Blau und gelb als duales Prinzip im Dialog mit dem kleinsten Kunstraum Deutschlands / Farben als Faltungen in der frontalen Ebene gewendet / Lichtführungen entlang von vertikalen Linien
Von Frank Sygusch
GIESSEN. Wird der farbige Raum beim Betrachten zum fertigen, aber unsichtbaren Bild; oder entfalten die Farben blau und gelb den Raum als dynamisches Artefakt? Die Sinne des Betrachters für diese Herausforderung zu schärfen und ein besonderes Wahrnehmungsvermögen zu gestalten hat der Künstler Herbert Warmuth im kleinsten Raum, den die deutsche Kunstvereinsszene anzubieten hat, ein Bild im Raum geschaffen, das kein Bild bleiben will.

blau und gelb - Herbert Warmuth in Giessen im Neuen Kunstverein

Herbert Warmuth nutzt die konstante Dualität der zwei Farbflächenfarben blau und gelb im verwinkelten Raum und zerlegt die entstehenden Flächen in verschiebbare Farbräume und Blickpunkte. Die Lichtführung im kleinen Ausstellungsraum passiert entlang von vertikalen Linien, die an Kanten, eckigen Zonen und Flächenrändern als Bestandteile des physikalischen Raums bestehen. Gleichzeitig nutzt der Künstler die konkrete Fragestellung, um mit visuellen Faltungen in scheinbar abgegrenzten Farbflächen das Licht und die Schatten offenzulegen. Dabei entstehen verblüffende Bildteile, die als Bestandteile des Ganzen im Raum ihre Farbkraft bereithalten.

blau und gelb - Herbert Warmuth in Giessen im Neuen Kunstverein

Aber was sind das für Farbverschiebungen, Raumeffekte oder gar Täuschungen, die in den scheinbar gebogenen Schattenlinien entstehen, wenn das Licht die Logik durch vertikale Linien gebogen ausgrenzt und gleichzeitig einsetzt? Es sind Farbfelder in Flächenpunkten entkleidet, die wechselnde Farbräume freigeben und damit den Raum ständig verändern.
Herbert Warmuth zeigt, dass die Perspektiven des Betrachtens immer an Ebenen und Achsen gebunden bleiben, aber die Farben - im Dialog und im Wechsel betrachtet - sich dem genauen Blickwinkel zu widersetzen scheinen und die Wände und Flächen falten sich auf im Raum, im Tiefengrund und entlarven dabei die beiden Farben gelb und blau als Konstanten.

Neuer Kunstverein Giessen: hat den kleinsten Ausstellungsraum als Kunstverein in Deutschland anzubieten und ist bei seinen Ausstellungseröffnungen immer gut besucht

Der kleine und schnuckelige Kunstraum des Neuen Giessener Kunstvereins, der im letzten Jahr für einige Künstlerinnen und Künstler eine Herausforderung bot, zeigte sich gestern bei der Vernissage wieder einmal von seinen starken Seiten: der innerer (erlebte, wahrnehmbare) und äußerer (messbare) Kontrast des Farbraumes entsteht entlang von Farbflächenlinien und alle Bestandteile des Kunstwerks bleiben an den einen Raum und die vielen farbigen Grenzlinien gebunden, die ihnen eine scheinbare Form bieten und den Betrachtern eine unscheinbare Sicherheit und tiefe Illusion zugleich schenken.

Herbert Warmuth – blau und gelb
Dauer der Ausstellung: 24. Januar bis 07. März 2009 // Künstlergespräch am 21. Februar 2009, 17.00 Uhr
Öffnungszeiten: Mi. 16.00 bis 19.00 Uhr, Sa. 14.00 bis 17.00 Uhr u.n.V.
Neuer Kunstverein Giessen e.V.
Ecke Licherstrasse / Nahrungsberg
Tel.: 0641 – 250 94 44
Giessen, 25. Januar 2009 / alle Fotos und der Textkommentar von und zu der Ausstellungseröffnung: Frank Sygusch // Anmerkung: die unterschiedlichen Farbtöne in der Wiedergabe auf den Fotos resultieren aus Aufnahmen mit und ohne Blitzgerät und aus Fotographien, die mit und ohne Raumbeleuchtung entstanden sind.
Februar 2012
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