
GIESSEN (fsy). Um die wichtige Frage nach dem öffentlichen Geschichtsbewusstsein und den Überlegungen, wie und in welchen Formen und Funktionen Geschichte in der Stadt präsent ist, gibt es in Giessen seit vielen Jahren Diskussionen, die immer wieder mit exemplarischen und interessanten Beispielen die Oberfläche des sozialen Bewusstseins aufbrechen und als die Spitze des Eisberges die Diskussionsflächen preisgeben. Oftmals treten dann die Statthalter öffentlich auf und nehmen ihre Aufgaben wahr.
So wie jede andere Stadt hat auch die Universitäts- und ehemalige Garnisonsstadt Giessen ein soziales Gedächtnis und ein Erinnerungsvermögen, das sich in den verschiedensten Präsentationsformen von Geschichte und -funktionen offenbart.

Nun ist es einfach wunderbar und ein Glücksfall, dass sich der „Neue Kunstverein Giessen“ mit seiner aktuellen Ausstellung „Licher Gabel“ dem Thema Kunst im stadtgesellschaftlichen Kontext zuwendet und der Stadt Giessen eine verantwortungsbewusste Möglichkeit des Gedankenaustausches anbietet. Markus Lepper, der Leiter des Kunstvereins eröffnete die Ausstellung am vergangenen Samstag vor zahlreichen Bürgerinnen und Bürgern der Stadt, äußerte sich zuversichtlich und dankte den anwesenden Künstlern.
Oft ist das scheinbar Unbedeutende das Entscheidende und so hält der Kunstverein einen überraschenden Beitrag bereit. Ein zuckersüßes Kunstwerk ist es und eine ernste und echte Versuchung in der Stadtgeschichte. Abgestürzt und auf den Kopf gestellt ist der weiße, unschuldige Greifvogel und in den nachbarschaftlichen Raum gestellt: Gut geschützt von zuckerweißen Wänden umgeben mit einigen zuckersüßen Buchstaben im Hintergrund. All das steht jetzt bis zum 29. Juli im Kunstraum an der Licher Gabel. Und der neue Kunstraum ist ein Teil des Stadtraumes gegenüber dem alten Standort des Metallvogels, dessen Landeplatz aber auf fernem Bundesgebiet liegt: Denn der Stadtraum gegenüber dem Kunstraum gehört nicht der Stadt, sondern ist im Besitz des Bundes.

Im neuen Stadtraum des zuckersüßen Greifvogels ist alles ganz hell, anders und so weiß, dass diesmal ein festgehaltener Blick mit der Schwarzweißkamera unmöglich wird.

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Auf den Tischchen vor dem Kunstraum werden kleine braunweiße Flugadler in Glasschälchen zum Verzehr angeboten. Dazu kühles Bier oder Wasser und eine "herrliche Käsesahnetorte mit ausgewogenem Geschmack, so dass alle Zutaten wahrgenommen werden können“. Und dazu noch kleine Laugenbrötchen mit Streichkäse und frische rote Radieschen ohne Wurzeln. Irgendwie passt das alles wunderbar zusammen und schmeckt vorzüglich. Dieser „Neue Kunstverein Giessen“ ist tatsächlich eine neue, interessante Fraktion in der Stadt Giessen.

Die Ausstellungseröffnung ist gelungen und die Gäste diskutieren. Das weiße Kunstwerk ist dem Orginal nachempfunden und doch ganz anders von den Künstlern entworfen und von einem aus Graz kommenden Künstler für den öffentlichen Blick sichtbar gestaltet. Aus einer verantwortungsvollen Perspektive heraus geschaffen brauchen die Künstler, anders als die Historiker, die den Leser an der Werkstattarbeit des historischen Forschens beteiligen müssen, ihren methodischen Weg gar nicht offen legen.

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Und doch gab Gerhard Petzl, der österreichische Zuckerkünstler alles freimutig preis. 80 kg gepuderter Zucker, der nach und nach mit Gelatine seine Festigkeit erhielt, wurde verarbeitet und in 4 Werktagen zu mindestens je 12 bis 14 Stunden zur weißen Form des Vogels. Der Giessener Bildhauer Henrik Wienecke stellte ein aus Draht gebautes Skelettgerüst her, damit die Standfestigkeit über die Dauer der Ausstellung garantiert bleibt. Ob einzelne Besucherinnen und Besucher während der Ausstellungseröffnung mit ihren Zungen an dem Kunstwerk geleckt haben, um die Aussagen des Künstlers zu überprüfen, konnte nicht genau beobachtet werden.

Das bittere Konzept für die erstaunliche Ausstellung haben die beiden Düsseldorfer Künstler Andrea Knobloch und Markus Ambach entworfen. Es passt vorzüglich in die Licher Gabel, dort wo jetzt auf der anderen Seite das Kunstwerk von Matthes I. von Oberhessen, die „Trauernde Witwe“ steht. Dort wo früher der echte Metallvogel des ehemaligen Kampffliegers und Bildhauers Klaus Seelenmeyer hoch oben auf dem Obelisken stand, bevor er entwendet und irgendwann aufgefunden wurde. Als Ehrenmal für die gefallenen Kampfflieger des „Kampfgeschwaders 55 Greif, das in Giessen stationiert war, sollte es dienen, als es 1958 eingeweiht wurde.

Bevor sich das weiße Kunstwerk seiner eigenen Vergänglichkeit bemächtigt, soll es den Blick für den sinnstiftenden Raum an der Licher Gabel preisgeben und seinen süßen Beitrag mit ordentlich Sinngehalt anhäufeln. Keine Frage der Ort und der städtische Raum böte eine Möglichkeit für identitätsstiftende Fragen, wenn diese denn auch gestellt werden: Für den Blick des Betrachters ist es unerheblich, ob es sich bei dem Gelände um Eigentum des Bundes handelt. Vielleicht gelingt es ja, dass einige Stadtverordnete aus den verschiedenen Fraktionen sich den Blick schärfen lassen, um sich der Kategorie Geschichtsbewusstsein leibhaftig an einem authentischen Ort zu nähern.

Sollte der weiße, zuckersüße Greifvogel nicht konserviert und als Kunstobjekt ins oberhessische Museum geholt werden? Das aber dürfte sich als unmöglich erweisen, ohne dem Vogel die Flügel zu brechen und dem Konzept die Denkfigur zu rauben: Denn der weiße, abgestürzte Giessener Greif gehört zum öffentlichen Kunstraum an der Licher Gabel. Er hat bereits seine Funktion übernommen und den Blick für die Kunst im öffentlichen Stadtraum geöffnet.
Ausstellungsdauer: 17. Juni bis 29. Juli 2006 - Mittwochs 16 bis 19, samstags 14 bis 17 Uhr und nach Vereinbarung, Tel.: 0178 - 001 411. Ausstellungsort: im ehemaligen Kiosk Ecke Licherstrasse / Nahrungsberg
Giessen, 19. Juni 2006 / alle Bilder: Frank Sygusch
Februar 2012
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