GIESSEN (fsy). Ausstellungsbesuche im Doppelzimmer sind sehr anregend und lohnen sich immer. Denn dort besteht ein Treffpunkt performativer Talente. Auch die Werke der beiden jungen Künstler Laura Kuch und André Normann, die diesmal die beiden Zimmer gestaltend und radikal mit Videoinstallationen verändern, sind großartig und wertvoll zugleich.

Laura Kuch (*1980), studiert "Visuelle Kommunikation, Schwerpunkt Freie Gestaltung" (Bild: Frank Sygusch)

Wird in der einen Arbeit der Einsatz von vermeintlicher Videographie zum Mittel des Zweckes, nutzt die andere Arbeit das Licht und besonders den Schatten, „der tut was er will“, um eine Imagination zu erstellen und eine Melodie sichtbar zu machen.

"Two swans, a carpet and a tune"
Setzt man sich den beiden Werken aus, spürt man die Überraschungen der eigenen Sensorik und Motorik sehr deutlich. Der leuchtend weiße Teppichboden (wahrscheinlich voller Hausstaubmilben, aber das werden wir nie erfahren) und das weite Schattenbild führen das Auge des Betrachters auf die drehenden Schwäne (wahrscheinlich aus Porzellan oder Marzipan, aber das werden wir nie erfahren), die just für eine halbe Sekunde eine blinkenden Stern freigeben. Das alles passiert ohne Sternenhimmel und Geklitzer, aber mit der Musik einer klitzekleinen Drehorgelmelodie, die man als 13-16jähriger Junge einem Mädchen schenkt, in das man sich verliebt und verlobt hat usw.

Soweit und gut und das Bewusstsein und Unterbewusstsein des Betrachters wird involviert. Und bei aller Zurückhaltung entsteht tatsächlich eine einsame Symbolik. Steht man hinter dem schwarzen Vorhang im zweiten Zimmer des Doppelzimmers, so glaubt man sich zunächst in einer Vorführung mit gegenüberliegender Leinwand zu befinden. Aber kurze Zeit, nachdem das Auge die Schwäne fokussiert hat, entwickelt sich eine eigene Handlung, die aus der eigenen Abwehr des Betrachteten und des Betrachters entsteht.
So als ob wir von weitem hinter einem Hügel einen Rauch erblicken und glauben zu wissen, dass dort ein Feuer sein muss, weil wir das Bild mit der Bedeutung und dem Zeichen aus der Erinnerung und dem Wissen aus der Semiotik verbinden. Hier folgt unser Verstand einer trügerischen Logik. Aber kennen wir eigentlich überhaupt den wahren Grund des Feuers, der uns unwissend so viel Sicherheit schenkt? Die beiden Schwäne sind ein Symbol auf dem reinen Teppichboden und die Musik des Stückes erinnert uns an die Endlichkeit.

André Normanns Arbeit „Watermelody“, die Anfang 2006 entstand gestaltet im Raum ein poetisches Wasserglas, das gar nicht da ist, sondern bloß als Objekt im Raum genutzt wird. Dazu eine Melodie aus dem alten Radio, das Schallwellen erzeugt und die Wasseroberfläche im Glas deutlich vibrieren lässt, lässt das Kunstwerk im funkelnden Licht als Imagination erscheinen.

Dem Schatten kommt hierbei eine entscheidende und bedeutende Funktion zu, die er schon immer hatte, eine schwarze Projektionsfläche, die mit Licht entsteht. Aber was war nun zuerst: das Licht oder die Dunkelheit? Eine mögliche Antwort evoziert das Kunstwerk von André Normann, der wie manch anderer performativer Künstler mit den Ohren den Rhythmus sieht und mit den Augen die Melodie zu hören scheint.
Das ist eine der Bedingungen für die Möglichkeit, dass große Räume entstehen, obwohl das Kunstwerk gar nicht rauscht und trotzdem eine Watermelody zu sehen ist.

Giessen, 12. November 2006 / alle Bilder: Frank Sygusch
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