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DIE GÖTTLICHE KOMÖDIE – Premierenabend in Giessen

Mit dem spartenübergreifenden Spektakel „DIE GÖTTLICHE KOMÖDIE“ startete das Stadttheater in die neue Saison

von
Tanja Löchel


GIESSEN.                                         Mit der packenden Jenseitsodyssee „Die göttliche Komödie“ nach Dante Alighieri eröffnete das Stadttheater am Samstagabend die neue Spielzeit. Über drei Stunden lang haben die 100 Mitwirkenden aus allen Ensembles des Hauses das Premierenpublikum emotional aufgerüttelt, in kathartischen Schrecken versetzt und viele Fragen aufgeworfen. Nach der Bibel ist „Die göttliche Komödie“ das meistübersetzte Werk der Weltliteratur. Regisseur Thomas Goritzki hat aus den 14 233 Versen, die in 100 Gesänge gegliedert sind, eine aussagekräftige Bühnenfassung erstellt und diese in Hinblick auf die theatralen Mittel ideenreich in Szene gesetzt. So wurden Leitungsteam, Schauspieler, Sänger und Tänzer am Ende mit reichlich Applaus gefeiert.

Regisseur Thomas Goritzki hat aus den 14 233 Versen, die in 100 Gesänge gegliedert sind, eine aussagekräftige Bühnenfassung erstellt und diese in Hinblick auf die theatralen Mittel ideenreich in Szene gesetzt
(Fotos: Frank Sygusch)

Der Florentiner Dante (1265 bis 1321) schrieb seine „Divina Commedia“ im Exil. In Florenz beherrschten damals Familienfehden, Kämpfe zwischen Papst- und Kaiseranhängern sowie Machtkungeleien die politische Landschaft. In der „Komödie“ durchwandert der verbannte Dichter mit seinem römischen Kollegen Vergil, seinem Vorbild, die drei Bereiche Hölle, Fegefeuer und Paradies. In diesenReichen trifft er auf prominente Zeitgenossen, historische und mythologische Gestalten. Überdies rechnete Dante – ähnlich wie in einem modernen Enthüllungsroman - mit seinen Gegnern ab, indem er Politiker und Stadträte, Päpste und Kardinäle Höllenqualen erleiden lässt.

Viele Darstellerinnen und Darsteller mischten sich als bleich geschminkte Schattengestalten aus dem Jenseits, einige Verse Dantes rezitierend unter die Theaterbesucherinnen und -besucher
(Fotos: Frank Sygusch)

Viele Darstellerinnen und Darsteller mischten sich als bleich geschminkte Schattengestalten aus dem Jenseits, einige Verse Dantes rezitierend unter die Theaterbesucherinnen und -besucher
(Fotos: Frank Sygusch)

Das fantastische Spektakel aus Schauspiel, Tanz und Musiktheater begann bereits eine halbe Stunde vor Vorstellungsbeginn im Freien vor dem Theater. Viele Darsteller mischten sich als bleich geschminkte Schattengestalten aus dem Jenseits, einige Verse Dantes rezitierend unter die Theaterbesucher. In einem geöffneten Fenster des Oberen Foyers trat dann Christian Fries als verzweifelter und von der Midlifecrisis gebeutelter Dante Alighieri in Erscheinung. Er sprach den bekannten Anfang des Werks: „Dem Höhepunkt des Lebens war ich nahe, als ein dunkler Wald mich umfing…“.

„Dem Höhepunkt des Lebens war ich nahe, als ein dunkler Wald mich umfing…“.
(Foto: Frank Sygusch)

Vergil (gespielt von Roman Kurtz) tritt mit ihm die Jenseitsreise an. Das Publikum folgte in den Zuschauerraum. Dort saßen ebenfalls einige der Verblichenen. Ein politisches Geisterkabinett bevölkerte die Hölle. Chorsänger traten auf und stimmten verschiedene Nationalhymnen an. Die Tyrannen mussten bekennen: „Ja ich gebe zu, ich habe frevelhaft gehandelt, ja ich habe sie alle betrogen“. Gewandet waren die Politiker und Politikerinnen in Anzüge und Kostüme. Generell vermochte die Inszenierung immer wieder den Bogen zu schlagen vom Allgemeingültigen, Historischen über Dantes persönlicher Suche bis hin zu unserer Lebenswirklichkeit und unserem subjektiven Empfinden. Dante begegnete auch Papst Bonifaz VIII, einem „Zauberer und Verführer“, der dem Geld nicht abgeneigt war, in der Hölle.

Beeindruckend wirkten die gewaltigen Sprechchöre, in welchem die Sprache durchrhythmisiert wurde, die synchron skandierten Passagenund das ebenso synchrone über die Bühne stapfen. Thomas Goritzki und Choreograf Tarek Assam verlangtem dem Ensemble vollen Körpereinsatz ab. Miteinander kämpften Papst und Kaiser und dies auf hohen Stelzen. Darsteller bewegten sich gleitend auf Inline-Skatern fort, wobei sie Flügel wie Fahnen schwangen. Die zitternden, ärmlich gekleideten Sünder gehen an die Bühnenrampe, recken sich einem in der Höhe aufgehängten Mikrofon entgegen und gestehen ihre Vergehen wie beispielsweise das Neidischsein. Die Tanzszenen gaben Kommentare zum Geschehen ab und erweiterten die Darstellungsweisen, wie zum Beispiel in der Sequenz, welches das berühmte Liebespaar Francesca und Paolo zeigte.

Der Chor (Einstudierung: Jan Hoffmann) sang meist vom zweiten Rang aus. In der Papstszene warfen die Sänger aus der Höhe blutrote gierige Hände, die an roten Bändern hingen, herab. Der Kinderchor (Einstudierung: Martin Gärtner) unternahm ein Prozession mit Holzkreuzen, dazu sangen sie den Choral „O Haupt voll Blut und Wunden“.Die vom Philharmonischen Orchester unter der Leitung von Herbert Gietzen ausgezeichnet aufgeführte Musik trägt zur emotionalen Stimmung und der Vermittlung von Spannung bei. Es erklang Bekanntes aus der „Matthäuspassion“ von Bach, das bereits in Viscontis „Tod in Venedig“ gebrauchte Adagietto aus Mahlers 5. oder Teile aus der Pathetique (6. Sinfonie) von Tschaikowsky. Die Gesangssolisten Matthias Ludwig und Odilia Vandercruysse verbreiteten mit gekonnten, abschattierten Liedvorträgen (Franz Schubert, Robert Schumann) eine romantisch nächtliche Stimmung. Im Fegefeuer erklingen Kinderlieder, dazu müssen die Darsteller wie bei Strafarbeiten immer hin und her über die Bühne rennen bis sie außer Atem sind. Dante wurde in diesem Reich gleich zu Beginn durch ein glühendes „P“, das für peccata (Sünde) steht, geblendet. Im Fegefeuer entwarf der Dichter ein Programm der Selbstbestimmung und des freien Willens: „Du sei dein eigner Kaiser und dein Papst“.

Die Seligkeit im Paradies offenbarte sich in Walzerseligkeit („Geschichten aus dem Wiener Wald“ von Johann Strauss). Hier wurde Dante auch die Schau der Himmelsrose (Empyreum), die Wohnstatt der Seligen und dem Sitz Gottes zuteil. Dante versagen bei diesem Anblick die Worte … Die Schau des Höchsten ist für die Zuschauer als vervielfältigte und mannigfach gespiegelte Videoprojektion (Video: Martin Pryzybilla) wahrnehmbar.

Heiko Mönnich (Foto: Frank Sygusch)

Schlicht, aber ausdrucksstark und vielseitig ist das Bühnenbild von Heiko Mönnich. Textilbahnen sind im Halbrund angebracht. Über diese Bahnen können – ähnlich Vorhängen - weitere Stoffstreifen gezogen werden. Auch dient die Fläche als Leinwand für Videoeinspielungen, zum Teil für simultan zum Bühnengeschehen live gefilmte und projizierte Sequenzen. Bemerkenswert ist das Bild vom gedoppelten, überdimensionalgroßen, sprechenden Mund der Schauspielerin Petra Soltau in der Szene „Orakel“.Die Kostüme sind teils modern (Dante), teils antikisierend, mittelalterlich oder unterstreichen zeitlos den Rollencharakter.

(Foto: Frank Sygusch)

An der monumentalen, die Gattungsgrenzen sprengenden Produktion sind Schauspiel- und Ballettensemble, Gesangsolisten, Chor und Extrachor, Kinder- und Jugendchor und das Orchester beteiligt.


Weitere Vorstellungen finden am 06., 14., 18. und 26. September, am 05., 17., 19. und 26. Oktober jeweils um 19.30 Uhr im Stadttheater (Berliner Platz, Giessen) statt. Kartentelefon: (0641) 7957-60/ -61. Weitere Informationen unter www.stadttheater-giessen.de


Giessen, 01. September 2008 / Text: Tanja Löchel / Fotos: Frank Sygusch (Giessen-Server.de)


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