GIESSEN. In der klassischen Formation als Pianotrio traten gestern im Kulturcafé bei Karstadt Giessen das Lynne Arriale Trio auf. Zusammen mit dem Bassisten Martin Gjakonovski und dem Schlagzeuger Dejan Terzic verzauberte das Trio das Publikum und die knapp 200 begeisterten Zuhörer erlebten einen wunderschönen Musikabend.

Lynne Arriale in Giessen (Fotos: Frank Sygusch)

Etwas behutsam betritt die Musikerin mit den auffallend kupferroten Haaren und den bestechend schönen, blauen Augen die Bühne und rückt den Klavierstuhl zweimal, dreimal vor und zurück, bis es passt. Dann beginnt die Musikerin mit einem gefühlvollen und seichten Anschlag und sofort ist die Melodie fühlbar, als ob eine Grundnahrung für die Seele bereitgestellt wird. Volle Akkorde durchdringen den Raum, doch bald darauf verwandelt sich alles in einzelne frische Melodielinien, und noch bevor der Bass mit einstimmt und das Schlagzeug dazukommt springt der Funke ins Publikum, das andächtig lauscht.

Lynne Arriale in Giessen (Fotos: Frank Sygusch)
Bereits nach dem ersten Stück bekennt sich die vielfach ausgezeichnete Jazzpianistin zur Spielsituation: „I´m so fired of this group …“; und gemeint sind die beiden Instrumentalisten, die an diesem Abend mit Lynne Arriale als Trio über mehr als 2 ˝ Stunden auf höchstem Spielniveau zusammenfinden. Martin Gjakonovski gehört zu den gefragtesten Bassisten in Europa, ist Mitglied in verschiedenen Formationen, wie der Big Band des Hessischen Rundfunk, der Frankfurt Jazz Bigband und dem Frankfurt Jazz Trio. Dejan Terzic am Schlagzeug unterrichtet im Hauptfach Schlagzeug an der Hochschule der Künste in Bern.


Die intuitive Interaktion zwischen den drei Musikern ist bewundernswert und man spürt, dass hier hohes technisches Können und improvisierter Spielausdruck zusammentreffen. Das Trio spielt an diesem Abend mit einer bewundernswerten Leichtigkeit quer durch die verschiedenen Stile und Zeitzonen des Jazz. Komplexe Klassiker von Thelonious Monk, dann ein am Folk orientiertes Stück und natürlich mehrere Eigenkompositionen von Lynne Arriale, wie das wunderbare Stück Esperanza, das fast poetisch klingt und zugleich kraftvoll gespielt, werden präsentiert. Besonders der vokale Ausdruck im abwechslungsreichen Spiel entlang einer Melodie, die ohne feste Harmoniestruktur auskommt, aber mit harmonischen Nuancen verziert ist, zeichnet sich durch den brillanten Wechsel zwischen Verlauf und Thema aus. Und immer kommen ganz wenigen Tönen eine besondere Bedeutung zu, die es im Verlauf des Spiels zu entdecken gilt.

Lynne Arriale mit Hans-A. Pitzke vom Programm-Management, der zusammen mit Karstadt Giessen das Konzert im Kulturcafé ermöglichte (Foto: Frank Sygusch)
Dann explodiert das Trio im nächsten Stück in expressiven Ausdrucksformen und freiem Spiel und zelebriert fast den Freejazz andächtig und zerreißt die Wahrnehmungsebenen: einfach ein wunderbarer Abend und eine Sternstunde des Pianotrio-Jazz.

Giessen, 22. Februar 2008 / Text und alle Fotos copyright: Frank Sygusch (Giessen-Server.de)
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