GIESSEN (mip/r). Die tragische Lebensgeschichte des Barockdichters Torquato Tasso war in den gebildeten Kreisen von Goethes Zeitgenossen wohl bekannt. In jungen Jahren durch sein Kreuzzugsepos „Das befreite Jerusalem“ plötzlich und italienweit bekannt geworden, lebte er am Hofe seines Mäzens, des Herzogs von Ferrara. Der Legende nach litt Tasso unsäglich unter einer unglücklichen Liebe zu Prinzessin Leonore von Este, verfiel dadurch dem Wahnsinn und verstarb, noch bevor sein Ruhm den Höhepunkt erreicht hatte.
Im Drama von Johann Wolfgang Goethe gerät der junge Dichter, von seinem Gönner Alfons dem Zweiten und den Damen am Hofe des Herzogs verwöhnt und umschwärmt, in ernsthafte Auseinandersetzungen mit dem mächtigen Politiker Antonio Montecatino. Dieser, weltlich und erfolgreich, stellt die „nutzlose“ Existenz eines Lebens für die Kunst provokativ in Frage. Bald kommt es zu Zwist und Streit und schließlich gar zu ernsthaften Auseinandersetzungen, in deren Folge TASSO kaum mehr zwischen Gönnern und Neidern zu unterscheiden weiß...
Goethe, der als Dramatiker und Theaterreformator immer wieder neue Wege erschloss, hat in seinem Schauspiel seine eigene Künstlerexistenz reflektiert: Ihn selbst führte der Konflikt zwischen seinem kreativen Schaffen und den Notwendigkeiten des Alltags eines erfolgreichen Politikers zu einer Schaffenskrise, in deren Folge er nach Italien „floh“ um sich dort als Künstler wieder neu zu finden. „Ich hatte das Leben Tassos, ich hatte mein eigenes Leben, und indem ich zwei so wunderliche Figuren mit ihren Eigenheiten zusammenwarf, entstand in mir das Bild des TASSO“, so beschreibt Goethe die Entstehung des Dramas.
Theaterschaffende heute fordert das 200 Jahre alte Stück noch immer dazu heraus, anhand des Textes ihr eigenes Leben für die Kunst zu hinterfragen und zur Debatte zu stellen. Wozu braucht eine Gesellschaft Künstler? Bedarf die rigide an Ordnung interessierte Alltagswelt der Künstlerseele um nicht in reinem Pragmatismus zu erstarren? Und wozu benötigt wiederum der Künstler die Gesellschaft – als Inspiration, als Spiegel, als Publikum, als Konfliktfeld?
Die Giessener Inszenierung begibt sich mit Goethes Text auf eine Spurensuche: Ob sich in hochemotionalen Vorgängen das Portrait eines jungen, drängenden Menschen zeigt oder die Zeitlosigkeit der Kunst im Zentrum steht – stets wird hinter dem Prinzip des Künstlers die Sehnsucht des neuzeitlichen Menschen sichtbar, ein freies und kreatives Individuum zu sein.
TORQUATO TASSO
Schauspiel von Johann Wolfgang von Goethe
Premiere ist heute am 01. November 2008, 19.30 Uhr, Großes Haus
Inszenierung: Christian Fries
Bühne und Kostüme: Marion Eiselé
Musik: Jan Klare
Mit: Kyra Lippler (Leonore Sanvitale), Carolin Weber
(Prinzessin); Isaak Dentler (Torquato Tasso), Rainer Hustedt (Herzog von
Ferrara),
Giessen, 01. November 2008
Mai 2012
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