GIESSEN. Seit gestern hat die Stadt Giessen eine Kümmerei, die offen ist für alle Belange von Kulturwirtschaft und eine sinnvolle Kulturplattform sein will, um im Stadtraum und in der Kreativwirtschaft Impulse zu setzen. In der Dern-Passage mitten in Giessen in der Westanlage 21 öffneten die offiziellen Kümmerer Manuela Weichenrieder und Jörg Wagner um 18.30 Uhr die temporäre Bar und begrüßten die zahlreichen Gäste.

Die beiden Kümmerer erläuterten die Projektidee, Vorraussetzungen und Hauptmerkmale, die im Anschluss an eine Workshop-Reihe zur Kulturwirtschaft des hessischen Wirtschaftsministeriums und des Ministeriums für Wissenschaft und Kunst entstanden sind.
Mit konkreten Fragestellungen auf der Suche nach den Verbindungen zwischen Kulturwirtschaft und Stadtentwicklung fanden 2007 in den sechs hessischen Städten Eschwege, Frankfurt, Giessen, Wiesbaden, Kassel und Hanau regionale Veranstaltungen statt.
Gemeinsam mit Vertretern und Fachleuten aus den verschiedensten Praxisfeldern, Verwaltungsebenen und den Stadtämtern vor Ort; und zusätzlichen Referenten aus weiteren Städten (u.a. Aachen, Wedding-Berlin), die bei ähnlichen kommunalen Problemen einen temporären Erfahrungsvorsprung aufweisen können, diskutierten die Giessener Teilnehmerinnen und Teilnehmer ihre Situation intensiv in Giessen vor Ort (inkl. städtischem Rundgang durch die Giessener Innenstadt).
Die Hauptziele der Workshops betonen die Entwicklung von neuen Netzwerken und Kommunikationstrukturen zwischen allen Beteiligten, und wollen Resourcen für das sensible Thema der kommununalen Kulturpoltik sichtbar machen, das ein ungeahnt großes Reservoir an Kreativität und Wirtschaftskraft für die Stadtentwicklung bereithalten kann.

Kümmerei Giessen - kümmern - kein kummer (Foto: Frank Sygusch)
Die öffentliche Meinung, oftmals auch die Meinung der Kommunalpolitik, verkennen noch immer die tatsächliche Bedeutung der Kreativ- und Kulturwirtschaft als Impulsgeber und prägenden Standortfaktor für eine kommunale Wirtschaftsregion. Denn das, was aus der Kulturwirtschaft an Bedeutung für den Arbeitmarkt in Hessen gilt und mit einfachen Zahlen belegt ist, muss auch im statistischen Vergleich in der regionalen Stadtentwicklung beachtet werden: Über 110 000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte arbeiten in den Branchen der Kulturwirtschaft und das sind deutlich mehr Personen als in der hessischen Kfz-Industrie oder Chemie-Industrie.
Giessen, in der Mitte von Hessen, als Stadt mit weniger als 100 000 Einwohnern ist bekannt als die teuerste Einkaufsstadt in Deutschland mit dem Focus auf die Preise der gewerblichen Ladenmietflächen.
Gleichzeitig hat die Stadt Giessen die höchste Dichte an Studierenden und jungen Menschen in Ausbildung zu verzeichnen: Interessante Parameter für die wissenschaftliche Ermittlung von kommunalen Bedarfen und die persönlichen Bedürfnisse von Menschen nach kommunalem Stadtraum, Stadtentwicklung und Kultur. Hier treffen konkret und diametral die Wünsche und Anforderungen von Bürgern und Bürgerinnen einer Stadt aufeinander und erfordern für die Zukunft einen komplexen und resourcenorientierten Lösungsansatz, den die kommunale Politik leisten muss.
Ein praktisches und nutzbares Ergebnis des Giessener Workshops ist die jetzt eröffnete Kümmerei Giessen, die auf innerstädtische Leerstände der Stadt zurückgreifen wird und diese als Vernetzungsorte für Kulturwirtschaft nutzbar machen will. Ein Hauptaugenmerk ist das Sichtbarmachen von Kultur und Kulturwirtschaft und die Entwicklung einer angemessenen Form von dokumentarischer Berichterstattung.
Das ist Pionierarbeit in Giessen und erfordert die Unterstützung der politischen Willensbildung der Parteien und Verbände. Miteinbezogen werden strategische Ziele aus dem Bundesprojekt „Stadt 2030“, wie u.a. die Entwicklung eines gemeinsamen kulturellen Angebotsprofils unter Wahrung lokaler Eigenheiten und die Aktivierung kulturwirtschaftlicher Potentiale, die mit dazu beitragen sollen, dass ein Kulturgewerbehof als Gründerzentrum in Giessen entstehen kann.
„In Giessen besteht sowohl von Seiten der Bürgerinnen und Bürger, von den Kulturschaffenden, der Wirtschaftsförderung und der Stadtentwicklung die Nachfrage nach einem Ort, der die verschiedenen Formen und Aspekte von Kultur und deren Vermittlung versammelt und für Kontinuität und deren Präsentation steht.
Kultur ist gesellschaftliche Wirklichkeit. Kultur ist Wirtschaftsfaktor. Kultur ist Alltag. Die Kümmerei ist gleichzeitig ein künstlerisches Projekt zur Stadtentwicklung und eine aktivierende Machbarkeitsstudie für einen Kulturgewerbehof und erfüllt die Aufgaben eines Leerstandsmanagements, sowie einer Zwischennutzungsagentur, indem sie die Angebote des Immobilienmarktes einer Stadt mit der Nachfrage der Kulturwirtschaft vernetzt und Kontakte herstellt.
Die Kümmerei ist mobil und kümmert sich um die Vernetzung von Kulturschaffenden aus allen Sparten und ist kreative Schnittstelle zwischen Verwaltung und Kultur. Die Kümmerei könnte ein Modellprojekt für andere Kommunen in Hessen werden.“
Mittwochs und freitags von 15.00 bis 19.00 Uhr ist die Kümmerei Giessen in der Dern-Passage geöffnet und Manuela Weichenrieder und Jörg Wagner werden versuchen - im Kontakt - zu möglichst vielen Kulturschaffenden temporäre Arbeitsräume zu vermitteln und die Kultur im öffentlichen Raum für Giessen auszuweiten. Dabei sollen die unterschiedlichen Zielgruppen der Hauseigentümer und Hausverwaltungen, die Leerstände verzeichnet haben mit Raumsuchenden aus der Kulturwirtschaft moderiert zusammengebracht werden.
Die Dynamik der Stadtentwicklung erhält durch die Kümmerei in Giessen eine nachhaltige Aufwertung, und erfährt eine markante Imageverbesserung nach innen und außen und schärft das Kulturprofil der Stadt Giessen.
Die Kümmerei ist in die
STEINSTRASSE 75
umgezogen und dort unter den gleichen Bürozeiten erreichbar.
Giessen, 02. Oktober 2008 / Fotos und Textkommentar: Frank Sygusch (Giessen-Server.de) // Anschrift der Kümmerei am 17. August 2009 aktualisiert // Anschrift der Kümmerei im März 2011 aktualisiert
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