GIESSEN. Zu einer ersten Veranstaltung als besondere Würdigung und Erinnerung an die Vertreibung und Vernichtung von Giessener Mitbürgerinnen und Mitbürgern jüdischen Glaubens, die als Opfer von Gewalt und Verfolgung unter unmenschlichen Bedingungen litten, starben, deportiert und ermordet wurden, hatte die Initiativgruppe Stolpersteine in Giessen für gestern Abend in den Netanyasaal eingeladen. Die Veranstaltung begann etwas später als geplant, denn der große Zuspruch an Interessierten machte es erforderlich, dass zusätzliche Stuhlreihen aufgebaut werden mussten. Nach der Eröffnung mit einem Musikstück, vorgetragen von Frau Haupt (Goetheschule) am Klavier, der Begrüßung und einem Grußwort durch den Oberbürgermeister der Stadt Giessen Heinz-Peter Haumann, führten die Historikerin Dr. Susanne Meinl und die Sprecherin der Giessener Gruppe Stolpersteine, Monika Graulich in die Thematik ein.
Dr. Susanne Meinl erwähnte in ihrer Einführung, die lange und besondere Tradition des Antisemitismus in Oberhessen, der ab der Mitte des 19 Jahrhunderts in den politischen Gebrauch des Antisemitismus mündete (Hofprediger Adolf Stöcker, u.a.) und schließlich Eingang in die Programmatik von politischen Parteien fand. Bei den Reichstagswahlen in der Provinz Oberhessen erreichten die Antisemiten und die NSDAP höchste Stimmenergebnisse. Besonders das nationalkonservative Bürgertum, das sich in zahlreichen Berufsverbänden, Vereinen und kulturelle Interessengruppen aus den bürgerlichen Schichten organisierte, hatte ein ambivalentes Verhältnis zur verfassten Weimarer Republik und aus den unterschiedlichsten Gründen fanden antisemitische Strömungen Gehör und Eingang.

Als eine der wichtigsten Schnittflächen der Aufarbeitung der Vergangenheit und Erinnerungskultur der Giessener Stadtgeschichte benannte die Historikerin den Aufruf zum Kaufboykott bei den annähernd 100 jüdischen Geschäften in Giessen und "die Arisierungsschnäppchen“. Gemeint ist eines der dunkelsten Kapitel im kollektiven Gedächtnis der Stadt Giessen, das bis heute nicht aufgearbeitet ist, obwohl die "Quellen- und Aktenlage in den Archiven sehr gut gesichtet sind“: die Arisierung, als schrittweise erfolgte Enteignung von jüdischem Vermögen und Eigentum, als jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger in ihrer Notlage ihre Geschäfte aufgaben, und Anwesen und Liegenschaften als rechtmäßige Besitzer zwangsweise und teilweise weit unter dem Verkehrswert verkaufen mussten.
Die Giessener Juden, denen die Flucht nicht gelang oder unmöglich war; durften nur noch in bestimmten Häusern wohnen. Im September 1942 erfolgte die Deportation, zunächst von Giessen nach Darmstadt und von dort Anfang Oktober in verschiedene Konzentrations- und Vernichtungslager (Theresienstadt, Ausschwitz, Treblika, Sobibor, u.a.). Den Holocaust haben nur ganz wenige Giessener Juden überlebt.

Um den Opfern der Vertreibung und Vernichtung, dort wo sie lebten und wohnten, ihr Gesicht im sozialen Umfeld zurückzugeben und in eine sinnhafte Darstellungsform zu legen, möchte die Iniative Stolpersteine auf dem Erdboden vor den letzten Wohnorten Gedenkblätter aus Messing mit den Namen der Opfer verlegen lassen.
Der Kölner Künstler Gunter Demnig, der seit mehreren Jahren solche Stolpersteine in der Öffentlichkeit und im öffentlichen Raum in mehr als 240 Landkreisen und Städten verlegt hat, wird am kommenden Samstag die ersten 23 Giessener Stolpersteine vor Ort anbringen.

Für jeden Stolperstein, der verlegt werden wird, sind im Vorfeld Patenschaften entstanden. Es sind Personen, die in besonderer Weise eine persöhnliche Beziehung zu den Opfern hatten, oder sich über mehrere Jahre um die Aufarbeitung des persönlichen Schicksals der betroffenen Person bemüht und gekümmert haben.
Aber anders, als bei den fachwissenschaftlichen Arbeiten von Historikern, die Quellen- und Akten suchen, auswerten und Antworten auf Fragestellungen rekonstruieren oder bei Sozialwissenschaftlern, die mit empirischen Methoden danach fragen, wie eine Gesellschaft funktioniert und wie sich der ständige Wandel innerhalb der kulturellen Einheiten und Ebenen vollzieht, steht bei den Patenschaften auch ein persönliches Motiv im Mittelpunkt der Erinnerungskultur, wenn Betrachtungen und konkrete Fragestellungen gesucht werden. Das Erkenntnisinteresse an der Vergangenheit beinhaltet damit einen personengebunden Anteil, das den Nachforschungen einen leitenden Sinn verleiht. Dieser Zugang soll dazu beitragen, dass die Erforschung entlang unserer Geschichte vor Ort und im Alltaggeschehen in unser Dasein integriert werden kann.
Und so erlebten die Besucherinnen und Besucher gestern Abend das ungeheuerliche Grauen, das in unserer Stadt Giessen geschehen ist, aus verschiedenen und persönlichen Perspektiven. Es werden Hörbeispiele eines Interviews mit Richard Wagner, der für seinen ehemaligen Schulkameraden Werner Katz die Patenschaft übernommen hat und Textpassagen von Zeitzeugen über audiovisuelle Medien eingespielt. So wird der Lebensalltag der Menschen, während der Weimarer Republik und des Nationalsozialismus in der kleinen Stadt Giessen lebendig und aus der Perspektive eines 9-12-jährigen Schuljungen anschaulich beschrieben. Richard Wagner hat sich im Gespräch authentischen Gefühlen ausgesetzt, als er sich zurückversetzte in die Zeit des gewalttätigen Handelns. Seinen Schulkameraden Werner Herz sieht er zum letzten Mal, als dieser gemeinsam mit seinem Vater an einem Wintertag dazu gezwungen wurde die 5 Zentimeter dicke Eisschicht von Bürgersteigen abzukratzen. Zuvor berichtet der damalige Schüler des Realgymnasiums in Giessen von seinen beklemmenden Gefühlen, als er mit anderen Schuljungen eines Tages zum Stadttheater gelaufen war und mitanschauen muss, wie die Synagoge der Jüdischen Gemeinde abbrannte. Auch Gymnasiasten aus seiner Schule brechen darüber in Jubelschreie aus. Später zog die Menschenmengen durch die Innenstadt in die Steinstrasse, wo eine zweite Synagoge stand, die ebenfalls lichterloh in den Flammen aufgeht. Anschliessend zieht der Mob zurück in die Stadt und die Fensterscheiben von Geschäften, die Juden gehören, werden eingeschlagen. Es wird spürbar und nachvollziehbar, dass sich der Alltag in einer Stadt unter den gewaltförmigen Bedingungen verändert und gewalttätiges Handeln gegenüber den jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern nur als sozialer Prozeß verstehbar wird, wenn sich die Fragen auftun, wie eine solche Stadtgesellschaft aus Zuschauern, Tätern, Opfern und Helfern eigentlich über Jahre hinweg funktioniert hat.

Ursula Schroeter hat gemeinsam mit ihrem Mann Jürgen Schroeter, die Patenschaft für die Familie Katz aus Wieseck übernommen. Sie berichtet, dass Dr. Ludwig Katz von vielen Wiesecker Bürgerinnen und Bürgern als ein anerkannter und liebenswerter Hausarzt in Wieseck in der Erinnerung geblieben ist. Der Arzt, der im ersten Weltkrieg gekämpft und das Eiserne Kreuz erhielt, hat über viele Jahre seine Patienten in Wieseck verantwortungsvoll versorgt. Oftmals ohne ein Honorar dafür zunehmen; so auch bei der Mutter von Ursula Schroeter, die Dr. Ludwig Katz bis zu ihrem Lebensende ärztlich betreute. Es sind ergreifende Momente, als die Patin die Lebenswege der Familie Katz nachzeichnet und die Tatsache offenbar wird, dass die einzige Tochter des Ehepaars, Hildegard Katz mit 10 Jahren das jüngste Kind ist, das aus Giessen weg in den Tod deportiert wurde.
Was sich aus den Berichten der Paten an diesem Abend artikuliert ist eine bestimmte Form an bewußter Auseinandersetzung mit der eigenen Giessener Geschichte und dem vergangenen Lebensabschnitten in der lokalen Gesellschaft. Es trägt dazu bei, dass eigene Verhältnis zu seiner eigenen und der gemeinsamen Vergangenheit besser zum Verstehen zu bringen. Es ist ein Zugang zur öffentlichen Geschichtskultur und den Dimensionen, die davon mitbetroffen sind. In gewißer Weise durchbrechen die Paten in ihrem sozialen Wohnumfeld mit ihrer historischen Alltagsarbeit und persönlichen Verantwortung gegenüber der Geschichte die stillschweigenden Verhaltensregeln und konfrontieren die lokale Gesellschaft mit ihren eigenen Grenzen.
Ergreifend ist auch die Lesung der 11 Namen der Schülerinnen der ehemaligen Ricarda Huch Schule, die Christel Buseck verlas. Am kommenden Freitag findet um 11.30 Uhr in der Caféteria der Ricarda Huch Schule zur Verlegung der Stolpersteine eine gesonderte Würdigungsfeier statt.
Über einen längeren Zeitraum in unregelmäßigen Abschnitten, seit 1997 hatten Schülerinnen und Schüler in Projektwochen, gemeinsam mit Lehrerinnen und Lehren die Schicksale der deportierten Mädchen erforscht und dokumentiert. Alte Klassenlisten wurden ausgelesen und verschiedene Archive besucht. Am historischen Portal der Schule an der Nordanlage / Ecke Schillerstrasse werden am kommenden Samstag die Stolpersteine mit den Namen der Mädchen verlegt.
Mit der ersten Verlegung von Stolpersteinen findet das Konzept des Kölner Künstlers Gunter Demnig, "den Spuren der Opfer nachzugehen und eine Kultur des Gedenkens zu etablieren“ auch in Giessen öffentliche Beachtung.
Weitere Informationen unter: www.stolpersteine-giessen.de
Giessen, 23. April 2008 / Textkommetar u. Fotos: Frank Sygusch (Giessen-Server.de)
Juli 2010
Giessen Links
Stadt Giessen
Justus-Liebig-Universität
Fachhochschule Giessen
Tourist Information Giessen
Kunsthalle Giessen
Stadttheater Giessen (Jahresprogramm)
Mathematikum in Giessen (Jahresprogramm)
Botanischer Garten in Giessen
Liebig Museum in Giessen
Kümmerei in Giessen
Messe Giessen