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Premiere RIGOLETTO – Melodrama von Giuseppe Verdi

Stadttheater Giessen eröffnete am Samstag den Reigen der Musiktheaterinszenierungen in der neuen Spielzeit / Das Schicksal des Hofnarren und seiner behüteten Tochter berührte das Publikum


von Tanja Löchel



GIESSEN.            Im Schaffen Giuseppe Verdis stellte der „Rigoletto“ von 1851 eine Wegmarke dar, denn hier vollzog der Opernkomponist den Schritt von der Austauschbarkeit der Arien und Ensembles zur unverrückbaren Einbindung dieser in den Handlungszusammenhang. Dieses Meisterwerk des italienischen Musiktheaters hatte am Samstagabend im Stadttheater in einer Inszenierung von Helmut Polixa Premiere.


Der missgestaltete Rigoletto steht als Hofnarr im Dienst des Herzogs von Mantua, einem narzisstischen Frauenverführer. Zuhause hütet Rigoletto seine Tochter Gilda, die er von den Verführungskünsten des Herzogs fernhalten will. Trotzdem verliebt sich Gilda in den adeligen Lebemann, der sich bei ihr als Student ausgibt. Da engagiert Rigoletto den Berufsmörder Sparafucile. Doch der tödliche Stich trifft nicht den Herzog, sondern Gilda.


Zwischen Symbolträchtigkeit und konventioneller, in psychologischer Hinsicht leider oft nur angedeuteter Personenregie bewegte sich Polixas Inszenierung. In Hinblick auf dem Emotionsgehalt gelingen ihm eindringliche Szenen. Dennoch hätte man gerade im „Rigoletto“ die psychischen Triebfedern und Angelpunkte besser herausarbeiten können, da der Stoff (Vater-Tochter-Verhältnis, gesellschaftliches Außenseitertum, Rigoletto im Spannungsfeld zwischen Narr und treusorgendem Vater, die überbehütete Tochter in einer Scheinwelt, Liebesideal usw.) es hergibt. Symbole stellten einen Teil des Bühnenbildes (Stefan Rieckhoff) dar. In diesen Sinnbildern wurden die übergeordneten Themen anschaulich: Am Hof des Herzogs dominiert ein riesiger, roter Frauenschuh, der als Sinnbild mit Sexualität und Erotik verknüpft ist, die Szenerie. Gilda sitzt in einer Muschel, einem Zeichen für Vergänglichkeit und trügerischer Scheinhaftigkeit alles Irdischen und Menschlichen (Vanitas). Im Hintergrund sieht man eine Kopie von Botticellis „Geburt der Venus“; die Venus hier ist eine schamhafte Göttin der Liebe, die für die geistige Liebe steht. Das Duett von Gilda und Herzog findet auf einem Einhorn statt, welches das Gute und die Keuschheit symbolisiert. Ein Fischskelett fasst den Tod ins Bild, das Boot den Übergang vom Leben in den Tod. Unter ästhetischen Gesichtpunkten wirkte die Ausstattung, trotz aller Bedeutung, so platt wie scheußlich. Im 1. Bild könnte man das Geschmacklose (Herrenchor in roten Lackfräcken, gold geschminkte Oben-ohne-Modelle, die aus einer kommerziellen Sexshow entlaufen sein könnten) noch als Zeigen der Geschmacklosigkeit des Herzogs interpretieren, doch der Kitsch zieht sich durch die Oper.


Feinsinnige Transparenz (unter anderem in Gildas Arie „Caro Nome“), satte, aber durchdacht kalkulierte Italianitá (Arien des Herzogs „Questa o quella“, „La donna e mobile“), packende musikalische Beschreibungen (Gewitter im 4. Bild) und Sinn für zugespitzte Situationen (Verfluchung, Rache, Resignation) zeichneten das Dirigat von Carlos Spierer aus. Das Orchester spielte die meiste Zeit famos, doch an manchen Stellen pfiff es ein wenig zu schrill aus dem Orchestergraben und ein Gran mehr an Geschmeidigkeit und Schwung würde der Aufführung Pfeffer geben.


Die stärksten Momente des Abends gehörten Rigoletto (Michael Corvino) und Gilda (Antje Bitterlich). Ob als spöttischer, den Herzog zum Laster antreibender Narr, als liebender Vater, gebrochener, auf Rache sinnender Mann, Bariton Corvino brachte darstellerisch wie stimmlich die vielen Facetten von Rigolettos Charakter auf den Punkt. Die Stimme verfügt über Biegsamkeit, Wärme und dramatische Durchschlagskraft. Antje Bitterlichs hell glitzernder, zarter Sopran verlieh Gilda einen unschuldigen mädchenhaften, aber trotzdem verführerischen Charakter. Die Koloraturen standen bei der Sopranistin im Dienst des Ausdrucks. In manchen Passagen bemerkte man ein wenig das berechnend Dosierte im Gesang, dann wiederum verströmte die Stimme souverän frei. Die gefühlsbetonten Duette von Corvino und Bitterlich berührten. Der Herzog von Mantua vom Tenor Charles Reid stand leider auf wackligen Füßen. Brüchig wirkte die Stimme manchmal im piano, in lauten Stellen neigte der Sänger zu Härten und es mangelte an flexibler Stimmführung. Dann wiederum vermochte Reid zu punkten mit stabil geführten Phrasen. Vom Schauspielerischen her gab er der Rolle einen unbekümmerten, kindlichen Anstrich: Wohl aufgrund dieser narzisstischen Unreife kannte der Verführer keine Gewissensbisse und kein Schuldbewusstsein. Dennoch ist der Herzog zur Selbstreflexion fähig: Die Begegnung mit Gilda hätte fast einen besseren Menschen aus ihm gemacht.


Gespensterhaft - zurechtgemacht wie ein grässlicher scheintoter Zombie – mit markantem, durchschlagendem Bass gab Christoph Stegemann den Profikiller Sparafucile, die donnernde Verfluchung von Johannes Schwärsky als Monterone hallte nachhaltig in den Ohren des Publikums. Henrietta Hugenholtz sang passabel Maddalena, Gildas Gegenfigur, die sich dem Herzog gar nicht prüde hingibt. Gesanglich den Ton und die Geste der Verdischen Musik genau treffend präsentierte sich der Herrenchor (Einstudierung: Jan Hoffmann)




Die nächsten Vorstellungen finden am 21. und 27. September, am 24. Oktober und am 02. November jeweils um 19.30 Uhr im Stadttheater Giessen (Berliner Platz) statt. Kartentelefon: (0641) 7957-60/ -61. Weitere Informationen im Netz: www.stadttheater-giessen.de




Giessen, 14. September 2008 / Text: Tanja Löchel / Fotos: Giessen-Server.de


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