
GIESSEN (fsy). "Diese Stadt geht in die Offensive“, so begrüßte der Oberbürgermeister Heinz-Peter Haumann die Pressevertreter zur Vorstellung der neuen Image-Broschüren. Ein aktualisierter und interessanter Stadtplan und eine besondere Werbekampagne, die dazu beitragen soll, dass die Anzahl der mit Hauptwohnsitz gemeldeten Studentinnen und Studenten erhöht wird, sind die Speerspitzen der geplanten Werbeaktionen. Dazu gibt es noch ein Ticketheft mit allen möglichen Preisvorteilen für die Erstsemester, die ihren Hauptwohnsitz nach Giessen verlegen und sich im Stadtbüro offiziell anmelden.
Giessen hat die höchste Dichte an Studentinnen und Studenten im Verhältnis zur Einwohnerzahl in ganz Deutschland Also der Spitzenplatz. Das birgt viele Chancen für diese Stadt.
1726 Studentinnen und Studenten haben im Jahr 2005 ein Studium in Giessen begonnen und sich mit 1. Wohnsitz hier an- oder umgemeldet. Jetzt haben sich der Oberbürgermeister Heinz-Peter Haumann und die Leiterin des Stadtbüros, Claudia Boje etwas ganz besonders ausgedacht, damit die Zahl der studentischen Erstanmeldungen im Jahr 2006 weiter ansteigt: Eine besondere Verlosungsaktion mit einem Hauptgewinn von 8 x 500 = 4000 Euro. Geworben wird dafür mit einem Plakat und auf Postkarten.
"Studentinnen, Studenten! Falls Eure Revolution scheitert: Wir schenken Euch ein kostenloses Studium!"
Der Plakatappell liest sich ein bisschen, wie ein Selbstgespräch. Und nicht die Grundwerte, wie Gleichheit, Freiheit, Menschenwürde, Eigentum, Solidarität usw. werden vom Stadtbüro bemüht, sondern der Begriff der Revolution. Herrschen in Giessen etwa Despotismus und Absolutismus? Oder findet in Giessen von Mitte September bis Ende Dezember 2006 die Revolution statt?

Auf dem Plakatbild, mit dem jetzt bis zum 31. Dezember 2006 geworben wird, ist im Vordergrund eine junge Frau auf Rollerskates zu sehen, die eine Flagge in blau-weiß-rot in senkrechter Anordnung schwenkt. Dahinter sitzen weitere junge Menschen. Ist das Bild in Frankreich entstanden?
Oder ist das Bild eine Fiktion, ein Wunschbild? Nein, und tatsächlich die Personen sitzen in Giessen auf der Strasse, mitten auf dem Berliner Platz und protestieren friedlich gegen die Einführung der geplanten Studiengebühren in Hessen. Ein durch das Grundgesetz legitimierter sozialer Ausdruck und das Gegenteil eines Mangels an politischen Kultur. Allons enfants de la Patrie, Le jour de gloire est arrivé! Contre nous de la tyrannie, L‘étendard sanglant est levé. Entendez-vous dans les campagnes. Mugir ces féroces soldats? Ils viennent jusque dans vos bras. Egorger vos fils et vos compagnes!“ Das Brüllen der grausamen Krieger ... und wer ist überhaupt "wir"?
Giessen, 17. September 2006, Text+Kommentar u. Bilder: Frank Sygusch
Mai 2012
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