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Apero 2006 // Kerstin Cmelka im Kunstraum Doppelzimmer







Kerstin Cmelka im Kunstraum Doppelzimmer (Bild: Frank Sygusch)





GIESSEN (fsy).                   Kerstin Cmelka, die zwischen 1999 und 2005 an der Städelschule in Frankfurt ein Kunststudium absolvierte, hat in den vergangenen Jahren an diversen internationalen Filmfestivals für avantgardistische Kurzfilme teilgenommen und extravagante Undergroundtitel präsentiert. Bereits in einem ihrer ersten Kurzfilme „Neurodermitis“ (1998) beschäftigte sie sich mit den Themen der grenzüberschreitenden Erfahrung von Mimik und Ausdruck als selbst thematisierte Interaktion im Wechsel mit der eigenen Körperlichkeit und dem Schmerz als gefilmte und selbst erlebte Rauminstallation.
Das eigene Ich ist spürbar involviert über das größte Organ des Menschen: die Haut. Stellen der Haut, kleine selbstverlorene Inseln werden dabei an besonderen Stellen entdeckt und eingecremt. Das sind dann Orte als Grenzpunkte markiert, die der biographische Körperraum von innen und außen als spürbare und gefühlte Grenze trennt, aber gleichzeitig die Frage nach den anderen stellt und offen aufwirft. Denn wir sind ja ständig umgeben, auch wenn die anderen gar nicht im Raum anwesend sind und vielleicht nur als archaische Idee in der fernen Erinnerung der eigenen Persönlichkeit abgelegt sind.






Kerstin Cmelka - "Let your senses guide you", 2006 / Tintenstrahldruck auf Teppich, 200 x 300 cm (Bild: Frank Sygusch)



Im Rahmen des Apero 2006, im Kunstraum Doppelzimmer in der Ludwigstrasse 33 am vergangenen Samstag, öffnete nun, kuratiert von Meike Behm, eine Ausstellung von Kerstin Cmelka mit aktuellen Arbeiten der Künstlerin. Jedes Objekt für sich alleine entdeckt, offenbart im Doppelzimmer verteilt eine faszinierende Ausstrahlung.





Kerstin Cmelka mit Werkzeug schaut durch das Fenster in den Kunstraum des Doppelzimmers (Bilder: Frank Sygusch)




Der gezeigte kurze Film, das Video "A Mechanical Theatre", 2006 (DVD) stößt den Betrachter von einer Grenzlinie zurück auf sich selbst, wenn er Bilder zwischen gewohnter Kinoerwartung und gewünschter, aber erwarteter Überraschung sucht und zunächst gar nichts Vergleichbares vorfindet. Die tanzenden Personen scheinen etwas wiederholend einzuüben.





Bild: Frank Sygusch



Mit der Kamera während einer Filmpause am Set eingefangen, entstand das Kunstwerk. Nun warten die Betrachter vergeblich auf den Sinn, der sich aber nur in Gesten zeigt und nicht in der sich immer wiederholenden Handlung offenbart. Der Fernsehbildschirm steht auf dem Boden, und die Zuschauer müssen den Kopf schon nach unter verneigen, um etwas sehen zu wollen.




Kerstin Cmelka (Bild: Frank Sygusch)



Und fehlt da nicht etwas vor dem nächsten Objekt, dem farbigen Teppich, ganz alleine ausgelegt auf dem blanken Fußboden im hinteren Zimmer des „Kunstraumes Doppelzimmer“ und eben nicht angebracht als Wandteppich in Augenhöhe? Vielleicht fehlt ein Schildchen mit der Aufschrift „Vorsicht Kunstwerk, Bitte nicht betreten“; oder „Bitte vor dem Beschmutzen die Schuhe und/oder Kleidung ausziehen“; oder eine ähnliche subversive Vorschrift.

Aber sobald man nur ein paar Minuten vor dem Teppich in Andacht verharrt, dann passiert tatsächlich etwas sonderbares und „die Sinne beginnen zu fliegen“. Denn die auf dem Teppich abgebildete Person öffnet den Raum der vertikalen weißen Wand schlagartig ins Unermessliche und später kann der Betrachter ja noch den Titel des Objektes lesen, der den Weg beschreibt, den man längst gegangen ist: „Let you senses guide you“. ("Lass dich von deinen Sinnen lenken", also immer von mindestens 2 zumindest).





Kerstin Cmelka "Multistability III", 2006 / Tintenstrahldruck auf Lampenkonstruktion (Bild: Frank Sygusch)


Die multistabile Lampenkonstruktion mit den vier innenseitig angebrachten und flackernden Laserlämpchen hängt an einem seidenen Faden und will unabhängig sein. Einige der Besucher der Ausstellung fassen das Objekt spontan an und möchten es drehen oder in Bewegung bringen. Die Kuratorin greift aber sofort ein und ruft: „Bitte nicht berühren! Das ist ein Kunstwerk!“ Aber was ist passiert, wenn die Besucher das Kunstwerk anstoßen? Wird das Kunstobjekt verstoßen, oder die Künstlerin oder verrückt man sich selbst? Die Lämpchen jedenfalls erzeugen ein zuckendes Licht, das dem Fotodruck auf dem Leuchtpapier von hinten einen schwachen Impuls geben soll. Ein Signal für den Betrachter und tatsächlich: die Konstruktion führt den Betrachter zwangsläufig auf das Bild, das rund herum zweimal die Geste der abgebildeten Person beleuchtet und vorführt. Ganz anders als der Silbergelatineabzug von 100 x 150 cm „A Mechanical Theatre“ (Foto),der in Augenhöhe an der Wand im Zimmer hängt. Die mehrfach abgebildeten Gesten und die versteckte Mimik kann vom Betrachter immer nur an einer Stelle fokussiert werden, so wie das Auge beim Betrachten unserer eigenen Haut immer nur eine Stelle verstehen will.


Giessen, 04. September 2006 / Text und alle Bilder: Frank Sygusch


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