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Überraschende Gäste im Giessener Landratsamt



Acht Handwerker wollten den Landrat sprechen ... der war aber unterwegs



GIESSEN (mip/r).                   Etwas verwundert und erstaunt waren heute morgen die Beschäftigten, als sie auf dem Landratsflur plötzlich sieben dunkel gekleideten junge Männern und einer Frau mit schwarzen Hüten, kräftigen Wanderstö-cken und schwerem Handgepäck begegneten: Acht (!) handwerkliche Nachwuchskräfte auf der Walz. Das hatte selbst Kreis-Pressesprecher Karl-Michael Stöppler noch nicht erlebt, obwohl der bereits dienstlich in den ver-gangenen 15 Jahren schon öfters mit Handwerksburschen und deren Besuchen zu tun hatte. Die ungewohnten Gäste wollten der Verwaltungsleitung ihre Aufwartung machen. Doch Landrat Willi Marx und die beiden Kreisbeigeordneten Stefan Becker und Siegfried Fricke waren terminlich im Kreisgebiet unterwegs, so dass der Handwerks-Nachwuchs durch Beckers Büroleiter Dirk Oßwald, den Ersten Kreisbeigeordneten in spe, empfangen wurde.





Dirk Oßwald (2. v. r.) verabschiedete (v. l. n. r.) Johannes Seide (ausDannenberg an der Elbe), Hener Ruven (Neus-tadt an der Weinstraße),Janes Rütschle (Lörrach), Dominic Felder (Solothurn), Philip Naseri(München), Nathalie Pfeiffer (Celle), Kornelius-Corvin Appel (Wetzlar),und David Staneker (Engstingen).

(Foto: Kreisverwaltung Giessen:Stöppler)





Die Hintergründe des ungewohnten Besuches wurden schnell aufgeklärt: Acht Handwerker auf der Walz hatten in Mittelhessen Station und im Landratsamt ihre Aufwartung gemacht. Nach dem man im gemeinsamen Gespräch die ersten Unklarheiten beseitigt hatte, lud Oßwald die jungen Nachwuchskräfte zum Gespräch ein und liess sich aus dem Alltag der Handwerksgesellen berichten.




Frauen gehören, wie oftmals noch im richtigen Berufsleben, immer dann zur Minderheit, wenn’s um beruflich höhere Qualifikationen geht, und so war’s nicht verwunderlich, dass von den acht Gästen im Kreishaus, es handelte sich um einen Bootsbauer, um fünf Zimmerleute und zwei Tischler, mit Nathalie Pfeiffer aus Celle lediglich eine Zimmerin dabei war.




Die jungen Leute kommen aus Deutschland und der Schweiz, waren zum Teil schon bis zu drei Jahren oder viele Monate unterwegs, einige allerdings aber auch erst seit wenigen Wochen oder gar erst seit zwei Tagen auf der Wanderschaft. Mit Corvin Appel ist auch ein Zimmermann aus Wetzlar im Team auf Wanderschaft.




Alle sind Zunftmitglieder. Meist gehören sie der sogenannten „Rolandschaft“ an, der zweitältesten reisenden Handwerkerzunft, die 1891 von sechs bremischen Maurern gegründet worden ist, aber auch Mitglieder der „Fremder Freiheitsschacht“ machten ihre Aufwartung.




Und damals wie heute, so erfuhr Oßwald, galten und gelten nach wie vor strenge Regeln und Sitten. So gehört zu den Voraussetzungen des Wanderlebens, dass die Handwerker des Bauhauptgewerbes (dazu zählen neben Maurern, Zimmerleuten und Tischlern noch Betonbauer, Dachdecker, Holzbildhauer sowie Steinmetze und Steinsetzer) vor Reise-antritt einen Gesellenbrief erworben haben mussten, sie müssen unter 25 Jahren alt sein, dürfen weder vorbestraft noch verschuldet sein („unbeschadeter Herkunft“, wie es in der einschlägigen Regel heißt) und müssen auch ohne Kind und Kegel in die Welt ziehen.




Die Kluft aus schwarzer Jacke und ebenfalls schwarzer Kopfbedeckung ist vorgeschrieben, wobei die verschiedenartige Anordnung der Knöpfe an den Westen ebenfalls von Bedeutung ist: Die sechs Knöpfe zum Schließen der Joppe weisen auf die (früher geltende) Sechs-Tage-Woche hin, die acht Knöpfe der Unterweste auf den Acht-Stunden-Tag, die drei Knöpfe an jedem Ärmel auf jeweils drei Jahre Ausbildung und drei Jahre Wanderschaft, denn wer als ein ordentlicher „rechtschaffender Fremder“ (so der offizielle Titel in der Zunft) gelten will, muss mindestens drei Jahre und einen Tag von zuhause auf Wanderschaft bleiben. Und was herkömmlich als Bannmeile für die Parlamente gilt, kennen auch die Handwerksburschen – ihre Bannmeile umfasst allerdings 60 Kilometer Umkreis. Diesen Bezirk dürfen sie während der Wanderschaft nicht betreten, es sei denn, jemand aus der engsten Familie stirbt; doch auch für den Besuch der Trauergemeinde muss ein anderer Wandergeselle als Be-gleiter mitgenommen werden, denn es könnte ja sonst sein, dass das Heimweh übermächtig wird – dem gilt es dann durch den Aufpassenden wirkungsvoll zu begegnen.




Und die Knöpfe sind in der Regel auch heute noch aus Perlmutt, das früher natürlich sehr wertvoll war und – wenn sich partout kein Geld mehr im Säckel befand – als Zahlungsmittel akzeptiert und genutzt worden ist. Ähnlich verhielt es sich mit dem Ohrring, den auch manche der Gäste des Landrates trugen. Er war früher meist aus massivem Gold und diente im Fall aller Fälle dazu, dass notwendige Bestattungskosten beglichen werden konnten, wenn ein Handwerksgeselle während seiner Wanderschaft zu Tode kam. Damals wie heute, das wurde im lebhaften Gespräch mit den acht jungen Handwerkern deutlich, galt und gilt es, die Ehre der Zunft hoch zu halten, sich unbeschadet und ohne Verfehlungen durchs Wanderleben zu schlagen – und sogar auch im Todesfalle der Nachwelt keine Schulden zu hinterlassen.




Doch dieses Mal lief der Besuch im Landratsamt ohne Blessuren oder andere Unbill ganz harmonisch ab. Und zum Abschluss wurde der Besuch mit amtlichem Stempel und offizieller Unterschrift noch im jeweiligen Wandergesellen-Buch dokumentiert.




Neben der Kleidung (die Wahl des Hutes ist dabei frei, er muss nur schwarz und die Krempe mindestens fünf Zentimeter breit sein) hat auch das weitere Gepäck seine Bedeutung. So ist der schlagkräftige Stock, in handwerklichen Fachkreisen firmiert er als „Stenz“, als Wanderstütze und zur Verteidigung gedacht und immer ein selbst ausgesuchtes Stück Ast aus dem Wald. Das Gepäck lautet heute nicht mehr Felleisen, sondern „Charlottenburger“ oder kurz „Charly“, genannt nach den Erfindern, die es als Handwerker aus dem Berliner Bezirk Charlottenburg seit der Jahrhundertwende unter den Wandergesellen salonfähig machten. Im „Charly“ befindet sich neben einigen Kleidungsstücken auch immer ein Teil des unentbehrlichen Handwerkszeuges. Denn während der Wanderschaft müssen die jungen Handwerksburschen sich ihren Lebensunterhalt durch Arbeit verdienen, losziehen dürfen sie nämlich nur mit fünf Euro in der Tasche.




Aus dem Mittelhessischen zogen die acht Handwerksburschen am Nachmittag mit insgesamt 80 EUR Proviantgeld aus der Kreiskasse aus der Hand von Oßwald Richtung Süden weiter. Auf zu neuen beruflichen und persönlichen (Lebens-) Erfahrungen.







Giessen, 29. April 2009 / Bild: Kreisverwaltung / Stöppler



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