sind bewegliche Elemente, einsetzbar als Stühle, Ladentisch, Autositze oder bilden die Säulen als tragende Stützen der Tanzbühne als Welt, wenn Momo und Ibrahim den Tanz der Derwische gemeinsam zelebrieren. Dann schwebt der ganze Raum und die ganze Theaterbühne verliert für einen Moment alle Begrenzungen und die drehenden Körper lösen alle Endlichkeit auf.



Rainer Domke in der Rolle des Monsieur Ibrahim (Foto: Giessen-Server.de)


Von Beginn an wünscht man dem Jungen eine Liebesgeschichte, doch diese tritt nicht ein. Momo fühlt sich einsam und von allem verlassen, traut niemandem und hat das Lachen nicht gelernt, das ihm später von Monsieur Ibrahim offenbart wird. Seine Mutter hat sich kurz nach seiner Geburt vom Vater getrennt und Momo glaubt, dass er seinen Teil der Schuld an der Sache der Eltern abtragen müsse. Der Vater erfindet einen zweiten Sohn, Momos älteren Bruder Popol, der mit der Mutter weggegangen ist, den es in Wirklichkeit aber gar nicht gibt und Momo nur weitere Schuldgefühle zufügt.


Die Inszenierung vom Regisseur Abdul-M. Kunze, Dramaturgin Vivica Bocks und Bühnenbildner Bernhard Niechotz zeichnet sich besonders durch eine klare und prägnante Umsetzung der Erzählvorlage aus, in der jeder Satz von Wichtigkeit ist. Besonders in den kurzen und bildhaften Sätzen werden die verschiedenen Rollen und Erzählperspektiven der beiden Schauspieler Benjamin Strecker und Rainer Domke zur wunderbar lebendigen Sprache auf der einfachen, aber genialen Bühnenstruktur. Das gelingt auch dort, wo es um die lebenswichtigen Themen, Fragen und Erfahrungen des Lebens geht: Freundschaft, Vertrauen, Einsamkeit, Liebe, Glück, Religion, Verlust, Tod, Trauer und Wut. Oder wenn Momo humorvoll erzählt, dass er seinem Vater Hundenahrung zum Abendessen serviert.



Benjamin Strecker in der Rolle des Momo (Foto: Giessen-Server.de)



Als der Junge im Kolonialwarenladen von Monsieur Ibrahim anfängt jeden Tag eine Konservenbüchse zu klauen, ahnt er noch nicht, welche intensiven Gespräche sich zwischen dem alten Mann und ihm entwickeln und wie lebenswichtig der Dialog und die Beziehung für beide werden wird. Für Momo ist Monsieur Ibrahim der alte Araber im Viertel, dessen Laden jeden Tag bis 24.00 Uhr und sonntags geöffnet hat. Später adoptiert Monsieur Ibrahim Momo, nach dem Tod des Vaters, der sich in Marseille durch Selbstmord umgebracht hat.


Rainer Domke ist Monsieur Ibrahim. Lebensklug, behutsam, gütig und lebt er das einfache aber komplexe Leben auf der Bühne. Er übersetzt und verdichtet die bildhaften Sätze des Erzählstückes und verkörpert auch Momos Vater, einen Überlebenden des Holocaust, der damit nicht fertig werden kann, überlebt zu haben. Zu schwer diese Last und Schuld zu tragen und gegenüber denen, die in den Lagern von anderen ermordet wurden, verlässt er eines Tages seinen Sohn und wirft sich vor einen Zug.


Rainer Domke in der Rolle des Monsieur Ibrahim (Foto: Giessen-Server.de)




Am Ende gehen die beiden auf eine lange Reise mit dem PKW, dorthin wo der Goldene Halbmond am Himmel steht. Ein Landstrich zwischen Persien und Ostanatolien, dort wo der wahre Grund für die entbundenen Abenteuer von Monsieur Ibrahim liegt: seine Heimat. Dann hat der alte Mann einen Autounfall, eine Wendung in den Tod, die fast zu überraschend im Stück auftritt und Momo kehrt nach Paris zurück, erbt den Laden von Ibrahim und seinen Koran, nennt sich ab dann Mohammad, gründet selbst eine Familie und versucht sich mit seiner Mutter zu versöhnen.

Gegen Ende des Stückes fallen Mohammad  und Momo die Blumen des Koran entgegen und seine Erinnerungen erhalten eine wahre Gestalt.




Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran

Schauspiel von Eric Emmanuel Schmidt

Inszenierung: Abdul-M. Kunze

Bühne und Kostüme: Bernhard Niechotz

Mit: Benjamin Strecker (Momo) und Rainer Domke (Monsieur Ibrahim)

Premiere: 08. Februar 2008 | 20.00 Uhr im Theater im Löbershof

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Giessen, 11. Februar 2008 / Fotos: Giessen-Server.de


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