von Frank Sygusch
GIESSEN. Die Gegenstände, die der Künstler Yi Zheng Lin für seine Kunst verwendet, sind dem banalen und praktischen Plastikalltag der Industrienationen entnommen und können in jedem Bau- oder Supermarkt erworben werden: Abflussrohre, Kabelbinder, Kanister, Wäscheklammern, Strohhalme, Siebe, Schläuche, Gabeln, Mülltonnen usw.usf. Dazu kommen Artikel für den täglichen Gebrauch im Alltagleben, allesamt in Massenproduktion hergestellt. Die preiswerten Gegenstände werden vom Künstler in besonderer und phänomenologischer Formvielfalt angeordnet, indem er seinem Auge traut und sich damit nach innen und außen öffnet.

Yi Zheng Lin
ohne Titel - 80 x 160 cm
2006 / Tusche, Acryl auf Reispapier
Doch erst das flächenhafte Wechsel- und Verwirrspiel zwischen den bunten Farben und den unbunten Strichen und Flächen der Zeichnungen auf dem Papier und den im Raum aufgestellten Objekten entfaltet eine erstaunliche Wirkungskraft, stehen doch die komplexen Rauminstallationen und konzeptuellen Projekte in enger Beziehung zur inhaltlichen Vielfalt der Zeichnungen. Wer lange vor einer der Zeichnungen stehen bleibt, zur Ruhe findet und sich auf die kontemplative Vielfalt einläßt, der kann erahnen, welche tonale und lebendige Struktur in den Installationen stecken muss, die daraus erwachsen sind. Die komplexen Qualitäten der faszinierenden Arbeiten des Künstlers Yi Zheng Lin stecken in den Details, die als Bestandteile des Ganzen, als Nuancen und Deutungen vereint werden, um anschliessend wieder gänzlich und rasch zu verschwinden.

Es ist eine in Tuschezeichnungen und auf Reispapier geborgene Kunst, die eine lange Tradition hat und voll an assoziativem Wissen ist, das sich entlang von Imaginationsgrenzen entfaltet, und sich schließlich zu Objektformen und Installationen im Raum entbindet und freisetzt. Eine archäologische und archaische Kunstform zugleich, die den Freiraum und den Klang von Raumdeutungen und in Beziehung zu einer symbolhaften Sinnstruktur zu setzen sucht. Doch alle Tuschzeichnungen sind ohne Titel; erst den Objekten werden die ausgesprochenen Namen zugeteilt.
Oder geben sich die Traumdeutungen der Natur selbst in den Arbeiten von Yi Zheng Lin ein Schauspiel und wir dürfen als Betrachter daran teilhaben? Die Rauminstallationen schöpfen aus einer Tiefendimension, dynamisch geformt brauchen die Objekte keine geraden Linien und Primärfarben mehr, die der Form Einhalt gebieten wollen, um das Konkrete zu offenbaren. Die Neuorganisation des Raumes findet ohne den Künstler statt; wie von selbst vollziehen und entschlüsseln die Werke von Yi Zheng Lin den Raum an sich, der zeitlos ohne Anfang und Ende sich ausbreitet und permanent selbst auflöst. Die Farben erhalten ihre Dichte und Tonqualitäten nicht durch monochrome Wiederholungen, sondern entstehen aus einer Kette von intuitiven Ideen, die sich ständig wandeln und im Raum mit Farbe und Sinnstruktur ausbreiten wollen

Der Künstler Yi Zheng Lin inmitten und vor einer seiner komplexen Rauminstallationen, die den charmanten Titel "Augustsehnen" trägt.
(Fotos: Frank Sygusch)

Wie verschlungene und lichte Wege mit Blüten und Knospen in einem zarten orange gehalten, ranken das Sehnen und der sommerliche Monat August aus der weißen Wand, dem Nichts heraus; wachsen aus einfachen gebogen und geformten intuitiven Bestandteilen von Syntax und Semantik getragen und als nach außen gewendete Lautmalerei und Farbton gesungen zusammen, und verwandeln den Blick in den Raum in eine lyrische Perspektive.Wird hier die Wirklichkeit detailgetreu rekonstruiert auf der Spur zwischen Realität und Fiktion? Oder halten die wunderbaren Arbeiten von Yi Zheng Lin inne vor der Frage nach Kritik und Utopie in der Raumkunst und halten phantastische Formen bereit?

Die Ausstellung zeigt im Innenhof des Oberhessischen Museums eine Rauminstallation
(Fotos: Frank Sygusch)

Oberhessisches Museum in Giessen / Altes Schloss, Brandplatz 2
Ausstellungsdauer: 08. August bis 05. Oktober 2008 / täglich geöffnet (außer montags) von 10.00 bis 16.00 Uhr – Eintritt frei
Giessen, 21. August 2008 / alle Fotos: Frank Sygusch (Giessen-Server.de)
Juli 2010
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