GIESSEN (mip/r). Am vergangenen Dienstag wurde das im letzten Spätherbst renaturierte MUNA-Gelände in Anwesenheit von Bürgermeisterin Gerda Weigel-Greilich und Stadtrat Thomas Rausch vorgestellt, nach dem es sich im bisherigen Frühjahr gut entwickeln konnte. Auf Initiative und Planung der Unteren Naturschutzbehörde im städtischen Umweltamt wurde unter Leitung der Forstabteilung des städtischen Liegenschaftsamtes mit Beteiligung der Mittelhessischen Abwasserbetriebe ein Graben im Bereich des ehemaligen MUNA-Geländes fertig gestellt: der frühere Bachlauf war hier bislang begradigt und mit Betonhalbschalen und Wasserbausteinen befestigt. Die naturfremden Materialien wurden entfernt, neue Bachschleifen angelegt und die Ufer abgeflacht. Renaturiert wurde auch der Grabenbereich im vorhandenen Hochwasserrückhaltebecken, auch hier schlängelt sich heute ein naturnahes Gewässer.
Ziel dieser Gewässerrenaturierungen ist die Wiederherstellung der ökologischen Grundfunktion von Gewässern. Gerade Fliessgewässer sind wichtige „Lebensadern“ in einem Ökosystem. Durch die Wasserbaumaßnahmen wurde zunächst wieder die Durchgängigkeit und Passierbarkeit für kleine und große Tiere erreicht. Auch können sich an den eingebauten Wurzelstubben und Steinbrocken ökologische Nischen bilden, die insbesondere Kleintieren Halt und Schutz bieten. Durch die Anhebung der Bachsohle nimmt die Entwässerungswirkung ab und im Uferbereich entstehen vernässte Standorte, die eine besonders artenreiche Flora und Fauna beherbergen und gleichzeitig für Hochwasserrückhaltung sorgen. Die Renaturierungsarbeiten wurden unter Leitung von Diplom-Forstingenieur Kriep vom städtischen Liegenschaftsamt ausgeführt.
Die Bezeichnung MUNA ist in Giessen bekannt, aber die wenigsten wissen heute noch, was sich daher verbirgt: als staatliche Einrichtungen wurden im Dritten Reich sogenannte „Munitionsanstalten“ eingerichtet, die aus Sicherheitsgründen meistens versteckt in Waldgebieten lagen. Diese Anlagen dienten der Vorbereitung des zweiten Weltkrieges, gelagert wurden in Giessen überwiegend Sprengstoffe. Die „Heeresmunitionsanstalt Giessen-Ost“, wie die MUNA offiziell hieß, bestand seit 1935. Das MUNA-Gelände ist heute als Altlastenfläche erfasst. Von der Fläche geht jedoch keine Umweltbelastung aus. Das insgesamt 14 Hektar große Areal ging 2005 in den Besitz der Stadt Giessen über; renaturiert wurde auf einer Fläche von 6,7 Hektar.
Durch die zahlreichen kleineren Feuchtbiotope hat das MUNA-Gelände einen hohen ökologischen Wert mit einem vor allem für die Fauna günstigen Strukturreichtum. Im MUNA- Gelände wurden schon seit den späten achtziger Jahren weit über ein Dutzend Tümpel von der Giessener Biotopschutz-Arbeitsgruppe „Die Schlammspringer“ des Naturschutzbundes Deutschland angelegt. Da jedoch ansonsten das Gelände jahrelang ungenutzt war, bildeten sich außerhalb des Waldes zunehmend dichte Landreitgras-Bestände aus, die Freiflächen verbuschten zunehmend.
Der ehemals vorhandene Strukturreichtum wurde mit den jetzt durchgeführten Maßnahmen wiederhergestellt, um Amphibienarten wie Kammmolch, Geburtshelferkröte und Kreuzkröte wieder einen Lebensraum zu bieten. Ziel der aktuell durchgeführten Maßnahmen auf dem MUNA-Gelände war daher neben der Neuanlage von Feuchtbiotopen, die aus faunistischer Sicht insbesondere für die genannten gefährdeten Amphibienarten wichtig sind, auch die Offenhaltung von Teilbereichen. Die betonierten Flächen wurden im Gelände belassen, da es zum einen einen hohen Aufwand bedeutet hätte, diese zu entfernen, zum anderen dienen diese Flächen im Sommer als Aufenthaltsort für Reptilien und erfüllen so im Nachhinein noch einen positiven Effekt auch für diese selten gewordene Tiergruppe.
Bei der Neuanlage von Gewässern wurde die Stadt von engagierten Naturschützern und der Naturschutz- Kindergruppe der „Schlammspringer“ unterstützt: sie modellierten mit Begeisterung die Uferbereiche der von einem Bagger grob geschaffenen neuen Kleingewässer. Im Nahbereich der neuen Feuchtgebietewurde zur Aufwertung dieser neuen Lebensräume der Kiefernaufwuchs entfernt. Auf allen übrigen Flächen sollen sich naturnahe Waldbestände entwickeln können.
Giessen, 03. Juni 2008
Mai 2012
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