
(fsy.) Schullehrer haben heutzutage keinen leichten Stand und selbst ihren Berufs- und Interessenverbänden gelingt es kaum mehr die permanenten Verschlechterungen von Arbeitsbedingungen und Berufsbelastungen aufzuhalten.
Jetzt hat die zuständige hessische Ministerin, Frau Wolff (CDU) mit ihrer Ankündigung der „verlässlichen Schule“ die Lehrerschaft erneut aufgeschreckt.
Denn „verlässliche Schule“ bedeutet in den Augen der Ministerin, dass es zukünftig an hessischen Schulen keinen Unterrichtsausfall mehr geben darf. Das heißt im Klartext nicht mehr und nicht weniger als eine Unterrichtsgarantie über alle 6 Unterrichtsstunden an allen fünf Tagen der Woche hinweg. Eine erklärte Ankündigung, die jetzt auf dem Prüfstand der praktischen Umsetzung steht und die Verlässlichkeit der zuständigen Abteilung im Ministerium und die Schulverwaltung auf den Plan ruft. Natürlich hatte die Verwaltung vorgearbeitet und in Pilotstudien nachgewiesen, dass es funktionieren kann.

Dennoch überwog an diesem Nachmittag bei der vom Bezirksvorstand des Hessischen Philologenverband e.V. Giessen und auf Einladung von Günter G. Krause stattfindenden Diskussions- und Informationsrunde im Bürgerhaus Klein-Linden die Skepsis und es waren ablehnende Haltungen der Lehrerkolleginnen und –kollegen aus dem Publikum zu spüren und zahlreiche kritische Stimmen deutlich zu vernehmen.
Zusätzlich geht es bis zur Einführung der verlässlichen Schule ab dem Schuljahr 2008, um weitere wichtige neue Bausteine in der hessischen Schulpolitik, die teilweise in anderen Bundesländern bereits evaluierter Standard sind und nun auch Eingang in hessische Schulen finden sollen:
Bildungsstandards statt Lehrpläne; das Steuerungsinstrument externer Schulinspektion, aber nicht als Qualitätskontrolle, sondern als transparente institutionelle Beratungshilfe zur eigenen Lösungsfindung und Eigenverantwortung; neue Steuerungsinstrumente für die selbstständige Gestaltung in der Personalentwicklung und –verantwortung über eine schuleigene Budgetierung und neue Standards für die eigenverantwortlich gestaltete Fortbildung der Lehrer und die Ausbildung von den Lehrkräften, die zukünftig die Fortbildung anbieten („Fortbildung von Fortbildnern“).

"In Hessen fällt ca. 2,5% des Schulunterrichtes schlicht und einfach aus", so der Abteilungsleiter Martin Günther aus dem Kultusministerium. Die verschiedenen Berufs- und Interessenverbände nennen hier je nach Schulform andere Zahlen, mitunter bis zu 10%. Den Unterrichtsausfall möchte die Ministerin abgeschafft wissen. Und das genau sollen die Schulen demnächst in "eigener Verantwortung" managen. Intern geregelt über eine veränderte Zuständigkeit als Dezentralisierung verpackt und von außen über eine zugewiesene Teilbudgetverantwortung mit zusätzlicher Aufstockung der finanziellen Mittel für jede Schule (aus dem Haushaltstitel für Vertretungsunterricht). Diese Mittel werden selbst verwaltet und dürfen nur für diesen Bereich eingesetzt werden. "Davon darf also nicht der schon lange gewünschte Klavierflügel" für den Musikunterricht gekauft werden.
Dr. Knud Dittmann, Vorsitzender des Hessischen Philologenverbandes e.V., äußerte sich kritisch und ablehnend gegenüber den Ankündigungen aus Wiesbaden und stellte in Frage, ob hier nicht Dienst- und Beamtenrecht ausgehebelt werden und befürchtet, dass pädagogische Fragen erneut einem „Messbarkeitswahn“ unterworfen werden.
Min. Direktor Martin Günther, Abteilungsleiter im Hessischen Kultusministerium hingegen verteidigte die geplanten Vorhaben energisch und warb gemeinsam mit Martin Daus, dem leitenden Direktor des Staatlichen Schulamtes Lahn-Dill/Limburg-Weilburg um Unterstützung bei den Kolleginnen und Kollegen vor Ort.
Walter Planz, stellvertretender Vorsitzender des Landeselternbeirates in Hessen, erklärte, dass er sich auch noch nicht genau vorstellen kann, wie die Schulinspektion umgesetzt werden soll. Gleichzeitig forderte er mit Nachdruck, dass ausschließlich pädagogische Fachkräfte für den Einsatz bei Unterrichtsausfall herangezogen werden dürfen. Auch beim Elternvertreter lagen die Nerven an diesem Nachmittag blank. Herr Planz hatte zuvor mit seiner Aussage und als offizieller Podiumsteilnehmer und Vertreter der hessichen Eltern, "lieber gar keinen Unterricht, also Unterrichtsausfall, als schlecht gemachten Unterricht von Hilfskräften zu bekommen" klärende Nachfragen von der Seite des Abteilungsleiters aus dem Ministerium herausgefordert. Ein Beispiel dafür, dass noch nicht alle Fragen und Vorschläge auf dem Tisch liegen und noch gemeinsamer Beratungs- und Abstimmungsbedarf besteht.
(Giessen / Klein-Linden, 21. März 2006; Fotos: Frank Sygusch)
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