FRANKFURT (fsy). Gestern fand die Frankfurtpremiere der Performance-Installation von "Human Writes“ im Bockenheimer Depot, der städtischen Bühne in Frankfurt/Main statt.

William Forsythe und Kendall Thomas hatten dazu zahlreiche junge Gasttänzer eingeladen. Zusammen mit den Mitgliedern der Forsythe Compagnie erhielten die Performer für die Umsetzung der Installation eine klare Aufgabestellung, die im symbolischen und philosophischen Sinne vielleicht einer selbstverschuldeten Unmündigkeit gleichkam. Denn alle Performer hatten sich damit einverstanden erklärt das choreographische Konzept auszuprobieren und umzusetzen.

Performancestart war um 19.00 Uhr: An der Eingangstür in den großen Raum rufen zwei junge Herren den Besuchern freundlich zu "Bitte, zeichnen Sie am Anfang noch nicht mit“! Aber die Besucher, die nun nacheinander und vorsichtig den Saal betreten, verstehen den Sinn der Aufforderung nicht so richtig, denn William Forsythe ist Tanzchoreograph und der künstlerische Leiter einer bekannten Tanzcompagnie.
Bis eine Stunde vor Ende der Vorstellung, 21.00 Uhr wird der Einlass gewährt. So entsteht ein kommen und gehen, wie in einem Völkerkundemuseum.

Wenn man als Besucher/in den großen Saal des Bockenheimer Depots betritt und die zahlreichen Tische aus der Ferne erblickt, an denen die einzelnen Tänzer und Performer ihre Aufgabe erfüllen, versteht man zunächst nicht was dort genau passiert. Da aber die Besucher die Aufführung im Saal, der die Bühne ist, hautnah miterleben können, ändert sich das schnell.

"Human Writes" bei der Frankfurtpremiere (Foto: Frank Sygusch)
Es dauert etwa 3-5 Minuten bis klar wird, dass die Tänzer Schrift aus verschiedenen Übersetzungen der Erklärung der Menschenrechte zu schreiben versuchen. Der gesamte Text der Menschenrechtserklärung hängt rechts an der Wand neben der Eingangstür im Depot.

"Human Writes" bei der Frankfurtpremiere (Foto: Frank Sygusch)
Die Tänzer halten dicke schwarze Malkreidestifte und Kohlestücke in den Händen oder Füßen und bewegen sich langsam und eigenartig vor den Tischen hin und her. Ein Performer verdreht sich dabei rücklings und versucht mit dem rechten Fuß zu schreiben, eine andere Tänzerin malt mit geschlossen Augen rückwärts um die Ecke; und eine dritte Person wirkt autistisch abwesend in sich versunken und versucht mit jedem Atemstoß eine schwarzen Farbpunkt auf dem weißen Tisch mit einem heftigen Stoß zu fixieren.

Die Tänzer, die sonst versuchen für die Zuschauer ein Stück des Himmels herunterholen, müssen heute Abend klare Schriftzeichen auf die weiße transversale Ebene abbilden. Aber wie?
Es ist "auch der Versuch ein choreographisches Konzept als ein Werkzeug einzusetzen, ein Bewusstsein über gelebte Menschenrechte zu schaffen. (…) Das Niederschreiben unterliegt jedoch einer übergeordneten Regel: Das Schreiben muss mit einer gleichzeitigen Behinderung dessen einhergehen. Kein Strich oder Buchstabe darf direkt entstehen. Die Performer sind somit gezwungen, indirekte Strategien zu benutzen. Jedwede Markierung, die zu der Entstehung eines Buchstabens beiträgt, muss aus einer physischen Einschränkung, einer Belastung oder einem Widerstand entstehen.“
Das sind klare Rahmenbedingungen für die Bedingungen der Möglichkeit, die die Choreographen festgelegt haben.

Und mit dem Blick auf den konkreten Schreibvorgang und seine motorischen Komponenten,wird es jetzt auch verstehbar, dass die Besucher an dem äußeren und inneren Prozess des Schreibens und Verstehens und den damit unweigerlich verbundenen Bewegungen beteiligt werden müssen, soll etwas lesbares entstehen.
Entsteht hier und heute Abend vielleicht so etwas, wie eine Schreibgesellschaft, die lange braucht, um sich entwickeln zu können? Und gilt es heute Abend sogar Buchstaben und Schriftzeichen zu entdecken, die bereits vor aller Vorstaatlichkeit eine gemeinsame Bedeutung für das Menschsein hatten?
Gilt es in der gemeinsamen Anstrengung etwas Besseres zu entdecken, als das was bisher geworden ist?

Das Publikum tut sich anfangs schwer, doch bald erhält es Aufmerksamkeit von den Schreibern, die sich abmühen, anstrengen und fast verzweifeln. Einzelne der Besucher bleiben, vielleicht aus Mitleid, so lange vor einem Tisch stehen, bis endlich die Aufforderung erfolgt helfen zu dürfen.
Aber das Helfen gestaltet sich als schwierig, denn die bekannten Ebenen und Achsen scheinen außer Kontrolle geraten zu sein. War für den Betrachter eben noch eine sagittale Ebene einzuordnen, entpuppt sich plötzlich das Geschehen als Spiegel einer verkehrte Sichtweise, die eine transversale Perspektive öffnet. Dazu die klare Aufforderung des eingeschränkten Schreibers, die befolgt werden muss, will man das Schriftzeichen gemeinsam abbilden. Dessen Schultergelenk kann sich aber nur noch um die sagittale Achse drehen, will man das Schriftzeichen gemeinsam abbilden: "Weiter, ja nach links, links, links, ja so … Stopp!“ usw usf. Die Natur gerät ausser Atem, oder kehrt die Natur nur zu den sozialen Ursprüngen zurück? Gilt es den Widerstand zu entdecken, oder koordiniert ausschliesslich die Natur die Bewegungen des gesellschaftlichen Wandels?

![]()
An den Wandsäulen sind Lautsprecher angebracht, aus denen neben Musik auch Einspielungen von historischen Tondokumenten ablaufen, die das Thema der Zerstörung der Menschenwürde, die Unantastbarkeit der Menschenwürde und die Verletzung und Zerstörung der Menschrechte thematisieren.
Nach und nach entsteht eine spannende Atmosphäre und eine gewisse unruhige Bewegung gerät in den Saal und es scheint, als ob plötzlich immer mehr Beteiligte an den Schriftzeichen mitarbeiten. Organisiert sich das Sichtbarwerden der Schriftzeichen der Menschenrechte um Ebenen und Achsen, die sich aus der spontanen sozialen Beziehung ergeben? Es könnte sein, so wie vor nicht allzu langer Zeit die Scheibe noch als Erde galt, wie jetzt die Erde zu unzählbaren Scheiben in unzählbaren Umdrehungen geworden ist..
An den Wänden des Depots sind schon einige fertige Tafeln aufgehängt und tatsächlich: Mit etwas Mühe entziffert man den möglichen Text, den sich die Tänzer in ihren Bewegungen und mit der Hilfe des Publikums (der Öffentlichkeit) abgerungen haben.
Doch es gibt auch Tische, an denen sich einzelne, wie vom Schmerz mit verzerrtem Gesicht, aber unbekümmert, verzweifelt und stetig abmühen.
Das Ergebnis kommt einem schwarzen großen Kohleflecken gleich, der immer und immer wieder bearbeitet wird. Schliesslich findet sich darum herum aufgehäufelt feiner Kohlestaub, wie Asche, den die Besucher aber im Vorbeigehen unbeabsichtigt verwehen lassen.
Dann ist es so, als ob der Tänzer damit einer geheimnisvollen Bedeutung zum Ausdruck verhelfen will. Das gelingt aber nicht, weil das Bemühen in Staub zerrinnt, der verfliegt, wie tausend kleine Sternchen im unendlichen Universum.
Oder ist es so, wie in der konkreten Kunst und Poesie, wenn den Formen der Buchstaben und Schriftzeichen eine Bedeutungsfunktion zugeschrieben wird, die nur in der Einheit mit dem Text verstehbar ist.
Oder soll es sein, wie "Heimat ist es, das die Abenteuer entbindet".

(Foto: Frank Sygusch)
Giessen, 15. November 2006 / alle Bilder: Frank Sygusch
Februar 2012
Giessen Links
Stadt Giessen
Justus-Liebig-Universität
Fachhochschule Giessen
Tourist Information Giessen
Kunsthalle Giessen
Stadttheater Giessen (Jahresprogramm)
Mathematikum in Giessen (Jahresprogramm)
Botanischer Garten in Giessen
Liebig Museum in Giessen
Kümmerei in Giessen
Messe Giessen