Alles dreht sich um Musen, Meister und Mammon / Premiere fand am vergangenen Samstag statt
von Tanja Löchel
GIESSEN. Kunst und Kommerz steht als verbindende Thematik über den Operneinakter „Gala, Gala“ und „X-mal Rembrandt“, deren Premierenvorstellung am Samstagabend im Stadttheater in Giessen stattfand. Regie führte Intendantin Cathérine Miville.

Intendantin des Stadttheaters Giessen Cathérine Miville (Foto: Frank Sygusch)
Die schillernde Muse der Surrealisten Salvador Dalí und Paul Éluard, Gala, steht im Mittelpunkt des collagenartigen Musiktheaterstücks von Marc-Aurel Floros (Musik) und Elke Heidenreich (Libretto), die am Abend im Zuschauerhaus anwesend waren. Sopranistin Sabine Paßow gestaltete mit diffenzierendem Ausdrucksvermögen, technisch versiert die Titelpartie. Ihre Stimme verströmte mal sinnlich betörend, mal liebevoll weich, aber auch die expressiv energischen Passagen meisterte sie mühelos. Gala thront die meiste Zeit wie eine Königin auf einer großen Rampe und lässt sich umwerben. Sie dient als Inspirationsquelle oder agiert ganz pragmatisch gewinnbringend als Kunstvermarkterin. Die Rolle Gala ist zweigeteilt, eine Gala 2 tanzt die Erotik und Charisma versprühende Tänzerin Magdalena Stoyanova (Choreografie: Tarek Assam). Die Musik gibt sich meist geheimnisvoll und nuancenreich, allerdings driftet sie oft in süßlich-platte musikalische Banalität wie „Galas Liebesgesang“ ab. Auch die simple Imitation fernöstlich meditativer Klänge gehört in die Abteilung des unsäglichen Kitsches. Heidenreich orientierte sich an biografischen Dokumenten und flocht zahlreiche Zitate in den Text ein, der leider aufgrund undeutlicher Diktion schlecht verstanden wurde.

Elke Heidenreich im Stadttheater Giessen (Foto: Frank Sygusch)
Den die Muse abgöttisch, leidenschaftlich liebenden Paul Éluard gibt Dan Chamandy. Schauspieler Markus Rührer spielt Max Ernst, mit welchem Gala ein Liebesverhältnis hatte. Mit harten Worten verteufelt er sie. In einem dramatisch spannungsreichen Dialog prallen Èluards melodischer Gesang und die gesprochenen Hasstiraden von ernst aufeinander. Gala lehnte zeitlebens ihre Mutterrolle ab. Dies wird auch im Stück anschaulich, denn die kleine Tochter Cécile (Kinderchorsolistin) verkriecht sich unter dem Rampenvorsprung und singt von Gala völlig getrennt zart „Mama“. Allerdings wird Gala weder eindeutig positiv noch eindeutig negativ in der Oper dargestellt, sondern in all ihren Facetten beleuchtet. Günter Pick gibt Salvador Dalí zwischen kindlich unbedarfter Naivität und wunderbarem Größenwahn. Hans Griepentrog singt mit sonorer, kräftig klingender Stimme einen auf den ersten Blick seriös und neben den Künstlern nüchtern wirkenden Kunstagenten.
Lukas Noll entwarf ein abstraktes Bühnenbild, das bizarre architektonische Elemente enthält. Überdies sieht man surrealistische Bild- und Textzitate. Das fahle, matte Licht (Christopher Moos) überzieht die Bühne wie ein Traumschleier, setzt aber durchdacht klare Akzente. Dass Kunst auch den Gesetzen des Marktes unterworfen ist zeigen überdimensionale Projektionen von großen Dollarscheinen mit dem Konterfei Dalís darauf.
Im Bilderrausch schwelgen konnte das Publikum während der witzig-satirischen Aufführung von „X-mal Rembrandt“. Die lebendig bühnenwirksame Musik stammt von Eugen Zádor, einem ungarischen Komponisten, der auch für Hollywoodfilme (u.a. „Ben Hur“) erfolgreiche Musiken schrieb. Wenn sich der Vorhang hebt, sehen die Theaterbesucher einen Museumsraum, in welchem bekannte Meisterwerke hängen, darunter – das hiesige Publikum staunte nicht schlecht- eine Kopie des „Flora“-Gemäldes aus dem oberen Theaterfoyer. Ein Maler kopiert Rembrandts Selbstporträt im Museum, denn das Bild soll an eine reiche Amerikanerin (Henrietta Hugenholtz) verkauft werden, um die leeren Kassen zu füllen. Allerdings ist das Gemälde bereits vor langem verkauft worden und das Museumsexponat eine Fälschung. Ein burleskes Spiel um Betrug, Fälschung und Echtheit der Kunst beginnt. Sogar die Bilder, der heilige Sebastian, die heilige Clara, eine Madonna und der niederländische Meister selbst (Matthias Ludwig) werden lebendig und steigen zur Belustigung des Publikums aus dem Rahmen. Die Sängerinnen und Sänger waren mit Spielfreude und souveränen Gesangsbeiträgen bei der Sache. Nur Dan Chamandy als Museumsdirektor hinterließ aufgrund dauerhaft forciertem Stimmeinsatz, unschönem Tremolieren und häufigem „Kicksen“ einen schwachen Eindruck, seine präsente Darstellung machte aber einiges wett. Bunte Akzente setzten die schrillen, übersteigerten Kostüme von Lukas Noll. Das Philharmonische Orchester meisterte unter dem farbenreich sinnlichen und gleichzeitig durchdacht strukturierenden Dirigat von Carlos Spierer die Wiedergabe der unterschiedlichen Musiken ihrer Charakteristik angemessen und mit Bravour.
Weitere Vorstellungen finden am 23. und 30. Mai, am 05., 15. und 21. Juli jeweils um 20.00 Uhr im Stadttheater (Berliner Platz, Giessen) statt.
Giessen, 12. Mai 2008 / Text: Tanja Löchel /
Fotos: Frank Sygusch (Giessen-Server.de)
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