Eindrucksvolle Hommage an den Modernisten Sven Markelius / Architektur als Gesamtkunstwerk von innen nach außen
Blick auf den Giessener Ausstellungsraum „die Kunsthalle“ inmitten der Stadt / Vortrag von Scott Budzynski: Eine neue Stadtkrone. Zur Bedeutung und zum Kontext des „Bürgerhauses Giessen“ von Sven Markelius / Abschluss des Projekts „Kunstgeschichte und zeitgenössische Kunst“
GIESSEN (fsy). Eine außergewöhnliche Veranstaltung erlebten die zahlreichen Besucherinnen und Besucher in der Kunsthalle der Kongresshalle inmitten von Giessen. „Zwölfeinhalb“ lautete der Titel auf der Einladungskarte, die bereits Neugierde auslöste, und zwei Termine mit hochinteressanten Themenschwerpunkten ankündigte.

Dr. Scott Budzynski in der Kunsthalle der Kongreßhalle in Giessen
Fotos: Frank Sygusch / Giessen-Server.de

Zeichnungen des berühmten Architekten Sven Markelius - Blick von der Halle in den Innenhof

Dr. Scott Budzynski
Gestern Abend fand der erste Teil statt; am 18. Juni wird der zweite Teil folgen u.a. zu den Themen „In the City – Über das Tätigsein in der Stadt“ mit Armin Chodzinski (20.00 Uhr) und ab 21.00 Uhr mit einem Gespräch mit Gästen und Publikum über Kunst im öffentlichen Raum (siehe weiter unten).

Bürgerhaus der Stadt Giessen - 3. Vorschlag / Änderung vom 17. Juli 1961
Grundriss Obergeschoss - Sven Markelius Architekt Stockholm

Details zum Emblem mit Anweisungen zu der Bearbeitung und Ausführung

Dr. Scott Budzynski
Im direkten Blick auf das gerade neu eingeweihte Rathaus von Giessen, das in unmittelbarer Nähe der Kongresshalle, auf der anderen Straßenseite des Berliner Platzes in mehrjähriger Planungs- und Bauzeit entstand, in dem heute in der neuen Kunsthalle die erste Ausstellung eröffnet werden wird; und in dem Wissen, dass Kunst und Kultur im öffentlichen und städtischen Raum verantwortungsvoll und konzeptionell zu gestalten sind, bot die Abschlussveranstaltung des Projekts „Kunstgeschichte und zeitgenössische Kunst“ viele Anregungen und Anstöße, um sich mit dem Kontext kommunaler Kulturpolitik, Baukörper und Umgebungsraumproblematik auseinander zu setzen.
Nach der Begrüßung durch Prof. Marcel Baumgartner entführte Dr. Scott Budzynski die Zuhörerinnen und Zuhörer auf eine lange Reise zum Blick auf den Giessener Ausstellungsraum „die Kunsthalle“ in der Kongresshalle, die seit 1966 ein integrierter Funktionsteil des Gesamtbauwerks inmitten der Stadt bildet. Die konkrete Fragestellung an das architektonische Konzept Kongresshalle mit der Kunsthalle, die über soviele Jahre ein wunderbarer Ort für unzählige Veranstaltungen und Ausstellungen war, und die Präsentationform von konkreter Architekturgeschichte an ausgestellten und dokumentierten Beispielen, machten den Vortrag äußerst spannend.

Der amerikanische Kunst- und Architekturhistoriker Scott Budzynski, der in Berlin und Giessen lebt und arbeitet, faszinierte mit viel Detailwissen und methodischem Können, und führte kenntnisreich in die komplexe und interessante Thematik ein.

Fotografien zu den Baudetails und -formen von Kreis und Quadrat

Seine Ausführungen waren zugleich eine Hommage an den berühmten schwedischen Architekten Sven Markelius (1889 – 1972), der Anfang der 60er Jahre den Auftrag – vermutlich direkt von der damaligen Hessischen Landesregierung - erhielt die Giessener Kongresshalle zu gestalten. Bei den gemeinsamen Nachforschungen mit Prof. Baumgartner zum Entstehen des Bauwerks wurden hunderte Zeichnungen, Entwürfe, Unterlagen und Pläne des Architekten entdeckt, ausgewertet und gaben überraschende Erkenntnisse und Nachfragen frei.

Wer vor der Kongresshalle steht, spürt wie „wenig bildhaft das Gebäude wirkt und die verschiedenen Volumen und Ebenen fordern den Besucher auf sich zu bewegen und mit den Strukturen auseinanderzusetzen und die Räume zu entdecken“. In Anlehnung an moderne skandinavische Architekturkonzepte, die dem sozialen Gedanken im Städtebau eine besondere Formdeutung zuführten, entwickelten sich Ideen ein großes Haus als Treffpunkt für die Bürger mit den Möglichkeiten für Kommunikation und Interaktion zu bieten („folket hus“).
Der Architekt Sven Markelius, der später auch am UN-Gebäude in New York mitwirkte und an der Yale Universität lehrte, besuchte Giessen und versuchte von Beginn seiner Tätigkeit an das umfangreiche Raumvolumen nach außen in allen Ebenen und Perspektiven wirken zu lassen, aus dem Inneren heraus zu erschließen und die zahlreichen Ebenen des Raumes im Inneren als erlebbaren Ausdruck und im „Wechselspiel mit der Umgebung“ zu gestalten. Das ist Markelius in Giessen besonders gelungen und das Bauwerk als „Gesamtoeuvre und Orginal“ entstand als originärer Planungsprozess für diesen Ort.

Heute, nach diversen Anbauten und Veränderungen, darf man im klassischen Sinn nicht mehr vom Orginal sprechen, aber die Theorie des Sozialen in der Architektur von Sven Markelius, die sich in den Nutzungsmöglichkeiten des erbauten Raumes offenbaren können, sind weiterhin bis in Details sicht- und spürbar.
Der Hof gilt als Treffpunkt, wo sich die Menschen begegnen können. Wie ein kubistisches Bild wirken die gestalteten Formen. Modern, assymetrisch in Vielfalt angeordnet, mit Quadraten und Kreisen als Elementarformen, und „mit Kuben, die aufeinander zu kommen, erlauben besondere Blick-Achsen, die als Verbindungslinien von innen nach außen charakterisiert werden.“ Der Raum wird offen, wirkt aber intim, bietet Schutz als ein Ort für gemeinsames Leben.
„Für solche organische Konstruktionen war Schweden bekannt und Volkshäuser gehörten da zum städtebaulichen Programm. Sven Markelius war ein Wegbereiter von kulturellen Zentren im funktionalistischen Stil in Schweden und die Entscheidung in Wiesbaden ihm für das Giessener Bürgerhaus zu beauftragen war die Chance die schwedische Moderne und einen weltweit bekannten Architekt nach Hessen zu bringen.“ Ähnliche Konzepte finden sich auch bei einem anderen berühmten Architekten, dem Finnen Alvar Aalto. Zwischen beiden bestand eine „enge Freundschaft“ und ein reger Austausch. „Mit seiner Umsetzung der modernistischen Formen in eine eigene Art wurde Markelius zur Hauptfigur innerhalb dessen, was wir als skandinavische Moderne kennen. Die Hauptmerkmale sind organische Formen, warme Farben und die Anwendung von Holz und sinnlichen Materialien.“ Einige der Orginalgegenstände sind (Teile des Vorhangs) ausgestellt und besondere Merkmalsformen in Fotografien abgebildet.
Dr. Scott Budzynski

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Begleitet wird „zwölfeinhalb“ von Knut Eckstein: détournement (construction situation). Eine begehbare Situation im Ausstellungsraum zum Sitzen und Anschauen von Farben aus dem städtischen Raum; der extravagantbar mit Getränken und salzigen und süßen Knabbereien; Dokumentation zum Bau des „Bürgerhauses Giessen“ und einer Dokumentation zum Projekt „Kunstgeschichte und zeitgenössische Kunst“ mit zahlreichen Fotos, Plakaten, Vitrinen usw. zum Entstehungsprozess und –verlauf von Kommunikation zwischen Wissenschaftlern, Künstlern, Verwaltungsbeamten, u.a.

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Dokumentation zum Projekt „Kunstgeschichte und zeitgenössische Kunst“ mit zahlreichen Fotos, Plakaten, Vitrinen

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Donnerstag, 18. Juni 2009 / geöffnet ab 18.00
20.00 Uhr >>> Armin Chodzinski
In the City – Über das Tätigsein in der Stadt
Ein Vortrag mit Krawatte, Musik und Power-Point, in dem vielleicht gesungen und getanzt wird
21.00 Uhr>>> Gespräch mit Gästen und Publikum über Kunst im städtischen Raum
Marcel Baumgartner, Kunsthistoriker (Giessen) / Armin Chodzinski, Künstler Performer Forscher (Hamburg) / Andrea Knobloch, Künstlerin (Düsseldorf) / Markus Lepper, Leiter des Neuen Kunstvereins Giessen (Giessen) / Harald Scherer, Kulturdezernent (Giessen) / Rudolf Schmitz, Kunstkritiker (Frankfurt am Main)
Moderation: Jörg Wagner, Künstler (Giessen)
Giessen, 05. Juni 2009 / alle Fotos: Giessen-Server.de (Frank Sygusch) / Giessen-Server.de dankt Dr. Scott Budzynski für die Einführung in zwölfeinhalb
Februar 2012
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