Kritik und Utopie belichten den langsamen Blick durch den öffentlichen Raum / Leichte Objekte aus schwerem Baustoff schweben im Raum
GIESSEN (fsy). Reizvolle Spaziergänge für das Auge durch eine banale und monströse Welt des Urbanen und Anstöße bietet die aktuelle Ausstellung des Neuen Kunstvereins Giessen mit den Skulpturen aus dem Material Beton von Ina Weber.

Ina Weber im Neuen Kunstverein Giessen
(Foto: Giessen-Server.de / Frank Sygusch)
„Beton ist geduldig“ lautet der Titel und gezeigt werden mehrere Werke; für sich alleine und als Skulpturenlandschaft auf einem gemeinsamen Gerüst und Bodenplatte präsentiert. Von außen, durch die Scheiben des Kunstraumes betrachtet, wirken die Skulpturen zunächst so, wie es der Betrachter mit dem Wort Beton assoziativ verbindet: langsam und grau, behäbig und schwer, fast unsichtbar träge in der Masse und Dichte verteilt und so grenzenlos protzig einsetzbar.
Doch die Proportionen der Anordnungen von Linienführungen, Flächen und Ebenen scheinen nicht ganz stimmig zu sein für das äußere Wahrnehmungsbild des gewöhnlichen Stadtbetrachters. Tritt man aber ein und steht innen im Ausstellungsraum des Neuen Kunstverein Giessen, in dem kleinen Raum und dicht neben oder hinter den Skulpturen, so scheint es für einen Augenblick zu sein, als ob man Teil haben darf an einem Zustand einer sonderbaren Leichtigkeit und ausgewogenen Unruhe. Es wirkt ein bisschen, als ob die Betonskulpturen leicht wie gasgefüllte Ballons im Raum daher schweben und gerade gelandet sind und die wohlgeordnete Aufstellung erinnert an eine wohlpositionierte Skulpturenlandschaft.

Ina Weber im Neuen Kunstverein Giessen
(Foto: Giessen-Server.de / Frank Sygusch)
Das Gerüst mit der weißen Platte, extra vom Schreiner in den Ausstellungsraum eingebaut, garantiert die Bedingung der Möglichkeit für das Auge, so dass der Blick sich an dem schärfen kann, was vorgefunden wird: wandelbare Positionen, die von innen nach außen zu drängen scheinen, weil von außen gesehen die Proportionen besonders irritieren.
Wie am Wegesrand zufällig aufgefunden und wie verlassene und ausrangierte Bushäuschen, so stehen die halbgroßen und sonderbaren Betonbauten im kleinen Raum und was ihnen fehlt, das muss sich der Betrachter einfach dazu denken. Oder die spontane Erinnerung hilft dabei aus und startet von alleine durch, um den Abstand zwischen mathematischen Größenverhältnissen und eigener Lebensvorstellung zu sortieren.

Ina Weber im Neuen Kunstverein Giessen
(Foto: Giessen-Server.de / Frank Sygusch)
Aber fehlt etwas, das der Betrachter nicht betrachten kann oder will? Vielleicht sind es die Risse in der Mauer, die den Skulpturen eine Kritikfähigkeit verleihen und unser subjektiven Orientierung einer Kraft aussetzen, die das hohe Tempo der Wahrnehmung ausbremst und uns hilft uns langsamer anzuschauen und zu betrachten . So wie jeder Bauklotz aus Beton in der Innenstadt als ästhetisch gesellschaftlicher Zustand im sozialen Wandel gelesen und entziffert werden darf, so sind die Skulpturen von Ina Weber – auf den ersten Blick - frei von alle dem. Die Skulpturen zeigen auch ein bisschen schräge Jugendkultur. Es geht um gegenwärtige Vergangenheiten, um die Wahrnehmung von Herkunftsorten des eigenen Lebensalltags und um das, was den verfremdeten Blickwinkel prägt: das Paradoxe und Banale und ein Denken, das intuitiv erfasst und trotzdem den Widerspruch sucht. Geduldiger Beton in veränderten und ungewöhnlichen Nachbildungen als sichtbare Antwort und Auseinandersetzung mit angeschauter und angestauter urbaner Wirklichkeit und gesteuerter Gesellschaft. Überall ist unser städtische Architektur mit dem Material Beton abgefüllt; was aber verbirgt sich dahinter und kann entbunden werden?

Ina Weber im Neuen Kunstverein Giessen
(Foto: Giessen-Server.de / Frank Sygusch)
Etwas überdimensioniert erhalten die kantigen und breiten Ebenen einen satten Anreiz zum Hinschauen. Säulenartig werden die erhobene Frontalebenen empor gestützt und an manchen Stellen bemalt mit den typischen grell-matten und kratzigen Farben der sechziger Jahre erhalten die kleingroßen Frontpartien des Wohnblocks einen phantastisch anmutenden und hässlich-liebevollen Dispersionstouch. Aber eine irgendwie fröhliche geartete Farbstimmung will nicht so recht aufkommen, oder etwa doch? Kann man all das aufnehmen, einatmen, aufladen, innerlich abreißen, stehen lassen, was diese Skulpturen als Botenstoffe blosslegen?

Ina Weber im Neuen Kunstverein Giessen
(Foto: Giessen-Server.de / Frank Sygusch)

Erhalten gegenwärtige Vergangenheiten einen Auftrieb aus dem Untergrund, um die Wahrnehmung von Herkunftsorten des eigenen Alltags zu suchen, und um das, was den Blickwinkel prägt im Kontext von sozialem Wandel wahrzunehmen? Die Beton-Skulpturen von Ina Weber haben etwas von der wahrnehmbaren Wandelbarkeit, wenn langweilige Nachmittage plötzlich interessant werden, und der Baustoff Beton als Material in neuem Massstab zum Medium und Spielball werden wird.
Ina Weber - Beton ist geduldig
Dauer der Ausstellung: 09. Mai bis 21. Juni 2009
Öffnungszeiten: Mi. 16 - 19 und Sa 14 - 17 und nach Vereinbarung
Tel.: 250 94 44
Ecke Licherstrasse / Nahrungsberg
Giessen, 11. Mai 2009 / Ausstellungskommentar und alle Fotos: Frank Sygusch (Giessen-Server.de)
Februar 2012
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