Lautlichkeit und Sprachmuster des Körpers im Theaterraum fühlbar und hörbar machen / Festakt im Stadttheater Giessen
von Frank Sygusch
GIESSEN. Die lebende Theaterlegende Robert Wilson hat heute am Sonntagvormittag, den Hein-Heckroth-Bühnenbildpreis im Rahmen eines Festaktes im Stadttheater Giessen erhalten.

Robert Wilson im Gespräch im Foyer des Stadttheaters
(Fotos: Frank Sygusch / Giessen-Server.de)

Robert Wilson ist ein Gesamtkunstwerker. Er schreibt für den performativen Raum, kostümiert das Licht kreativ, entwirft keine Formen (aber Möbel), stellt aus und zeichnet Texte, formt Schattenbilder und erschafft das Theater im leichten Zusammenspiel der Erwartung auf das Bühnengeschehen. Wilson verbindet in einer leibhaftigen Aufführung ein selbstreferentielles Theatergeschehen. Seine prägenden Bühnenbilder entstehen in der Auseinandersetzung und Arbeit mit dem Licht und gestalten in Sprach- und Aktionsformen ein Rollenspiel; entbinden Heimat als wirklichkeitskonstituierenden Prozess.

Robert Wilson im Stadttheater Giessen
(Fotos: Frank Sygusch / Giessen-Server.de)

Robert Wilson ist (auch) ein Bühnenbildner. Er malt, zeichnet, experimentiert und sucht den Weg der präzisen Entwicklung der Sprache aus den Bildern der Erinnerung, lebt und überprüft das spontane Theatergeschehen. Seine Akteure auf der Bühne sind Bilder vom Menschen, die der Zuschauer nicht kennt, aber sucht und versteht. Es ist die Sprache, die in und aus uns spricht und unter den Bedingungen für eine mögliche Wirkung werden alle Bedeutungen reduziert, dosiert, gespalten, separiert, sinnlich erfasst, verlangsamt, verdichtet, minimalisiert, choreografiert, vertont, verstummt, transformiert, wiederverzaubert, ausgeleuchtet und in Spontanität aufgeführt.

Robert Wilson im Stadttheater Giessen
(Fotos: Frank Sygusch / Giessen-Server.de)

Robert Wilson ist ein Schüler der Bewegungskunst. Er lernte von John Cage, der dem Tanz einen formellen Rahmen gab, um die Bewegungen des Körpers in Lautlichkeit zu befreien. Und viele tonale Bewegungsmuster in den Stücken von Wilson sind im Tonus langsam, langsam und suchen langsam.

Yashi Tabassomi - Förderpreisträgerin 2009
(Foto: Frank Sygusch)
Robert Wilson ist ein Theater-Träumer, der Rollenspiele aus dem Alltag erfasst und seine Theorie des Sprechens ist in Bewegung gehalten; wird zu einem langsamen fühlbaren Theaterakt gestaltet, wie ein Licht, das den Schatten auskostet.

Adam Benswi und Angela Winkler
(Foto: Frank Sygusch)
Robert Wilson ist eine lebende Theater-Legende und erhält heute den Hein-Heckroth-Preis im Stadttheater in Giessen verliehen. In der Stadt, wo er vor einigen Jahren am Institut für Angewandte Theaterwissenschaften an der hiesigen Universität als Gasthörer Studierende unterrichtete.

Preisverleihung auf der Theaterbühne mit der hessischen Staatsministerin Eva Kühne Hörmann und Robert Wilson in Giessen
(Fotos: Frank Sygusch)
Die Staatsministerin Eva Kühne-Hörmann vom Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst überreichte die Urkunde und Medaille an den Preisträger. Zuvor hatte Prof. Heiner Göbbels vom Institut für Angewandte Theaterwissenschaften an der Universität Giessen und Präsident der Hessischen Theaterakademie die Laudatio auf Robert Wilson gehalten.
Seit 2003 wird der Preis alle zwei Jahre von der Giessener Hein-Heckroth-Gesellschaft gemeinsam mit dem Land Hessen und der Stadt Giessen vergeben. Die Vorgänger Wilsons waren Achim Freyer, Erich Wonder und Karl-Ernst Herrmann. Unter den rund 450 Veranstaltungsbesuchern befand sich auch die Hessische Staatsministerin a. D. Ruth Wagner, die die Einrichtung des Preises vor Jahren maßgeblich mit gefördert hatte.
Die Vorsitzende der Hein-Heckroth-Gesellschaft Dietgard Wosimsky zeigte sich bei ihrem Grußwort sehr gerührt über das Zustandekommen der diesjährigen Festveranstaltung und konnte es fast noch immer nicht glauben, dass Robert Wilson leibhaftig nach Giessen angereist kam, um den Preis persönlich in Empfang zu nehmen
Vor der Preisverleihung gab Katharina Spielhaupter (Kuratorin der Hein Heckroth-Ausstellung im deutschen Film Museum 1991) einen Einblick in Hein Heckroths künstlerisches Schaffen. Gezeigt wurden Ausschnitte aus den Filmen „Die Roten Schuhe“ und „Reinschrift aus Farbe und Form
Verknüpft mit der Preisverleihung ist die Vergabe eines mit 2500 Euro dotierten Nachwuchspreises an eine/n jungen Künstler/in. Die Stadt Giessen stiftet für diesen Nachwuchspreis das Preisgeld. Diesen Förder-Preis erhielt Yashi Tabassomi, die in Berlin lebt und arbeitet. In einer beeindruckenden und auf wunderbare Art gehaltenen Laudatio, die mit einer besonderen Lautlichkeit die Bühne erfüllte, würdigte Robert Wilson die Arbeit von Tabassomi.
Der gesamte Festakt wurde von Liedern, gesungen von der Schauspielerin Angela Winkler, umrahmt. Der Musiker Adam Benzwi begleitete Angela Winkler am Klavier.
Giessen, 19. April 2009 / alle Fotos: © urheberrechtlich geschützt Frank Sygusch (manoumi images) / Giessen-Server.de
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