Neue Sicht auf alten Stoff
von Tanja Löchel
GIESSEN. In seinem neuen Tanzstück „Faust“ erzählt Tarek Assam, Chef der Giessener Tanzcompagnie, die bekannte Geschichte nach Goethes Tragödie (Erster Teil). Doch die Bilder und Bewegungssequenzen, die der Choreograf für die Szenen und Seelenzustände der Figuren entwickelt hat, wirken erstaunlich unverbraucht und bewegen sich dicht am heutigen Menschen. Dies liegt zum einen daran, dass Assam nicht unbedingt die kosmische Dimension des Stoffes in den Vordergrund rückte, sondern das allgemein Menschliche auf weitgehend entmystifizierte, aber psychologische Weise betonte.

Nach der Uraufführung am Samstagabend im Stadttheater wurden die Tänzerinnen und Tänzer umjubelt gefeiert. Getanzt wurde zu verschiedenen Werken von Arthur Honegger und dem Violinkonzert von Michael Rot. Unter der Leitung des stellvertretenden Generalmusikdirektors Herbert Gietzen musizierte das Philharmonische Orchester rhythmisch punktgenau, klangfarbenreich sowie ausdrucksvoll suggestiv. Besonders die Stücke Honeggers unterstrichen die psychologische Komponente der Choreografie. Zu einem Höhepunkt des Abends gerieten die Auftritte des Akkordeonisten Manfred Becker, der versiert konventionelle (Tanz-)Musiken, Improvisationen und die Atmosphäre der Bühnenmomente verdichtende Klangflächen spielte. Das Akkordeon ist Mephisto zugeordnet und Becker ist als dessen Begleiter in das Geschehen integriert.
Das Tanzstück beginnt allerdings still, denn ganz ohne Musik sieht man am Anfang Faust (Paul Zeplichal) in bizarren Bewegungen um Erkenntnis ringen. Dieses Streben nach dem Wissen, „was die Welt im Innersten zusammenhält“, drückt sich auch durch Wälzen auf dem Boden auf. Wie in einen Kampf mit dem Unsichtbaren verstickt agierte hier Zeplichal. Nicht nur dieses erste Solo absolvierte Zeplichal mit Bravour. Alle Mühen, Erkenntnis zu erlangen, erscheinen aber umsonst. Stattdessen tritt der Erdgeist (Tanzensemble) in Erscheinung. Mit roten Clownsnasen und lebendigen, verwirrungstiftenden Tänzchen führen die Geister Faust in die Irre.

So unbeschwert heiter wie an diesem Abend tritt Mephisto (Arthur Zakirov) nur selten in das Leben von Faust. Zu munteren Tarantellaklängen und mit biegsamen Bewegungen bietet dieser teuflische Geselle Teppiche feil. Bei Assam steht Mephisto nicht ausdrücklich für das Böse, denn er setzt wie ein Katalysator Handlungsvorgänge in Gang. Die Teppiche stehen für Wege, die ein Mensch in seinem Leben gehen kann und die Richtung, die er einschlägt. Faust nimmt Mephistos Wegangebot an. In einem eindringlichen Duett wird die Seele verkauft. In Auerbachskeller, der einem wie ein künstlerisch verdichteter Amüsiertempel des Techno-Zeitalters vorkommt, wird Faust mit dem von ihm wohl bis dahin vernachlässigten sinnlichen Lebensaspekten konfrontiert. Die Begegnung mit Grete (Carine Auberger) erweckt das Verlangen nach geschlechtlicher Liebe. Die Grete der Carine Auberger ist eine junge, selbstbewusste Frau, der keine süßlichen mädchenhaft-naive Züge anhaften. Auch in ihr ist das Liebesverlangen erwacht. Auberger tanzte ihre Rolle ausdrucksstark.

Paul Zeplichal und Carine Auberger in Faust (Probenfoto: Frank Sygusch)
Generell bestachen die drei Hauptsolisten –Auberger, Zeplichal, Zakirov – durch die tänzerische Intensität und technisches Differenzierungsvermögen. Ebenso gefiel Miranda Gliksons Solo als erotische Marte, die mit viel sinnlicher Ausstrahlung schlängelnd werbend den Akkordeonspieler umgarnt. Berührend wurde die Tragödie der Grete erzählt: Der Kindsmord, Gretes Gewissensbisse, ihr Wahnsinn und die Gefangenschaft. All dies wird auf nicht abgedroschene und emotional gefangen nehmende Weise visualisiert.
Für das Bühnenbild und die Kostüme zeichnet Suse Tobisch, die bereits die Ausstattung für „Fabelhafte Marlene“ und „Wellensittiche“ in Giessen entwarf, verantwortlich. Die Bühne stellt im ersten Teil eine reduzierte Festung dar, die sich durch Tor- und Türöffnungen verwandeln kann. Ein Turm aus Metall ist im zweiten Teil zu sehen und wird ins Tanzgeschehen miteinbezogen; ebenso wurden die sich bewegenden Stäbe in der Domszene durchdacht in die Choreografie integriert.
Der vielschichtige Bilderreichtum zur angemessen ausgewählten Musik spricht im Grunde für sich, dennoch wäre es für das Stückverständnis eventuell sinnvoll den „Faust“ zu kennen oder sich die Zusammenfassung im Programmheft durchzulesen.

Choreographie: Tarek Assam
Musikalische Leitung: Herbert Gietzen
Bühne und Kostüme: Suse Tobisch
Mit: Carine Auberger, Miranda Glikson, Antonia Heß, Anne Sophie van Lippevelde, Svende Obrocki, Masami Sakurai; Kai Guzowski, Hirotaka Seki, Arthur Zakirov, Paul Zeplichal
Tanzcompagnie Giessen
Philharmonisches Orchester Giessen
Manfred Becker – Akkordeon
Weitere Vorstellungen finden am 20. und 25. April, am 02. und 09. Mai sowie am 07. Juni jeweils um 19.30 Uhr im Großen Haus des Stadttheaters in Giessen statt. Kartentelefon: (0641) 7957 -60/ -61.
Giessen, 06. April 2008 / Text: Tanja Löchel / Fotos: Frank Sygusch (Giessen-Server.de)
Februar 2012
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