von Tanja Löchel
GIESSEN. Ein Glanzlicht in Bezug auf die künstlerische Umsetzung war die Aufführung des Schumannstücks „Der Unvollendenich oder Warten auf den Tunnel am Ende des Lichts“ im Rahmen des internationales Festivals „TanzArt ostwest“ am Samstagabend im TiL.

Miranda Glikson und Ziv Frenkel - Der Unvollendenich oder Warten am Ende des Lichts
(Fotos: Frank Sygusch / Giessen-Server.de)

Miranda Glikson
(Foto: Frank Sygusch)
Das Schicksal Robert Schumanns, der in der privaten Nervenheilanstalt Bonn-Endenich 1856 starb, regte die Choreografin Yoshiko Waki, den Komponisten Rolf Baumgart und deren freies Ensemble „bodytalk“ (Bonn) zu diesem Tanzstück an. Ramponierte Möbel, ein auf die Seite gelegtes Klavier, ein hochkant gestelltes Bett, Matratzenstapel, ein kaputter Schaukelstuhl waren im Bühnenraum verteilt. In dieser Unordnung, Spiegel der geistigen Verwirrung, agierten Miranda Glikson (Mitglied der Tanzcompagnie Gießen), Katrin Schyns, Ziv Frenkel (Schumann), Rouzbeh Asgarian (Johannes Brahms, Gitarrist).

Der Unvollendenich oder Warten am Ende des Lichts / Rouzbeh Asgarian an der Gitarre
(Fotos: Frank Sygusch / Giessen-Server.de)

Der Unvollendenich oder Warten am Ende des Lichts
(Fotos: Frank Sygusch / Giessen-Server.de)

Der Unvollendenich oder Warten am Ende des Lichts
(Fotos: Frank Sygusch / Giessen-Server.de)

Die problematische Dreierbeziehung zwischen Brahms, Clara Schumann (Glikson) und Robert Schumann war ebenso Thema wie das Verrücktsein an sich und der Umstand, dass die Darsteller sich selbst in den psychischen Befindlichkeiten der historischen Personen spiegelten. Die rock-fetzige Gitarrenmusik, das Aufheulen elektrischer Klänge und das Singen des Lieds „Am leuchtenden Sommermorgen“ aus Schumanns „Dichterliebe“ wurden live dargeboten; die Musik war in den Handlungsablauf eingebettet. Ebenso waren Videos Bestandteil der Inszenierung. Hier wurde unter anderem aberwitzig die Vorstellung der Choreografin Waki im weißen klassischen Tanzkleid in der „Agentur für Arbeit“ gezeigt. Diese Filmsequenz war wohl auch als künstlerische Reaktion auf die Schließung der Tanzsparte am Theater Bonn zu begreifen, trotzdem fügte sie sich in die Schumann-Thematik ein. Auch eine Szene mit einer Fremdenführerin, die im Haus der Nervenheilanstalt, Biografisches über den Komponisten erzählte, zeigte das Video. In teils bizarr verzogenen Posen vollzog sich das Tanzgeschehen: Frenkel nahm Glikson kopfüber und schlug deren Füße und Arme gegen die Klaviertastatur. Auch lief Frenkel als Schumann desorientiert im Kreis, prallte immer wieder dabei gegen das Tasteninstrument und einen Schrank.

Der Unvollendenich oder Warten am Ende des Lichts
(Fotos: Frank Sygusch / Giessen-Server.de)

Die Absurdität von Therapien fasste die präsent tanzende und agierende Katrin Schyns in Worte. Hefeteig, ein sehr zähes und lebendiges Material, wurde ideenreich in den Tanz (kneten, ausrollen, auf den Körper halten, mit Füßen darin herumstampfen) einbezogen.

Der Unvollendenich oder Warten am Ende des Lichts / Katrin Schyns
(Fotos: Frank Sygusch / Giessen-Server.de)
Der Teig diente den Darstellern auch als Masken, die etwas Gespenstisches hatten. Dies war überdies als Anspielung auf das letzte Werk, die „Geistervariationen“, von Schumann zu verstehen. Ziemlich gegen Ende sprang die Choreografin selbst aus dem Schrank und reihte sich in eine Party-Polonaise ein. Auch diese karnevaleske Szenerie hatte ihre Wurzeln in der Biografie Schumanns: Er unternahm am Rosenmontag 1854 einen Selbstmordversuch, indem er in den Rhein sprang. Daraufhin verbrachte er seine letzten beiden Lebensjahre in der Irrenanstalt. Die „Geistervariationen“ sind sein letztes Werk. Eine immense Kreativität und Originalität zeichnete „Der Unvollendenich“ aus.

Der Unvollendenich oder Warten am Ende des Lichts
(Fotos: Frank Sygusch / Giessen-Server.de)

Der Unvollendenich oder Warten am Ende des Lichts
(Fotos: Frank Sygusch / Giessen-Server.de)

Yoshiko Waki in Giessen auf der Studiobühne im Löbershof
(Foto: Frank Sygusch)
Das Stück zeigte auch wie nah Normalität und Wahnsinn manchmal beieinander liegen. Das Publikum spendete am Ende stürmischen Beifall. Yoshiko Waki, geboren 1965, gehörte zum Ensemble von Johannes Kresnik an der Freien Volksbühne Berlin. Sie arbeitete von 2002 bis 2007 frei. Gemeinsam mit dem Komponisten Rolf Baumgart gründete sie das Ensemble „bodytalk“.
Giessen, 01 Juni 2009 / alle Fotos: Frank Sygusch /Giessen-Server.de)
Februar 2012
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