Gefeierte Neuproduktion von Telemanns Singspiel / Bürgerliche Adels- und Militarismuskritik sowie viele Turbulenzen rund um Liebe und Intrige, lebendig aufbereitet, unterhielt das Publikum
von
Tanja Löchel
GIESSEN. Mit vielen Bravorufen und lang anhaltendem Beifall sind die Mitwirkenden und das Regieteam von Georg Philipp Telemanns Emma und Eginhard oder Die lasttragende Liebe“ nach der Premierenvorstellung am Samstagabend im Stadttheater vom Publikum gefeiert worden. Das barocke Singspiel wurde 1728 in der Hamburger Oper am Gänsemarkt uraufgeführt, die die erste öffentlich zugängliche Bürgeroper gewesen ist, und von 1722 bis zur Schließung 1738 von Telemann geleitet wurde. Der Stoff des Stücks geht auf Karl den Großen zurück. Die mittelalterliche Sage fand demnach nach den Sachsenkriegen um 800 in Aachen statt. Die adelige Emma, Tochter von Carolus Magnus, liebt den nicht standesgemäßen Sekretär ihres Vaters, Eginhard. Da aber Fastrath, Emmas Stiefmutter, im Singspiel ganz eindeutig zu verstehen gibt: "Heirat muss bei Fürstenkindern ein Staats- und nicht ein Liebesopfer sein“, besteht der Konfliktstoff in dem Gegensatz zwischen Liebe als Herzensangelegenheit einerseits und dem Postulat der politisch arrangierten Heirat andererseits. Demnach wurden die Zuschauer mit Kritik an Adel, Heiratspolitik und Militär sowie mit echten Empfindungen und treffsicherem Witz, da der Komponist und sein Librettist Wend ernste und komische Elemente vermengten, konfrontiert.

Odilia Vandercruysse, Prof. Gerd Heinz und Alfia Kamalova
(Foto: Frank Sygusch)
Regisseur Gerd Heinz ging in seiner Inszenierung nicht zurück ins Mittelalter, sondern verlegt die Handlung in die wilhelminische Zeit, die unserer Gegenwart näher steht. Stimmungsvoll setzte er die empfindsamen und an Emotionen reichen Sequenzen, die vor allem von den beiden Titelfiguren getragen werden, in Szene. Die komische Facette erinnert an alte Karikaturen. Allerdings hätte das satirische Element ruhig beißender ausfallen können, so ist manches viel zu brav oder verkommt zur Plattitüde. Das Ensemble Animus und das Philharmonische Orchester Giessen musizieren unter der erfahrenen Leitung des Experten für Alte Musik, Michael Schneider, der an der Frankfurter Musikhochschule unter anderem den Studiengang "Historische Interpretationspraxis“ leitet, klangfarbenreich und tiefgründig. Die enorme stilistische Bandbreite der Musik, die auf vortreffliche Weise und immer im richtigen Tempo erklingt, ist schlichtweg beeindruckend. Beim Chor gefällt neben den musikalisch guten Leistungen (Einstudierung: Jan Hoffmann) vor allem, dass er auch auf der Bühne vielfältig und abwechslungsreich zum Einsatz kommt.

Sopranistin Odilia Vandercruysse in Giessen bei der Premierenfeier
(Foto: Frank Sygusch)
Das Sängerensemble konnte mit viel stimmlicher und darstellerischer Ausstrahlung auftrumpfen. Technisch brillant und äußerst nuanciert gab die junge Sopranistin Odilia Vandercruysse die Emma. Die anspruchsvollen Passagen und komplizierten Koloraturen meisterte sie mühelos, dabei hauchte sie ihrer Emma so viel Leben und Gefühl ein, dass das Schicksal dieser Liebenden berührte. Ein ganz besonderer Reiz ging von der reichen Klangfarbenpalette ihrer Stimme aus: Jede Gefühlsnuance wurde in einer anderen Farbe wiedergegeben. Alfia Kamalova singt Hildegard, die temperamentvollere, extravertierte Stiefschwester Emmas. Die vollkommene Sicherheit, die intelligente Phrasierung und der immens differenzierte Gefühlsausdruck gefielen. Einer der ergreifendsten Momente des Abends ist es, wenn sich Hildegard von der zu Tode verurteilten Emma verabschiedet.

Matthias Ludwig und Odilia Vandercruysse am Premierenabend
(Foto: Frank Sygusch)
Einen an Empfindungen reichen, bürgerlichen Eginhard stellte Matthias Ludwig vor. Der Bariton konnte mit seiner geschmeidigen Stimme und dem balsamischen Timbre wie gewohnt das Publikum für sich gewinnen. Auch war er souveräner Herrscher über die halsbrecherischen Koloraturen. Beweglich und mit klarer Stimme sang Henrietta Hugenholtz den Prinzen Heswin. Spritzig, vorwitzig und vor allem stimmlich präsent gab Simone Schwark Emmas Zofe Barbara Kontur. Prägnant und karikativ überzeichnend agierte John Carlo Pierce als Steffen, eine Figur die sich durch spöttische Adelskritik hervortut. Johannes Schwärsky zeichnet den Kaiser Karl als zwischen Vaterliebe und Staatsräson hin- und herschwankenden Herrscher, der ab und zu bei seiner Frau Fastrath zum Pantoffelhelden gerät. Sägerisch agierte der kraftvolle, zu vielen Zwischentönen befähigte Bass sehr überlegen. Merit Ostermann sang und spielte eindrucksvoll Fastrath. Ein intrigantes Hofschranzentrio General Alvo (Tomi Wendt), Minister Wolrad (David Erich Frankhauser) und General Adalbert (Michael Hofmeister) rundet das Personenkaleidoskop ab. Satirisch wirkt hierbei vor allem, dass Adalbert mit dem Altus Michael Hofmeister besetzt ist. Die hohe, kastratenhafte Männerstimme gepaart mit wilhelminischem Generalskostüm und lächerlichemGebaren unterstreicht die Gesellschaftskritik im Stück vortrefflich. Christian Mendizabal singt sicher Urban, Eginhards Diener.

Prof. Michael Schneider am Premierenabend
(Foto: Frank Sygusch)
Aufwendige, aussagekräftige, teils humorvoll-übertriebene Kostüme (Yvonne Forster) fügen der Aufführung Farbtupfer hinzu. Die romantische Farbe Blau ist dem Liebespaar Emma und Eginhard und dessen empfindsamen Innenleben vorbehalten. Das Bühnenbild (Johanna Burkhart) ist einfach und kann sich ideenreich verwandeln. Aus der Barockoper abgekupfert sind die Flugobjekte, die vom Schnürboden schweben, sowie der kleine neckische Amor, der ein Prospekt ziert und manchmal über allem schwebt.

Emma und Eginhard oder Die lastragende Liebe - Georg Phillipp Telemann im Stadttheater Giessen
(Foto: Frank Sygusch / Giessen-Server.de)
Weitere Vorstellungen finden am 13. und 30. März sowie am 2. und 13. April jeweils um 19.30 Uhr im Großen Haus des Stadttheaters (Berliner Platz, Gießen) statt.
Kartentelefon: (0641) 7957 -60/-31
Giessen, 09. März 2008 / Text: Tanja Löchel / Bilder: Frank Sygusch (Giessen-Server.de)
Juli 2010
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