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Barbara Heinisch – Malerei als Ereignis

Ertastete Malfläche und entgrenzter Raum / Gebogene Schatten und abstraktes Licht / Intensive Klang- und Körperformen und tanzende Farbgestalten / Tanz, Ton und Farben verfassen Wirklichkeit


Die 3-fache Entrückung – Performance im Trialog mit Maike Hild (Tanz) und
Frank Rühl (Gitarre)




von Frank Sygusch




GIESSEN.                    Die spontane, intime und ungeahnte Malerei von Barbara Heinisch ist experimentell in der Aktion und entwickelt sich als Ereignisprozeß entlang von Kommunikation und Interaktion; entbindet die Konzeptidee der Performance aus ihrer Gestalt und versucht Grenzen von Subjekt und Objekt, im Ereignis als Raumkunst, aufzuheben.






Am Beginn der Performance begegnen sich die Tänzerin Maike Hild und der Musiker Frank Rühl entlang einer Treppe auf und ab steigend in langsamen Bewegungen. Wir sehen die Tänzerin in orange-roten Farbtönen gekleidet. Das verstärkt die Körperlichkeit und betont den Ausdruck des Tanzes. Die Tanzbewegungen mit kontrollierten Pausen sind enorm dezent und gleichzeitig intensiv. Zunächst orientiert sich Maike Hild sitzend, und Stufe für Stufe, rückwärts gewandt langsam empor. Unverstärkte Geräusche von der elektrischen Gitarre, deren Saiten und Korpus als Percussionsinstrument in Schlag- und Zupfrhythmen verwendet werden, bilden gleichzeitige Wahrnehmungspunkte im Raum aus.







Mehrere Kunstformen erleben sich hier gleichzeitig im gemeinsamen Aktionsraum in symmetrischen Wechselwirkungen und Wahrnehmungsebenen und erarbeiten sich Bedingungen der Möglichkeiten im Raum. Vorgegeben und miteingebunden sind der objektive Kommunikationssraum (als Ort der Gesellschaft, der Soziales im Raum strukturiert) und der subjektive Zuschauer im öffentlichen Kunstraum (als Ort der Souveränität, der Wirklichkeit in Form und Gestalt verfasst).




In der Raumebene, dicht vor dem Publikum, steht die gespannte Leinwand aus Nessel, die von hinten und vorne mit Lichtquellen angestrahlt wird. Wer die Malfläche für einen Moment fokussiert, dem kommt es vor, als ob eine übergroße frontale Ebene, wie eine Bühne den Raum nach allen Richtungen entgrenzt und die Lichtstrahlen scheinen die Schatten auf sonderbare und geheimnisvolle Weise wegzuführen. Während dem Zusammenspiel von Tanz und Klang entlang der Treppe, betastet und streichelt die Malerin Barbara Heinisch die Leinwand; klopft zärtlich das gespannte Tuch mit ihren flachen Händen, dem Handrücken und Handballen ab und berührt einzelne Stellen mit den ausgestreckten Fingern und –kuppen. Dann plötzlich werden unmittelbar und in schneller Folge leuchtend gelbe Farbflecken und –striche aufgetragen, in rasch ausgeführten und intuitiven Bewegungsformen im Rhythmus des Klanges, der sich im Raum entfaltet. Es entstehen viele gelbe Pinselpunkte und kleine Farbformen, die von der Malerin immer wieder betastet, abgefühlt, verwischt, verformt und verändert werden, bis die helle Leinwand die leuchtende gelbe Farbe angenommen hat und zur Ruhe kommt.







Alsbald wirkt der bespannte Malraum wie eine Tanzfläche und wie kleine hell leuchtende gelbe Farbgestalten scheinen die Farbformen auf einer unendlichen Malfläche wild zu tanzen. Oder wirkt es, als ob die hellen Punkte und Flächen, wie kleine Figuren zwischen dunklen Schattenstellen, der im Hintergrund stattfindenden Tanzbewegungen und im Wechsel zum Klangbild hin und herspringen; oder ist es der impulsive und perkussive Rhythmus mit den lange nachwirkenden Schallwellen des Musikers, der den Aufführungsort in Form und Gestalt verfasst?




Der Musiker Frank Rühl bewegt sich hinter der Leinwand und formt intensive und dichte Schattenbilder im Lichtraum aus und das helle gelb als Farbe auf der Leinwand leuchtet noch intensiver als zuvor. Die Musik mit den Klangformationen gibt etwas vor, das den Klangraum zu perforieren scheint. Wie Nadeln dringen die Klangfarben spitz und kratzend in den Raum. Dann erscheint die Tänzerin zum Klang gewandt, dreht sich um und beugt sich weit vor, fast den tiefen Boden erreichend, hockt sich hin und streckt sich anschließend wieder langsam und seitlich drehend empor. Für den Betrachter, der den Blick in der frontalen Ebene erfährt, öffnet dieses Schattenbild den Kunstraum als Trialog, denn es scheint, als ob die Tänzerin einige der Bewegungen wiederholt, die von der Malerin vorher bereits im Gestus und als Pose in der ersten Malaktion angedeutet waren. Der Musiker bewegt sich nun im geformten Wechselspiel zum Tanz der Tänzerin Maike Hild und nach einer Weile betritt die Malerin Barbara Heinisch den Aktionsraum und betrachtet das Zusammenspiel der Bewegungen auf der Leinwand. Noch verharrt die Malerin konzentriert und schaut abwartend zu und betastet jetzt erneut die Leinwand mit dem Pinsel ohne Farbe aufzutragen. Dann aber und abrupt verändert sich der Muskeltonus des Körpers der Malerin und der rasch in Farbe eingetauchte Pinsel wird in einer schnellen Bewegung gegen das Schattenbild gesetzt und spreitzt die rote Farbe in einem geworfenen Bogen auf die Malfläche.









Für einen Bruchteil einer Sekunde bilden jetzt je ein Arm von Tänzerin und Musiker Endpunkte von imaginären Linien aus, die sich zu kreuzen scheinen und der Daumen des Musikers, der den Hals der Gitarre stützt, zeigt nach oben, als eine mögliche Verbindung zu der aufgespreizten Hand der Tänzerin. Im Schattenbild erkennbar zieht sich der Arm der Tänzerin zurück, doch der Daumen des Musikers streckt sich dennoch weiter empor. Noch bevor sich die einzelnen Bewegungsfiguren, der sich schnell verändernden Schattenbilder auflösen können, entstehen expressive Formen aus angedeuteten Linien, spitzen Flächen und Punkten im Halbbogen nach unten gezogen und alles in roter Farbe leuchtend auf der Leinwand festgehalten.




Und für einen Augenblick wirkt das Gemalte auf der hellen Leinwand, wie ein souveränes Zeichen, das den tiefen Raum mit leuchtender Farbe festzusetzen sucht, ohne danach zu fragen, welche Bedeutung daraus entstehen kann. Barbara Heinisch betrachtet den ersten Zugang der Farbformen für eine kurze Zeit lang intensivst; doch die Tänzerin fährt fort ihre Tanzbewegungen auszuführen und der Klang der improvisierten Musik fordert eine Offenheit in der Interaktion heraus, dass Zeit und Raum scheinbar zusammenfinden können.















Von Beginn an der Performance wirkt das Verhältnis zwischen den drei KünstlerInnen intensiv und die aufgetragenen Farben auf der gespannten Leinwand entwickeln sich nach und nach zu bestimmenden Farbformen im Raum, und Figuren bilden einen expressiven und bewegten Farbraum aus, der aus der Körperlichkeit entsteht. Die Tänzerin verharrt gebeugt für ein, zwei Minuten und angedrückt an die Rückseite der Leinwand; und die Malerin erhält über die Haare des Pinsels und den Farbkontakt eine direkte Berührung mit dem Tanzkörper, der in der Wahrnehmung mit der Farbe, der Bewegung der Malerin und dem Klang der Gitarre eine Orientierung erfährt.









Die Impulse für die entstehenden Farb- und Raumgestaltungen entwickeln sich nach und nach entlang von erlebten Wahrnehmungslinien im Trialog. Der Tanz als geheimnisvoller Körperausdruck der aufgelösten Choreographie, als Tanz im Anderen und in den Schattenformen gesehen; und die intensiven, teils eruptiven Rhythmen von improvisierten Tonqualitäten, -formen und Klangbewegungen, entstehen gemeinsam in einem öffentlichen Kunstraum und werden in lichten Farbbewegungen und dichten Farbfeldern auf die Leinwand geworfen, geformt und betastend gestaltet. Manchmal hüpft die Malerin auf und ab, oder klopft und schlägt mit dem Pinselholz auf den Rand des Farbtöpfchens im Rhythmus der Klangformen und der erlebten und gefühlten Bewegung des Tanzes. Und die Leinwand, die jetzt fast unglaublich lebendig wirkt, formt den Raum mit und erschafft neue Dimensionen, wird nun von Vorder- und Rückseite abgetastet und mit Körperbewegungen verformt, wenn die Tänzerin auf die heftigen Pinselstriche und –schläge der Malerin reagiert, die der Musiker mit dem erzeugten Klangbild vorzuprägen scheint.










Manchmal wirken die Klänge der Musik wie Atemgeräusche, dann entlockt Frank Rühl den Saiten und Korpus sprudelnde Klangformen, gurgelnde Schwingungsebenen, heulende Halleffekte, eruptive und gebogene Vibrationen, lang gezogene Tonsequenzen bis hin zu gehaltenen Hochtönen, schmatzende Wah-Wah-Geräusche, perkussive und glasklare Schlagklänge, oder setzt Metall, Kunststoff, Horn und anderes für die Bearbeitung der Saiten ein, um dem unendlichen Klangraum eine sinnhafte Orientierung zu geben und um neue Klänge für den Kunstraum zu erschaffen.










Das Subjektive des Anderen wird im Trialog zur eigenen Form entrückt und in der Malerei zu einer gemeinsamen Aktion wieder verworfen, so dass eine Einheit von Werk und Person aus dem Trialog auf die Leinwand gebahnt wird. Bis an den Rand der Erschöpfung wagt sich die Künstlerin Barbara Heinisch vor und ermalt sich den mehrdimensionalen Kunstraum, der in Bewegung, Rhythmus, Wahrnehmung und Auflösung von Formen geschaffen wird.




* * *




Die Veranstaltung fand im Rahmen des Kultursommers Mittelhessen e.V. und in Zusammenarbeit mit Giessen Improvisers Pool am 26. Juni um 20.30 Uhr im Georg-Büchner-Saal, Universität Giessen, Bismarkstrasse 37 mit einer Einführung der Kunsthistorikerin Dr. Susanne Ließegang statt.



Barbara Heinisch studierte ab 1969 bei Joseph Beuys, später bei K.H. Hödicke. Meisterschülerin. 1977 erste Einzelausstellung und Performance. 1979 Deutscher Kritikerpreis für ihr Konzept, die Malerei zum Ereignis werden zu lassen. Es folgten Einladungen u.a. in die USA (Brooklyn-Museum, New York), Frankreich (ARC-Musée d´Art Moderne, Paris), Polen, Niederlande zu Performance-Festivals, sowie zahlreiche Einzel- und Gruppenausstellungen im In- und Ausland. Ab 1983 Gast-Professuren für Malerei und Performance. 1992 Portrait im ZDF. Ab 2004 Aufnahme in mehrere Lehrbücher. Die Werke von Barbara Heinisch sind in privaten, sowie öffentlichen Kunstsammlungen vertreten.



Maike Hild wurde 1977 in Giessen geboren. Von 1997 bis 1999 studierte sie Bühnentanz in Dresden und Rotterdam und von 1999 bis 2007 Germanistik, Soziologie und Kulturwissenschaft an der Justus-Liebig-Universität Giessen. Seit 2000 arbeitet Maike Hild als Tanzpädagogin und ist als Tänzerin an zahlreichen Projekten beteiligt; u.a. ab 2005 in Zusammenarbeit mit dem Stadttheater und der Tanzcompagnie Giessen (z.B. im Tanzstück "Snow Motion“), sowie ab 2007 mit Barbara Heinisch (in der Performance Phoenix).




Frank Rühl, Jahrgang 1950 kommt vom Beat, Rhytm´n´Blues, Soul und Psychedelic über Freejazz zur improvisierten Musik. Mitbegründer des Giessen Improvisers Pool. Zahlreiche Festival-Auftritte seit 1983 (u.a. MIMI, Frankreich) und Tanzperformance-Projekte seit 1990 (u.a. L´Erimitage du Son, Frankreich; Musiktheater Giessen/Berlin), Heiner Goebbels Projekt (Moers) und diverse Solo-Konzerte. Veröffentlichungen der Musik in Diskographien und Videographien. Ab 2007 Zusammenarbeit mit Barabara Heinisch.




Die Veranstaltung wird am 16. August im Badehaus 2, Sprudelhof in Bad Nauheim um 21.00 Uhr und am 29. August in der Lutherischen Pfarrkirche St. Marien zu Marburg um 21.00 Uhr im Kirchhof als �Performance im Trialog“ wiederholt.

(Info: Bad Nauheim – 06032 – 929920 und Marburg – 06421 – 9912-0)



Barbara Heinisch - Malerei als Ereignis

(Offizielle Seite von Barbara Heinisch)





Giessen, 12. Juli 2008 

alle Fotos / Bilder urheberrechtlich geschützt: © Frank Sygusch (manoumi images) / www.giessen-server.de
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