von Stephanie Zehnle
GIESSEN. „Sie gingen wie wir täglich in diesen Räumen ein und aus“, sagte eine Schülerin nachdenklich. Zehn „Stolpersteine“ nach der Idee des Kölner Künstlers Gunter Demnig sollen vom 26. April an vor der Ricarda-Huch-Schule an frühere Schülerinnen erinnern, die im Holocaust umgekommen sind. Auf den zehn Quadratzentimeter großen Steinen, die in den Boden eingesetzt werden, erinnern Namen und verfügbare Lebensdaten über das Schicksal der deportierten Opfer des Nationalsozialismus. Lehrer und Schüler haben sich in einem gemeinsamen Projekt dafür auf Spurensuche begeben, in Archiven geforscht und die Informationen in einer Ausstellung präsentiert. Im Rahmen der Verlegung dieser Gedenksteine wird der Künstler in Giessen weitere „Stolpersteine“ vor den ehemaligen Wohnhäusern von deportierten Mitbürgerinnen und Mitbürger jüdischen Glaubens aus Giessen im Boden befestigen. Finanziert werden die Steine vor der Schule durch die Trialoggruppe, die sich um ein gutes Zusammenleben der Religionen bemüht.

Wie diese Steine das Bewusstsein verändern können, beschrieb der Schulleiter Richard Breidert. „Es soll nicht nur ein stilles Gedenken sein, sondern ein wirkliches Stolpern“, sagte er bei der Gedenkfeier am Tag vor der Verlegung der Steine, „so werden die Schicksale nicht vergessen.“ Man solle sich jedoch keinesfalls nur mit den Opfern beschäftigen, sondern auch Täter ausmachen. „Die Zeit ist reif, die Täter zu entdämonisieren“, sagte er zu Schülern, Lehrern und Angehörigen der Opfer in der Feier. Der Schulleiter lobte die Recherchearbeit der Arbeitsgruppe und ermunterte auch dazu, weiter zu forschen. „Nur so entsteht ein anhaltender Schutz vor verbrecherischen Ideologien“, meinte er.
In der Feier wurden elf Mädchen und Frauen von der Arbeitsgruppe vorgestellt, denen mit den Steinen ein Denkmal gesetzt wird. Auch Bilder der getöteten Mitschülerinnen wurden gezeigt. Mit erst 14 Jahren musste Margot Adler die Schillerschule, wie die Mädchenschule damals genannt wurde, zwangsweise verlassen. Nachdem ihr Vater am Giessener Bahnhof von Nationalsozialisten zu Tode geprügelt worden war, verließen Margot und ihre Mutter die Stadt. Margot Adler und ihre Mutter versuchten 1939 regeblich nach Palästina auszureisen; 1942 wurden beide Richtung Osten deportiert und ermordet. Die Schülerinnen Alena Hilpert und Marwa Baccari, die den Lebenslauf von Margot Adler schilderten, wiesen auch darauf hin, dass der hinterbliebenen Schwester nach dem Krieg Entschädigungszahlungen zunächst verweigert wurden.
Die Schülerin Cora Pertermann stellte das Schicksal der Schülerin Rosa Baer vor, die mit nur 13 Jahren nach Treblinka deportiert wurde und dort ermordet wurde. Die Historikerin Dr. Susanne Meinl, die bei der Recherche durch ihre Fachkenntnisse mithalf, erzählte vom Umgang mit den Hinterbliebenen. „Nach dem Krieg wurden Entschädigungen verweigert, weil die Akten angeblich verschwunden waren“, erklärte sie, „das war eine glatte Lüge.“ Der Hass der Zeitzeugen sitze auch heute oft noch tief. Deshalb wünschte sie sich für Ellen Jacobs Angehörige ebenfalls Stolpersteine.
Die Schulpfarrerin Sabine Roth-Nagel gab Einblicke in das Schicksal von Hilde Kann. Ihr Vater, ein Gymnasiallehrer, erhielt nach dem Ersten Weltkrieg die Auszeichnung des „Eisernen Kreuzes“. Dennoch fand seine Tochter Hilde in Auschwitz den Tod. Gertrud Katz verließ schon 1933 das Gymnasium und wurde, wie die Schülerin Sandra Baker erklärte, in Treblinka ermordet. Marianne Rosenbaum stammte aus einer sehr wohlhabenden Familie, die in der heutigen Westanlage wohnte. Möbel, Schmuck und das Auto wurden dann beschlagnahmt und die Familie deportiert, beschrieb die Lehrerin Brigitte Itzerott.

Die Schülerin Lea Krausgrill erzählte die Lebensgeschichte von Beate Rubin, die in Berlin in einer Siemens-Fabrik arbeiten musste und mit 21 Jahren in Auschwitz getötet wurde. Die Schwestern Margot und Sonja Salomon waren beide Schülerinnen der Schillerschule. Wie der Lehrer Rolf Weinreich nachzeichnete, floh die Familie nach Luxemburg, von wo aus sie zunächst in das Konzentrationslager Theresienstadt verschleppt und schließlich im Vernichtungslager Auschwitz ermordet wurden. Der Gedenkstein für Esther Stein wird nicht vor der Schule, sondern auf dem Marktplatz vor dem früheren Wohnhaus als Mahnmal gesetzt. „Wir versuchen natürlich, die Schülerinnen zusammen mit der Familie zu verewigen“, erklärte Christel Buseck diesen Schritt. Das Mädchen war mit gerade mal 16 Jahren deportiert worden.
Hebräische Lieder und Gedichte, die von Natalja Koch gesungen und von Rolf Weinreich auf der Gitarre begleitet wurden, regten zum Nachdenken an. „Viele Fäden konnten nicht weiter verfolgt werden“, bedauerte Weinreich. Wer sich engagieren möchte, könne gern auf ihn zukommen. Auch weitere Zeitzeugen werden noch gesucht, die die Schülerinnen kannten oder sogar über Bilder verfügen.
Die Ausstellung „Schülerinnen unserer Schule - verfolgt, deportiert, ermordet“ ist im Moment in der Ricarda-Huch-Schule vor dem Sekretariat zu sehen.
Weitere Informationen unter: www.stolpersteine-giessen.de
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Anmerkung der Redaktion mit der Bitte um Beachtung: der vorliegende Beitrag enthielt in seiner ursprünglich eingestellten Fassung vom 25. April mehrere Fehler, die auf Hinweise der Initiativgruppe korrigiert werden konnten. Wir danken der Initiativgruppe Stolpersteine und bitten um Entschuldigung.
Für die Redaktion Giessen-Server.de: Frank Sygusch
Giessen, 25. April 2008 / 28. April 2008 / Bilder: Giessen-Server.de
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