
GIESSEN (fsy). „Ich hatte einen dieser tränenreichen Tage, weil mir das Herz bereits um 12.30 gebrochen worden war. Es fiel auseinander wie ein Haufen Plunder, die Fetzen flatterten, die Trümmer sausten, und gleichzeitig senkte sich ein Regenvorhang über die Hamburger Innenstadt. Ich ging zu Fuß, um mich zu zerstreuen und ein paar bestellte Bücher abzuholen.“

Mit diesem Satz beginnt die Lesung von Gabi Schaffner, die gestern, am Montagabend im Gebäude der Alten Universitätsbibliothek stattfand. Gabi Schaffner, die abwechselnd in Hamburg, Lobo (Texas) und anderswo lebt und arbeitet „mit dem eigenen Fehler im System“, beendete mit ihrer Lesung aus ihrem 2005 erschienen Werk „Narzissen“ (4 Recitals) und einem älteren Werk „Verstrahlungen I-VI“ die aktuelle Ausstellung „(De-)zentral“ des Neuen Kunstvereins Giessen.
Zwischen den vorgetragenen Texten werden verschiedene Musikaufnahmen über eine Verstärkeranlage abgespielt. Gabi Schaffner bezeichnet die Hörbeispiele als selbst aufgezeichnete Feldaufnahmen und präsentiert damit jeden Ton im ethnographischen, wissenschaftlichen Charaktermantel.

Die 1965 geborene Künstlerin ist in den letzten Jahren immer wieder mit erfrischenden und poetischen Texten aufgefallen und hat mit ihren kantigen und interessanten Kunstprojekten im öffentlichen Raum ihre eigene Sichtweise der Wirklichkeit verdichtet. Dabei spielen die innere Topographie der eigenen Wahrnehmung und die soziale Rekonstruktion der Natur als historische Erlebnisse und Ereignisse eine wichtige Rolle. Gehört Gabi Schaffner etwa zu der Personengruppe, die mit den Ohren sehen und den Augen hören kann?
Als Künstlerin, die sich auch photografisch betätigt, legt sie besonderen Wert auf die Feststellung und Tatsache, dass in der Dunkelkammer die besten Grautöne entstehen, die für den inneren Blick so entscheidend sind, wenn unsere farbenfrohe Welt in der archaischen Wahrnehmung auf das Elementare reduziert werden muss.
Hinter den Texten, die Gabi Schaffner vorgelesen hat, steht ein scharfer Blick, der die kleinen Details in den Vordergrund schiebt, wenn wir uns versuchen in der Wirklichkeit zu orientieren.

Dann richtet sich der Blickwinkel auf die geriffelten Gläser in einer Bar. Und vielleicht haben die Gläser Gabi Schaffner an heißen Äppelwoi erinnert, den man in der Frankfurter Gegend für die Seele und gegen die innere Kälte ausschenkt. Gleichzeitig aber sind es die Erinnerungserlebnisse aus den Beziehungen zwischen den Farben, die wir wahrnehmen, so wie das „blasse leuchtende Gelb“, das mit einem Versprecher zu einem "blassen leuchtenden Geld" wird und damit seinen warmen Charakter urplötzlich verliert.
Oder der „schwarze Cashemere-Schal“, der die weiche Grenze zwischen den Geschlechtern schenken soll, aber in der erlebten und vorgelesenen Geschichte leider versagt. Der Gebrauch der Wörter in den Texten bei Gabi Schaffner ist aber mehr als ein bloßes Sprachspiel, wenn „die flüchtige Erinnerung auf die Tonschleife trifft“.
Den Giessener Zuhörern gefielen die vorgetragenen Texte besonders gut.
Giessen, 03. Oktober 2006 / alle Bilder: Frank Sygusch
Februar 2012
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