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Rhinozeritis grassiert im Stadttheater Giessen



Ionescos „Nashörner“ gefielen und erschreckten in der Inszenierung von Thomas Goritzki




von Tanja Loechel




GIESSEN.                                       Gleichschaltung und Uniformierung, Individuum und Aufgabe der Individualität thematisiert Eugene Ionescos absurdes Schauspiel „Die Nashörner“, welches vor 50 Jahren in Düsseldorf uraufgeführt wurde. Die Premierenaufführung am 31. Januar im Stadttheater kam beim Publikum gut an. Thomas Goritzki, der schon oft in Giessen erfolgreich und auf handwerklich hohem Niveau inszenierte, brachte das Stück ideenreich auf die Bühne.




In einer Kleinstadt taucht urplötzlich ein Nashorn auf. Nach und nach verwandeln sich alle Protagonisten in die Dickhäuter, wobei dieser Wandel nicht von außen bewirkt wird- zum Beispiel durch Propaganda, Ideologie oder politische Führerfiguren, sondern sich von innen, einer Krankheit („Rhinozeritis“) gemäß, heraus vollzieht. Am Ende bleiben Behringer (Rainer Hustedt) und seine Freundin Daisy (Irina Ries) als die letzten Menschen allein zurück. Letztendlich mutiert auch Daisy zum Nashorn, nur Behringer ist von der Metamorphose ausgeschlossen: Er bleibt einsam zurück. Die letzten Szenen des Stücks sind demnach durch eisige Endzeitstimmung gekennzeichnet.




Freilich wurde dem Genre des Absurden Theaters gemäß nicht psychologisch realistisch Regie geführt. Eine klare Kontur ließ Goritzki den Personen auf der Bühne angedeihen. Sie tendieren eher zum Typhaften als zu voll ausgebildeten Charakteren. Die Bewegungssprache bedient sich durchgängig choreografischer Mittel und wirkt daher stilisiert. Langsame Sequenzen werden durch temporeich turbulente Szenen kontrastiert. Das hohe Tempo jedoch geht manchmal auf Kosten der Textverständlichkeit. Im Stück halten sich Komik und bittere Tragik die Waage, ja die Szenen kippen gleiten oder kippen vom einen Zustand in den anderen. Daher lachten die Zuschauer mal aus voller Kehle, sie mussten aber auch so manches Mal trocken schlucken. Geheimnisvoll mystische, manchmal sogar lärmende Trommelwirbel leiten die Ankunft eines jeden neuen Nashorns effektvoll ein. Das Erscheinen der Tiere erhält dadurch den Charakter eines Spuks. Anfangs sinnieren die Figuren des Bühnenkosmos’ noch darüber nach, woher das Tier gekommen sein könnte Nach und nach wird klarer, dass die Dickhäuter aus den Reihen der Gesellschaft stammen. Dies führt sogar zur Panik. Eindrucksvoll zeigt der Regisseur, wie Hans (Isaak Dentler), infiziert von der „Rhinozeritis“ mutiert. Inszenierung und Stück bieten den Schauspielern viele Möglichkeiten ihr Können unter Beweis zu stellen.




An die Bildwelten des Surrealisten Rene Magritte angelehnt ist das Bühnenbild von Heiko Mönnich. So werden bewegte Wolken, wie sie oft auf dessen Gemälde zu sehen sind, als Film auf ein Hintergrundprospekt projiziert. Auch die bekannten schwarzen, entindividualisierten Herren mit Melone aus den Bildern Magrittes sind auf der Bühne zu sehen. Ein weiteres Szenebildelement sind zwei Treppen, die verschieden arrangiert werden können. In den Umbaupausen wird das sonst statische Bild bewegt und somit zum Handlungselement: Zu Schostakowitschs populären Walzer Nr. 2 aus dessen Suite für Variete-Orchester (auch als Jazzsuite Nr. 2 bekannt) vollzieht sich ein poetisch beschwingtes Treppenhausballett, in welchem auch die schwarzen Melonenherren mitwirken. Die Kostüme untersteichen den Figurentyp. Folkloristisch-bayrisches dominiert die Damengarderobe: Daisy kommt im feschen Oktoberfestdirndl daher (aber auch in strenger Bluse als Büroangestellte), Frau Ochs trägt erdenschweren Loden und um den Kopf gewickelte Zöpfe. Skurril muten Requisiten an: Da sind zu Beispiel Gartenzwerge, ein rotes Telefon. Natürlich dürfen auch die grauen dicken Tiere und ihre Hörner nicht fehlen. Sie dringen in den Bühnenraum ein.




Es spielen Rainer Hustedt, Isaak Dentler, Irina Ries, Benjamin Strecker, Christin Heim, Johannes Lang, Christian Fries, Roman Kurtz, Kyra Lippler, Frerk Brockmeyer und Carolin Weber. Die Figuren, die sie bestens ausgearbeitet darstellen, bleiben im Gedächtnis haften. Die Produktion braucht den Vergleich in Hinblick auf Ästhetik und Qualität mit denen großer wegweisender Häuser nicht zu scheuen. Reichlich Applaus belohnte Ensemble und Leitungsteam.





Weitere Vorstellungen finden am 07., 13., 20. und 26. Februar sowie am 07. und 28. März jeweils um 19.30 Uhr im Stadttheater Giessen (Berliner Platz) statt. Kartentelefon: (0641) 7957-60 /-61. Weitere Informationen über das Programm des Stadttheaters hier auf Giessen-Server.de oder im Internet unter: www.stadttheater-giessen.de






Giessen, 03. Februar 2009


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