von Frank Sygusch
GIESSEN. Der weiße Küchenboden in der Studiobühne glänzt im grellen Licht tief in den Raum hinein und einer der drei Kühlschränke ist vollgestopft mit Bierflaschen. Die Midsommernacht steht bevor, die Mitte des Jahres, wenn der Tag am längsten scheint und die Nacht sehr kurz und hell ist und überall in Schweden getanzt wird. Und als auf der Studiobühne im Til in Giessen das Licht angeht, fällt der chromeblitzende Mixer sofort ins Auge, der auf einem der vier Eisschränke abgestellt ist. Das elektrische Gerät als Sinnbild für das kraftvoll-automatisierte Vermögen zu überraschen und in Sekunden alles durcheinander zu wirbeln, bekommt eine tiefe Bedeutung in der sehr gelungen Inszenierung von Katja Fillmann. Auch der lebendige Zeisig von Fräulein Julie wird im triumpfalen Wirbelsturm der Gefühle und aus der Lust heraus an der gnadenlosen Rache im Mixer durchgeschleudert und abgeschlachtet. Am Ende der Giessener Aufführung steht Fräulein Julie alleine, bewegungslos fast atemlos im Dunkeln alleine zurückgelassen mit ihren „Träumen, die niedersteigen am Morgen …“.

Katja Fillmann hat das Schauspiel Fräulein Julie von August Strindberg für das Stadttheater in Giessen inszeniert
(Foto: Frank Sygusch)
Fräulein Julie (Barbara Stollhans), die Tochter des Grafen, hat ein tiefes Verlangen nach Selbstbefreiung in sich, das komplexer als ein Sehnen oder Begehren ist und sucht den Kontakt zu Jean (Rainer Hustedt), dem Diener im Schloß, mit dem sie in der Mittsommernacht tanzen und feiern will. Jean hat eigentlich Kristin (Kyra Lippler), der Köchin ein Versprechen gegeben und Kristin mixt den Saft im Mixer aus den Früchten des Fleisches für den zukünfigen Ehemann. Am Ende verweigert Jean den sonntäglichen Kirchgang und Kristin, die sich am Kirchengesangbuch festhält, scheint mehr denn je gefestigt in ihrer eingestammten Rolle.

Fräulein Julie tanzt und Köchin Kristin bedient den Mixer (Foto: Frank Sygusch)
Die hell-matten Milchscheibenfenster am Ende der frontalen Ebene der Studiobühne, variabel in Ein- und Ausgänge verwandelbar, laden den Theaterbesucher ein, hinaus- oder hineinzuschauen in das pralle und bizarre Leben der unerfüllten Gefühlswelten und in den Traum voll farbiger Schattenbilder und wilder Naturgewalten, die sich aber nur für Augenblicke im fließenden Übergang aus dem Unbewußten zeigen dürfen. Hinter und vor den Scheiben tanzt Fräulein Julie wild, grandios graziös auf der Bühne und ruft „Heute wollen wir feiern und gleich sein …“. Fräulein Julie zappelt unbändig hin und her, räkelt und hopst außer Atem bis die Stimme und der Körper juchzen; im hysterischen Anfall, wenn die tiefe Angst und die Fallsucht Überhand nehmen und toben, japst sie nach Luft und kreischt in den höchsten Tönen; wackelt tief gebeugt auf dem Kühlschrank stehend mit dem rotierenden Hintern, oder kriecht am Boden mit kratzender Stimme in der Hitze der Mitsommernacht.

Fräulein Julie tanzt und ruft Heute wollen wir feiern und gleich sein ...
(Foto: Frank Sygusch)
Irgendwie erscheint Fräulein Julie, die Titelfigur im Stück, ganz normal und trotzdem vollkommen durchgeknallt und die Handlungsebenen der Verführung des Dieners, wechseln in rasant-schnellem Tempo mitten durch den Strudel im vergeblichen Versuch der Selbstbefreiung und verdichten das Geschehen mit Rollendiffussionen. Und je schneller das Tempo der Sehnsucht pulsiert, umso rascher entfaltet sich die Dynamik der sexuellen Begierde.

Cordula Körber hat das Bühnenbild und die Kostüme gestaltet
(Foto: Frank Sygusch)
Wunderbar das Bühnenbild (Cordula Körber) und die szenischen Momente, als das Licht zu kraftvollen Schatten wird und im stehenden Schlaf das lebendige Fensterbild von Kristin zu einem somnabulen Wachtraum gefriert. Gerade dann, wenn Kristin die Scheiben putzt und Julie und Jean über Reize und sozialen Status offen verhandeln. Für einen Moment ist die physikalische und psychische Schwerkraft ausser Kraft gesetzt und die Szene legt offen, was im Dasein aller passiert: Der Stoff aus dem die Träume sind formt die Welt.

Fräulein Julie verhandelt mit Jean dem Diener über sozialen Status und unerfüllbare Wünsche, während Kristin die Scheiben putzt und in den Schlaf übergleitet
(Foto: Frank Sgusch)
Dann geht alles fast zu schnell und die Zeit auf der Theaterbühne fliegt dahin: Vor lauter Einigkeit und momentanem Glück werden das tiefgefrorene Gemüse und die Brötchen durch den Saal geschleudert und Julie und Jean hüpfen anschliessend zum Liebesakt in die Gefriertruhe und schliessen den Deckel. Doch danach ist alles noch auswegsloser und gar nichts scheint mehr einen inneren oder äußeren Halt zu bieten. Anziehung und Abstoßung der Geschlechter werden noch fester in die präzisen Dialoge eingefasst und von unerfüllbaren Wünschen überlagert, die ausdrucksstark und intensiv von den Schauspielern verkörpert werden. Jetzt hat sich alles ins Gegenteil verkehrt, alle Konvention ist aufgehoben, die Seele wie verwandelt und leer, alles wird ohne klare Grenzen und Gewohnheiten erlebt und auch die Traurigkeit verfliegt im Eiltempo dahin.
In Verzweiflung, voller Emotion und wunderbar im freien Fall von Barbara Stollhans gespielt und getanzt, entführt Julie sich selbst aus ihrer Welt in die Auswegslosigkeit. Verkehrte, gewaltätige und verwandelbare Welt, in der alles, auch das eigene Leben verhandelbar zu werden scheint. Jean triumphiert über Fräulein Julie und reicht ihr das Messer; vorher klingelt aber noch das Schloßtelefon und der zurückgekehrte Graf wünscht seine geputzten Stiefel vom Diener gebracht.

Jean, der Knecht, spreizt die Beine vor seiner Verlobten Kristin, die ihm einen roten Saft gemixt hat
(Foto: Frank Sygusch)
Dem Schauspieltrio Barbara Stollhans, Rainer Hustedt und Kyra Lippler gelingt der Balanceakt im Kunstraum der Theaterbühne vorzüglich und die Zuschauer erleben intensiv, wie persönliche Utopien und die inneren Landschaften und Grenzen der Charaktere im Spannungsfeld von Macht, Gewalt, Normen und Zwängen verschwimmen, auseinander fallen, sich plastisch entfalten, verwandeln und offen bleiben.
Weitere Vorstellung am 12. Oktober 2008 um 20.00 Uhr
Giessen, 21. September 2008 / Text und Kostprobenfotos: Frank Sygusch (Giessen-Server.de)
Februar 2012
Giessen Links
Stadt Giessen
Justus-Liebig-Universität
Fachhochschule Giessen
Tourist Information Giessen
Kunsthalle Giessen
Stadttheater Giessen (Jahresprogramm)
Mathematikum in Giessen (Jahresprogramm)
Botanischer Garten in Giessen
Liebig Museum in Giessen
Kümmerei in Giessen
Messe Giessen