GIESSEN (mip/r). Mit dem Großen Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet hat in der vergangenen Woche Bundespräsident Horst Köhler den Giessener Philosophen Odo Marquard. Der Bundespräsident nahm die Auszeichnung persönlich vor. Prof. Dr. Dr. h.c. Odo Marquard, dem bereits 1995 das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse verliehen wurde, war gemeinsam mit seiner Frau und einer Gruppe von Schülern aus Anlass der Verleihung des Großen Verdienstkreuzes und seines 80. Geburtstags am 26. Februar 2008 vom Bundespräsidenten zu einem Mittagessen nach Berlin eingeladen worden. „Sein wissenschaftliches Werk und der damit verbundene weit reichende Einfluss auf das gesellschaftliche Bewusstsein weisen Odo Marquard als einen der bedeutendsten deutschen Philosophen der Gegenwart aus“, so heißt es in der Begründung.

Prof. Odo Marquard (Bild: priv.)
Odo Marquard, geboren am 26. Februar 1928 in Stolp, Hinterpommern, kam nach seiner Promotion in Freiburg und Habilitation in Münster 1965 als ordentlicher Professor für Philosophie an die Universität Giessen. Er war Dekan der damaligen Philosophischen Fakultät und Gründungssprecher des Zentrums für Philosophie sowie Mitglied in zahlreichen Gremien und Institutionen, darunter der renommierten Forschergruppe „Poetik und Hermeneutik“, der Kommission für die geisteswissenschaftlichen Zentren des Wissenschaftsrats und der Gründungsgremien der Universitäten Bielefeld und Erfurt. 1982/83 war er Fellow am Wissenschaftskolleg zu Berlin, 1985 bis 1987 Präsident der Allgemeinen Gesellschaft für Philosophie in Deutschland, 1991/92 Mitglied der Thüringer Hochschulstrukturkommission und Vorsitzender ihrer Kommission für Philosophie. 1993 wurde er emeritiert, erhielt die Ehrendoktorwürde der Universität Jena und wurde zum Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung gewählt.
Odo Marquard, der sich selbst einmal einen „Transzendentalbelletristen“ nannte, zählt zu den meist übersetzten deutschen Philosophen der Gegenwart. So wurde er in den Medien auch als „Literat unter den Philosophen“ oder „Meister der kleinen Formen“ bezeichnet, der mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurde, u. a. dem Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa der deutschen Akademie für Sprache und Dichtung (1984), dem Hessischen Verdienstorden (1990), dem Erwin-Stein-Preis (1992), dem Ernst-Robert-Curtius-Preis für Essayistik (1996) und dem Hessischen Kulturpreis für Wissenschaft (1997).
Mit seinen Veröffentlichungen – zuletzt: Skepsis in der Moderne, 2007 – deckt Odo Marquard „ein breites Themenspektrum ab, das von der Geschichtsphilosophie über die Hermeneutik und Anthropologie bis zur Psychoanalyse und Ästhetik reicht“, heißt es in der Ordensbegründung. Die fortdauernde Auseinandersetzung um die Rolle der Geisteswissenschaften in der modernen Kultur hatte sich an einem Vortrag von Odo Marquard entzündet, den er 1985 unter dem Titel „Über die Unvermeidlichkeit der Geisteswissenschaften“ bei der damaligen Westdeutschen Rektorenkonferenz in Bamberg gehalten hatte. „Hier hatte der Philosoph darauf hingewiesen, dass geisteswissenschaftliche Orientierungen notwendig seien, um den beschleunigten Wandel der modernen Welt durch den Rückgriff auf kulturelle Bestände kompensieren zu können“, so heißt es weiter in der Ordensbegründung. „Kritiker sahen darin u. a. eine konservative Verklärung einer heilen Vergangenheit. Marquard setzte seine Kompensationsphilosophie jedoch beharrlich fort. In seiner Aufsatzsammlung „Philosophie des Stattdessen“ (2000) definiert er den kompensatorischen Menschen als jemanden, der Mängel und Defizite nicht durch direkte Aktionen, sondern durch umweghafte Reaktionen bewältigt. Allerdings traut Marquard dem kompensatorischen Handeln nur die Linderung nicht die Heilung von Modernisierungsschäden zu.“
Giessen, 17. März 2008 / Bild: priv.
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