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Die Dramatik der Seele auf die Theaterbühne gestellt

Thomas Goritzki inszeniert „Drei Schwestern“ von Anton Tschechow / Hinreißender Theaterabend am Stadttheater in Giessen / Tolle Leistung des Schauspiel-Ensembles


von Frank Sygusch



GIESSEN.                  Weiße Schneeflocken, Sinnbild für weiße Flecken in unserem Dasein und die naturhafte Schönheit, sinken sanft und unaufhaltsam ins Leben zurück und auf die Theaterbühne; und Kraniche fliegen, weil Kraniche sind, um zu fliegen. Das rote und zarte Licht im dritten Akt, durchflutet den gesamten Bühnenraum und erlaubt es, dass in der rötlich atmosphärischen Dunkelkammer der Giessener Theaterbühne die schönsten und klarsten Belichtungen als Assoziationsbilder entstehen können. Große und kleine Brummkreisel drehen sich solange sie sich drehen und erzählen die unendliche Geschichte einer Melodie und wie Kinder können wir einen Moment die Schwerkraft vergessen. Ein Soldat, dem ein Stiefel fehlt, marschiert zum Ende hin auf einem langen und nicht endenden Weg auf seinen roten Fußsohlen barfüßig auf dem Laufband in die Ferne.

Mit einem Laufband aus dem Fitnessstudio auf der Theaterbühne werden die Träume, Ängste und Sehnsüchte der Tschechowschen Figuren in ein variables Geschwindigkeitsverhältnis zu den Gegenwartserfahrungen der Zuschauer gesetzt. Mal rasant in schneller Schrittfolge und dann in Zeitlupe, wie im Traum zeitlos vollzieht sich die Bewegung langsam und der umgebende Raum scheint sich leicht zu drehen. Das alles verfeinert und schärft den Blick für die Gestalt des programmatischen Entwurfs der Inszenierung und die Szenen der Figuren auf dem Laufband liefern tragisch-komische Bilder ab. Alles wirkt wunderbar befremdlich in den Raum hinein projektiert und zeigt das offene und abstrakte Inszenierungskonzept von Thomas Goritzki und Monika Gora (Bühne und Kostüme), das dem Premierenpublikum am vergangenen Freitag einen so hinreißenden Theaterabend schenkte. Die Bühnemusik setzt weitere dramaturgische Akzente (Dramaturgie: Dirk Olaf Hanke) und mit melancholischen Strukturen werden die unerträgliche Weite und die Sehnsucht vertont.

Der Schriftsteller Anton Tschechow, der zeitlebens seinem Auge getraut und damit die Möglichkeit geschaffen hat, dass sich die Seele seiner Figuren öffnet, erlebte sich selbst vor allem als naturwissenschaftlich denkender Arzt, für den ein Moment eine Ewigkeit sein kann und der wußte, welche Kräfte den Menschen im Innersten zusammen halten. Zeitweilig arbeitete Anton Tschechow mit dem Fotoapparat, um dramatische Geschichten in Momentaufnahmen zu erzählen; seinen eigenen Schreibstil bezeichnete er lange als reporterhaft und halb unbewusst. Jetzt birgt das Stadttheater Giessen mit der großartig gelungenen Inszenierung von Tschechows „Drei Schwestern“ das Unglück der Figuren und die Zuschauer gehen fast glücklich und beschwingt nach Hause und vergessen zunächst über die unerfüllten Hoffnungen nachzudenken. Das ist wunderbar.

„Am Meersaum rauscht die Eiche leise; die goldene Kette hängt am Ast“, erinnert sich Mascha (Kyra Lippler) an das Märchengedicht und versteckt und zeigt ihr nach innen gekehrtes rotes Kleid zugleich, das nach außen so verzweifelt traurig und schwarz aussieht. Die Schauspielerin Kyra Lippler verkörpert die unglücklich verheiratete Schwester Mascha auf beeindruckende und einfühlsame Weise, die in der Liebe zum Offizier Werschinin (Christian Fries) zerbricht und auf der Bühne so poetisch hyperventiliert und körperlich verdichtet, dass sich die Gefühle in den Zuschauerraum spürbar übertragen. Olga (Carolin Weber), die ältere Schwester wirkt nach außen resolut, herb und zielstrebig opfert sich auf und hat die Suche nach dem Glück fast aufgegeben; muss als Direktorin eine Schule am Ort leiten, was sie gar nicht will. Nach innen wirkt Olga als Mensch mit Menschlichkeit, der versucht die Grundlagen des Glücks auszublenden. Irina (Irina Ries), die jüngste der drei Schwestern, erscheint an ihrem Namenstag voller Lebensglück und –energie und wünscht sich nichts sehnlicher, gemeinsam mit ihren Schwestern, als die Rückkehr nach Moskau. Doch der Wunsch zurück nach Moskau an den Ort der glücklichen Kindertage zu kommen, dort wo der Brummkreisel sich drehte, als der Vater noch lebte, bleibt Erinnerung und erfüllt sich nicht. Auch Irina bringt es nicht über das Herz ihr eigenes Glück in die Hand zu nehmen und entscheidet sich für die Heirat und gegen die Liebe.

Wo und wann immer die dreiste und kreischende Natalja (Barbara Stollhans) auf der Bühne erscheint, gelingt es ihr die Wirklichkeit und Wahrnehmung zu verändern. Nach und nach nimmt sie alles in Besitz: Andrej, der depressivee Bruder (Markus Rührer) der drei Schwestern wird ihr Ehemann; das Anwesen und zum Schluss den Zuschauerraum. Alle Bösartigkeiten einer trostlosen und einöden Gesellschaft mit den unerfüllten Selbstbildern trägt Natalja mit Leichtigkeit auf und gestaltet und formt zeitgleich ihr Glück ohne Rücksicht auf die anderen.

Die tolle Leistung aller Schauspielerinnen und Schauspieler formt die Inszenierung des Stückes und holt die Dramatik der Seele auf die Bühne. In der trostlosen Provinz gewinnt alles an Gewicht was den Selbstzweifel quält und die Frage nach dem Sinn des Lebens wird permanent von allen gestellt und so passiert in den Rollen der Figuren auf der Bühne sehr viel mehr als wir sehen, obgleich alles still zu stehen scheint, wenn es schneit.



DREI SCHWESTERN

Schauspiel von Anton Tschechow

Premiere: 15. Februar 2008 – Stadttheater Giessen

Inszenierung: Thomas Goritzki

Bühne und Kostüme: Monika Gora

Schauspielerinnen und Schauspieler: Kyra Lippler, Carolin Weber, Irina Ries, Barbara Stollhans, Petra Soltau; Markus Rührer, Christian Fries, Roman Kurtz, Karsten Morschett, Harald Pfeiffer, Gunnar Seidel, Heinz Kesten, Johannes Lang

Weitere Vorstellungen: 22. Februar; 01. und 15. März; 10. April jeweils um 20.00 Uhr. Am 09. März um 15.00 Uhr

Vorverkauf: Theaterkasse – Johannesstrasse 1 – Telefon: 0641-7957-60/61




Giessen, 18. Februar 2008


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