"Weighting" - Fotographien von Miranda Glikson in der Galerie Remmele
von Frank Sygusch
GIESSEN. Miranda Glikson (* 1975) kommt aus Canberra in Australien und hat nach dem Abschluss des Tanzstudiums an der Academy of Arts der Queensland University in Brisbane in zahlreichen Compagnien und auf Theaterbühnen getanzt.
Als Tänzerin kann sie auf eine erfolgreiche Berufskarriere verweisen; seit sechs Jahren ist Glikson Mitglied des Tanzensembles am Giessener Stadttheater und hat in zahlreichen Solorollen getanzt. Jetzt zeigt die Künstlerin erstmals einige ihrer fotographischen Arbeiten in schwarz-weiß und bewegt sich einen Schritt weg von der Bühne hinein in den öffentlichen Blickraum der Kunstausstellung.
Weighting – Fotographien von Miranda Glikson vom 04. bis 17. Mai 2008
Im Rahmenkonzept des diesjährigen Festivals TanzArt ostwest, das vom 03. Mai bis 11. Mai andauert und fast 20 Tanzcompagnien aus ganz Europa nach Giessen holt, fand am Sonntagnachmittag die Vernissage der Ausstellung "Weighting", in der bis auf den letzten Platz gefüllten Galerie Remmele im Giessener Seltersweg, statt.
Nach der Begrüßung durch den Inhaber Fritz B. Westphal erlebten die Besucher zunächst eine atemberaubende und frei improvisierte Tanzperformance mit Antonia Heß (Tanzcompagnie Giessen) und Wolfgang Schliemann (Wiesbaden). Beide Künstler gestalteten eine einfühlsame und einprägsame Aufführung aus Bewegungen und Klängen im Raum, mit dem Tanzkörper und der percussiven Musik an zwei Becken.
Anschliessend regte Laudator Peter Merck mit seinen Ausführungen und Textzitaten die Besucherinnen und Besucher an über die "Fotografien, innere Bilder, menschenfrei, von Licht und Schatten regiert, Blick in eine andere Welt, ausschnitthaft und geheimnisvoll" nachzudenken.
*
Einige der Bilder von Miranda Glikson strahlen eine wunderbare Leichtigkeit und Schwerelosigkeit; andere eine besondere wohltuende Wärme aus. Auf den Betrachter wirkt es so, als ob die wahrgenommene Wirklichkeit für einen Moment mit der Haut berührt und im flüchtigen Blickfeld gestreift wurde, um die Lichtpunkte zu messen, die in Abhängigkeit von Distanzen im Raum existieren. Aber wie können die Sonnenstrahlen gewichtet werden, wenn der Abstand unendlich bleibt? Vielleicht in der Möglichkeit der Erfassung der exakten Bewegungs- und Ausdehnungsform, im Rhythmus der Wahrnehmung der Netzhaut, wenn das Auge noch geschlossen ist und wie eine Membran arbeiten muss, um als Sinneswerkzeug zu unterscheiden, was hell und dunkel ist, obwohl es noch gar nichts sehen kann.
Der scharfe und genaue Blick der Künstlerin Glikson trennt die dünnen Schichten, die unserer Wirklichkeit ein Ausmaß geben und beachtet die Spannungszustände der äußeren Haut und den Muskeltonus, die – aus der Erfahrung gefühlt - mit dem Einsatz von Licht gestaltet sind. Einzelne der Fotographien sind mit einem hohen Grad an bewußter Kontrolle arrangiert; doch teilweise fließen die Formen einfach ineinander über und überlassen dem Prozeß des Bildverständnisses ein eigenes Maß für das subjektive Erleben, um den notwendigen Raum für das Betrachten zu ermöglichen.
Dem Kunstwerk bleibt es vorbehalten, das vollkommen Neue und Einzigartige an sich zu präsentieren, oder das bereits Bekannte auf eine neue Art und Weise zum Verstehen zu bringen und damit den Betrachter in den Bann zu ziehen. Die Fotographien von Miranda Glikson haben etwas von dem, das Neugierde auslöst und die Bilder zeigen ein Vermögen zu überraschen: Die Fotographien offenbaren genau durchdachte und formale Gestaltungselemente und entbergen gleichzeitig feine und feinste Strukturen in Oberflächen und Tiefe, die auf dem Weg über mehrdimensionale Wahrnehmungsebenen entstehen und klare inhaltliche Aufbaumerkmale erkennen lassen. Es sind perspektivische Momente, die im Augenblick der Reflexion und in der Spontanität entdeckend und mit dem Werkzeug festgehalten wurden.
Miranda Glikson versucht mit den sprachlichen Mitteln des Lichtes etwas von dem einzufangen und zu verbinden, das wir sonst nur mit tief geschlossenen Augen erleben: die Verarbeitung des wachen Zustandes aus der Schattenperspektive im Schlaf.
Immer wenn das Auge etwas wahrnimmt, vollzieht sich eine Integration von Erinnerungen und Empfindungen, die unserer unmittelbaren Aufmerksamkeit selektive Mechanismen bereithält. Erzählt uns vielleicht, die in der Ausstellung präsentierte Bilderserie "Visitors" eine Geschichte im Versmaß über soziale Verbindungen, ohne den Anschein zu erwecken, dass Bindungen entstehen müssen, die Abhängigheit und Einschränkung bedeuten könnten? Und warum wirken die Schatten auf den Betrachter heller als die Gestaltformen der abgebildeten Personen; oder versuchen die "Visitors" das Licht zu umarmen, das den Gleichklang vom Schattenbild aufheben will? Werden etwa die lebendigen Übergänge des Lichtes in die Schattenbilder und -figuren im Prozeß der Wahrnehmung abgewogen und in einer scheinbar sichtbaren Form als ergreifbar festgehalten, als ein arrangiertes Maß mit feinen Grenzlinien, die es nicht gibt, weil das Licht alles aufhebt?
Die Fotographien von Miranda Glikson bergen etwas von dem, das in der Fähigkeit des Auges liegt, etwas in der Bewegung entdecken zu wollen, was taktil und fragil erfasst werden will.
*

Weighting – Fotographien von Miranda Glikson vom 04. bis 24. Mai 2008 - Rosen im Ausstellungsraum der Galerie Remmele (Bild: Frank Sygusch)
Achtung: Ausstellungsdauer bis 24. Mai 2008 verlängert!
Weighting – Fotographien von Miranda Glikson vom 04. bis 24. Mai 2008
Galerie H. Remmele
Inh. Fritz B. Westphal
Seltersweg 18
35390 Giessen
Öffnungszeiten: Mo. bis. Fr. 11.00 bis 18.00 Uhr
Sa. 11.00 bis 14.00 Uhr
Jeweils 2 Stunden vor Tanzart-Vorstellungen, sowie nach Vereinbarung.
Tel.: 0641 – 9 72 07 01 – Mobil: 0173 – 8 39 74 57
www.tanzart-ostwest.de
Giessen, 06. Mai 2008 / Foto: Frank Sygusch / giessen-server.de / Die bis ursprünglich 17. Mai geplante Ausstellung ist bis zum 24. Mai 2008 verlängert (Anm. Giessen-Server.de, 16. Mai 2008)
Juli 2010
Giessen Links
Stadt Giessen
Justus-Liebig-Universität
Fachhochschule Giessen
Tourist Information Giessen
Kunsthalle Giessen
Stadttheater Giessen (Jahresprogramm)
Mathematikum in Giessen (Jahresprogramm)
Botanischer Garten in Giessen
Liebig Museum in Giessen
Kümmerei in Giessen
Messe Giessen