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„oh my god! disco und diskurs“ im Theaterstudio in Giessen




Tanz als Metapher für Schreibbewegung, Transformationsprozess und performativen Inszenierungsakt /  „vorgetragen halb so schwer, vorgelesen um so mehr“





von Frank Sygusch







GIESSEN.                           Eine spannungsgeladene Veranstaltungsform als performative Aufführungspräsentation und mediale Lernsituation fand am vergangenen Donnerstagabend unter dem neuen Veranstaltungs-Überbegriff „uni TiLt“ in Giessen statt. Die Veranstaltung ist aus einer Kooperation des Stadttheaters Giessen mit dem Institut für Germanistik der Justus Liebig Universität Giessen und mit Unterstützung des Zentrums für Medien und Interaktivität (ZMI) entstanden.






oh my god! disco und diskurs im TiL in Giessen

(Foto: Frank Sygusch / Giessen-Server.de)





Über 150 Personen, zumeist junge Studierende aber auch ältere Semester, wollten ins TiL, das Theaterstudio im Löbershof, und der große Andrang der Interessierten passte gleich bestens in den Diskurs. Denn alle Leute in der langen Warteschlange durften schließlich in den Theaterraum hinein! Sonst müssen ja manchmal einige draußen bleiben, wenn es Warteschlagen gibt, obwohl dann keiner weiß, wer eigentlich drin ist und warum.





Ein Vortrag, eine Autorenlesung und eine Tanzperformance waren angekündigt; und nach einer kurzen Pause verwandelten sich die beiden Haupt-Protagonisten des Abends Eckhard Schuhmacher und Thomas Meinecke in zwei leibhaftige DJs und legten ab ca. 22.15 Uhr Platten für diejenigen auf, die zuvor bloße Zuhörer und Zuschauer waren, jetzt aber den Bühnenraum betreten durften, um zu tanzen, wenn sie denn wollten. Und das taten erst einige ganz zaghaft, dann immer mehr und schließlich fanden alle, die es wagten auf der Bühne ihren Platz und vielleicht auch eine Metapher, oder ein eigenes lesbares Inszenierungskonzept.






oh my god! disco und diskurs im TiL in Giessen

(Foto: Frank Sygusch / Giessen-Server.de)






Der durchaus akademische Vortrag „Paradise“ im Über-Thema „oh my god! disco und diskurs“ verpackt, aber in einem öffentlichen Bühnenraum gestaltet; die Lesung des Schriftstellers Thomas Meinecke, in der Rolle als Lautvorleser seiner eigenen Schriftsprache, die aus seinem neuen Roman „Jungfrau“, auf der Theater- und Tanzbühne zelebriert, mühelos hervor klang, verlockten die vormaligen Zuhörer und Zuschauer später dazu selbst Akteure auf der gleichen Bühne zu werden, die mit allen im Raum und den beiden namentlich genannten DJs fortan räumlich geteilt wurde.








Magdalena Stoyanova und Sven Gettkant von der Tanzcompagnie Giessen im TiL

Fotos: Frank Sygusch /Giessen-Server.de)








Diente doch der akademisch-wissenschaftliche Vortrag dazu etwas zum Verstehen zu bringen, oder den notwendigen Freiraum zum Interpretieren zu schaffen und das intuitive Denken zu zulassen, galt für die Lesung schon stärker, dass es die Lautlichkeit der Stimme es ist, die das Thema im Raum als Objekt räumlich prägt; und so berührte und forderte der Tanz der Tänzer den Körper des Gegenüber gänzlich heraus und deutete auf die mögliche Wandelbarkeit der gemeinsamen Erfahrung, wenn Semantik und Syntax radikal und schnell an Bedeutung verlieren und Symbole eine Art neue Wirkung zeigen. Dann wenn Zuschauer und Darsteller als gemeinsame Akteure in Relation zueinander die Räumlichkeit gemeinsam neu erleben, aufeinander reagieren, um im gemeinsamen Raum zu handeln.






oh my god! disco und diskurs im TiL in Giessen

(Foto: Frank Sygusch / Giessen-Server.de)






Das klingt in der Bewegung, wie eine an sich selbst adressierte Möglichkeit der Selbstbefreiung, wenn ein Thema im Diskurs und über alle Sinne und mit Atmung und Puls körperhaft aufgenommen werden kann und die Bedingung für eine leibhaftige Erinnerung und wirkliche Lebenssituation geschaffen ist.




Wunderbar lebendig vorgetragen (trotz einer „bitter-bösen Erkältung“), war der Vortrag vom Literarturwissenschaftler Eckhard Schumacher über den Versuch die Kultbewegungen des Disco(s) an exemplarischen Beispielen zu verstehen.








Miranda Glikson von der Tanzcompagnie Giessen im TiL

(Fotos: Frank Sygusch / Giessen-Server.de)






Was ist die Party? Ist dieses gesellschaftliche Phänomen, das sich beständig wandelt und neu ausformt, in Wirklichkeit viel mehr als nur eine Institution, die Halt bieten kann? Findet am Phänomen eine radikale Kritik an der Institutionenlehre (Arnold Gehlen) statt?

Und welche Akteure nehmen eigentlich teil an der Gestaltung dieser Lebens-, Kult- und Kunstform, wenn das Performative als Konzept sich immer und immer wieder an einem nichtlinearen Ort und in einem scheinbar zeitlosen Raum (Paradise) wiederholt und doch ein jedesmal sich neu verändert, obgleich der Rhythmus und das Ritual bis in alle Ewigkeit immer gleich bleiben werden?






oh my god! disco und diskurs im TiL - Eckhard Schumacher und Thomas Meinecke als DJs in Giessen

(Foto: Frank Sygusch / Giessen-Server.de)





Ist diese „ Augenblicklichkeitskunst“, eingebettet als „Erfahrung von Ekstase und Transzendenz“ vielleicht doch ein religiöser Entwurf, und damit wieder ein endgültig allerletztes Opium für das Volk; oder einfach ein „Zurückversetzen in die Regression“, um das wirkliche Begehren der Geschlechter verstehen zu lernen; oder mehr?





Thomas Meinecke liest aus seinem neuen Roman JUNGFRAU im TiL in Giessen

(Foto: Frank Sygusch / Giessen-Server.de)





Nur der DJ weiß es in Wirklichkeit, welche Platten er auflegen wird, denn er fühlt in der Interaktion, dass es die Sprache ist, die aus uns spricht und das Ereignis zusammenführt, und weil: „last night a DJ saved my life – oh my god!” vielleicht doch ein wahres Glaubensbekenntnis sind.







Giessen, 06. Februar 2009 / alle Fotos: Frank Sygusch (giessen-server.de)


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