Auftakt der 7. „TanzArt ostwest“ mit philosophischem Hintergrund / Die Bewegung-Raum-Zeit einbeziehende Aufführung wurde vom Publikum gefeiert
Von Tanja Loechel
GIESSEN. Zum Auftakt des 7. Festivals „Tanzart ostwest“ kreierte die Choreographin und Filmkünstlerin Ana Baer Carillo, die derzeit an der Texas State University San Marcos unterrichtet, gemeinsam mit LeAnne Smith Stedman (Leiterin des Dance Departments der Texas State University), Ali Martinez (Senior Student) und Pat Stone das „John Cage Orgelprojekt Giessen“. Die interdisziplinäre Performance fand unter Mitwirkung der Tanzcompagnie vom Stadttheater Giessen am Samstagabend im Atrium im Neuen Rathaus statt, eine weitere Aufführung war am Sonntag.

(v.li.)Ali Martinez (Senior Student), Choreographin und Filmkünstlerin Ana Baer Carillo und LeAnne Smith Stedman (Leiterin des Dance Departments der Texas State University)
Fotos: Frank Sygusch
(Giessen-Server.de)
Tanzcompagnie Giessen mit Antonia Heß, Sven Gettkamp und Miranda Glikson „John Cage Orgel Projekt Giessen“

Hintergrund der Veranstaltung ist die weltweit Aufsehen erregende Akustik-Installation eines Orgelstücks des amerikanischen Komponisten, Philosophen, Literaten und Malers John Cage in der Buchardi-Kirche in Halberstadt. 639 Jahre soll die Aufführung von „Organ2/ASLAP“ dauern. Die Buchstaben „ASLAP“ stehen für „as slow as possible“ („so langsam wie möglich“). Die erste mechanisch betriebene Orgel gab es 1369 in Halberstadt, das Jahr 2000 wurde als Zeitachse genommen: Die Differenz beider Daten ergibt die Aufführungsdauer. Überdies sollte das dahinter stehende philosophische Konzept, nämlich über die Jahrhunderte Frieden zu bewahren sowie das Kirchengebäude und die Orgel zu erhalten, mitberücksichtigt werden.

Tanzcompagnie Giessen mit Antonia Heß und Svende Obrocki „John Cage Orgel Projekt Giessen“
Fotos: Frank Sygusch
(Giessen-Server.de)
Tanzcompagnie Giessen mit Svende Obrocki „John Cage Orgel Projekt Giessen“

Im Jahr 2001 startete das Orgelstück. Der gerade aktuell in Halberstadt erklingende Akkord wurde live nach Giessen übertragen, wobei das eintretende Publikum schon mit dem flirrend summenden Ton, in welchen sich auch die Geräusche des Blasebalgs mischten, konfrontiert wurden. In einer Zeit der enormen Schnelllebigkeit und Beschleunigung und wirkt eine solche Entschleunigung und Langsamkeit zunächst befremdlich. In einen aktuellen Bezugsrahmen stellte das Choreografinnenteam das akustische Phänomen. Der stehende Akkord hatte die Funktion eines Zeitfensters, in welchem sich Tanzgeschehen und Videoprojektion (Video: Ana Baer) abspielten. Auch der Ort – Atrium – mit seinen Treppen Galerien und transparenten Verglasungen wurde in die Performance miteinbezogen. Ein Markenzeichen der „Tanzart“-Auftakte ist die Wahl eines außergewöhnlichen Aufführungsortes: Vor drei Jahren war es ein Parkhaus, vor zwei ein Kino.

Tanzcompagnie Giessen mit Antonia Heß „John Cage Orgel Projekt Giessen“
Fotos: Frank Sygusch
(Giessen-Server.de)
Tanzcompagnie Giessen mit Antonia Heß, Sven Gettkamp, Miranda Glikson und Carine Auberger „John Cage Orgel Projekt Giessen“

Abgefilmte mechanische Bewegungen von aufziehbaren Spielzeugfiguren zeigte zu Beginn das Video, dabei kreuzte sich zum Beispiel der Weg von zwei Junikäfern. Die weckte Assoziationen an die Mechanik von Orgeln wie auch an die Bio-Mechanik des Tanzes. Die sechs Tänzer (Carine Auberger, Miranda Glikson, Antonia Heß, Svende Obrocki, Sven Gettkant, Meindert Peters) standen sich zunächst paarweise gegenüber, dann kreuzten sich auch deren Wege. Beziehungen spielten in der Aufführung ein Rolle, sowohl tänzerisch umgesetzt als auch in den projizierten Bildern, die auch Kontaktanzeigen zeigten. Die Tänzer agierten paarweise, manchmal drückten die Bewegung Zärtlichkeit aus, eine dritte Person näherte sich einem Paar, griff in die Beziehung ein. Des Weiteren stellten die Videos immer wieder Beziehungen zu Gießen und dem Neuen Rathaus her. Tänzer standen hier vor den Aufzügen, Baustellen wurden gezeigt und andere Plätze in Giessen. Merkmal vieler Videosequenzen war, dass sich nicht die Menschen bewegten, sondern die eingefrorenen Bilder („Stills“) wurden bewegt. Auch überlagerten sich Bilder. Somit spielte man während der Aufführung immer mit Bewegung in der Zeit und eingefrorenen, stehender Zeit.

Tanzcompagnie Giessen mit Meindert Peters, Sven Gettkamp, Miranda Glikson und Carine Auberger „John Cage Orgel Projekt Giessen“
Fotos: Frank Sygusch
(Giessen-Server.de)
Tanzcompagnie Giessen mit Antonia Heß, Sven Gettkamp, Miranda Glikson und Carine Auberger „John Cage Orgel Projekt Giessen“

Textfragmente und Selbstaussagen, wie „ich bin auch depressiv, selbst zerstörerisch und aggressiv“ waren ebenfalls Bestandteil. Die Tanzenden fügten sich zu erstaunlich individuellen Körperbildern und Personenarrangements zusammen. Oft glitten die Akteure – einem spannungslosem Niedersinken gleich - zu Boden. Dies erinnerte an das Zusammensacken von Orgelblasebälgen. An gefüllte Blasebälge gemahnten aufgeblähte abgerundete Körperbilder. Auch standen Tänzer oft in einer Reihe im Raum, was an Orgelpfeifen erinnerte. Die Bewegungen wurden oft angehalten, die Tänzerarrangements ereilten dann den Charakter von Skulpturen. Aufheiternde Wirkung ging von Alltäglichem aus, wie dass Kleider gewechselt und ausgezogen wurden. Zum Schluss überschritten die Mitwirkenden die Grenzlinie zum Publikum und mischten sich unter die Besucher. Das Gesamtkonzept von Bewegung-Zeit-Raum gefiel und die Zuschauer spendeten reichlich jubelnden Beifall.

Tanzcompagnie Giessen mit Antonia Heß, Svende Obrocki, Sven Gettkamp, Miranda Glikson, Meindert Peters und Carine Auberger „John Cage Orgel Projekt Giessen“
Giessen, 25. Mai 2009 / alle Fotos: Frank Sygusch / Text: Tanja Löchel
Juli 2010
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