
Zahlreiche Bilderfolgen durchlaufen die intensive Inszenierung von Thomas Goritzki. Zeitweise in wunderbarer Langsamkeit und vorübergehend in hohem Tempo; einzelne Bilder scheinen gar kein Ende zu finden ohne einen richtigen Anfang zu haben und bleiben fragmentarisch.
Dem Regisseur ist der Versuch gelungen über eine inszenierte Verdichtung, Auflösung und Widerspiegelung von Wunschvorstellungen und Bildern, Perversionen und realer Machtwirklichkeit zu zeigen, daß Literatur Fiktion gewordene Wirklichkeit ist. Das Stück assoziiert Emotionen und setzt Bilder frei und zeigt, dass Gewaltphantasien und Triebstruktur immer dann ihre Kräfte entfalten und in Bewegung geraten, wenn Macht und Ohnmacht real erlebt, geträumt, gespielt oder inszeniert werden.
All das findet an diesem Freitagabend im Parlament unter dem übermächtigen Bundesadler als Bühnenbild im Giessener Stadttheater seine Auflösung. Und tatsächlich, je nach der Bilderfolge wechselt der Adler seine Farbe von grellem gelb, in leuchtendes orange und dann wieder in wunderbar kräftiges lila usw. Der Wechsel des Farbenspiels findet immer auf der gleichen Oberfläche statt, die ja nichts anderes tut, als die Farben zu verschlucken.
Später im Stück fallen zahlreiche schwarze Vorhänge von oben nacheinander krachend im Gleichschritt herunter, so schnell, dass man fast die Augen schließen muss. Jeder Vorhang ein riesiges Fallbeil: eine sekundenschnelle und endgültige Entscheidung über Leben und Tod.
Und schließlich wird aus dem Adler eine komplexe Projektionsfläche, eine surreale Haut als Grenzorgan für das verinnerlichte Erlebnis und dessen Widerspiegelungen. Dazu noch vier kleine Fernsehbildschirme, jeweils zwei rechts und links hintereinander und innerhalb der Bühne aufgehängt. Wie stumme Mediensoldaten spiegeln die Bildschirme das gesamte Geschehen als kleine Bilderduplikate und spulen zwischendurch weitere Endlosszenen mehrfach als Bildersequenzen ab, die es zu entziffern gilt (Bühne und Kostüme: Monika Gora).
Der Balkon als Metapher für die Welt als Bordell
Die Darsteller erleben in ihren Rollen als Bischof, Richter, General, Polizeichef, Aufständischer, Kamerafrau, Regisseur, Scherge, Diebin, Sünderin und unter der Aufsicht von Irma, als Puffmutter und als Königin über Identitäten und Illusionen, archaische Lust und Gewaltphantasien.
Das sehr gute Ensemble erzeugt schauspielerisch ein wahres Gesamtbild, entstanden aus einem falschen Schauspiel in vielen Einzelbildern, die sich immer und immer wieder zu spiegeln scheinen.

Die wahre Macht der Bilder kommt leidenschaftlich und bewegt auf der Bühne zum Ausdruck, gleichwohl ordentlich gekürzt aus Gründen des Aufbaus.
Der Alte / Bettler, von Manuel Struffolino wunderbar verkörpert, taumelt langsam und benommen mit kleinen steifen Tippelschritten und starrem Blick im Parlament herum, bevor er sich in den durchsichtigen Sarg zum Sterben verkriecht.
Der General singt aus Angst das „Hänschen klein" und schließt seine Augen, als er sein Wunschkleid anzieht. Ein grünschwarzbraunes Armeekostüm.
Im Hintergrund wandert derweil im Zeitlupentempo, als Gitarrist verkleidet Jonas Thiel. Endlos spielt er Variationen der gleichen Melodie "Einigkeit und Recht und Freiheit" auf dem elektrisch verstärkten Instrument. Mal sind es sanfte und mal sind es fetzige, krachende und kanonenartige, verzerrte Töne.
Oder das Bild von Arthur, dem Schergen, einst in der Rolle des brutalen Henkers, der sich nun verstört in das durchsichtige Rednerpult des Parlaments wie ein hilfloses Kind zurückzieht um zu verbluten, nachdem er die Revolution gekostet hat. Schmerzverzerrt und fest an der Frontscheibe des Glaspultes angedrückt senkt sich langsam und quietschend sein Gesicht?
Der Schauspieler Christian Taubenheim verharrt in dieser Stellung eine kleine Ewigkeit, während sich um ihn herum und immer schneller und schneller die Medienmacht rasend und drehend mit Bildern inszeniert, austobt und anschließend verpufft.
Vorher aber hustet der sterbende Henker noch eine ordentliche Portion Blut (KetchUp) mit dicken Brocken in die Richtung des Publikums, das erschrocken zurückweichen will, aber in den Sitzreihen rückwärts festklemmt. Zumindest dieser vieldimensionalen Erfahrung aus Bild und Klang, realer Farbbedrohung, Schreckensangst und Fluchtreflex sind einzelne Zuschauer in den ersten Reihen ausgesetzt. Niemand hat es dem Henker übel genommen, wie sich in dem Publikumsgespräch im Anschluss an das Schauspiel herausstellt.

Der Aufstand und die gespiegelte Ordnungsmacht
Alles scheint in Ordnung zu sein, zumindest auf der Bühne, denn irgendwo draußen tobt der Aufstand.
Doch spätestens als sich der Aufständische, jetzt selbst für die Ordnung im Parlament zuständig, kurzerhand mit langem Messer bestraft und kastriert, behagt das dem echten Polizeichef ganz und gar nicht mehr: Die Macht liegt fortan in den Bildern und ihren Spiegelungen und endgültig nicht mehr im Parlament, wo die vorbereitete Einbildung ein abruptes Ende findet.
Der aufständische Polizist hat sich in seiner sozialen Rolle auf der Bühne und als Zeichen einer klaren Handlung selbst zerstört.
Als das Schauspiel zu Ende ist, applaudiert das Publikum lange und lauthals und dankt den Schauspielern für die intensive Darbietung.

Der Balkon
Von Jean Genet
Deutsch von Peter Krumme
Bischof / Christian Fries
Richter /Markus Rührer
Arthur, Scherge / Christian Taubenheim

Dirk Olaf Hanke, Carolin Weber und Roman Kurtz beim Publikumsgspräch / Bild: Giessen Server /: Frank Sygusch
General / Peter Anger
Polizeichef / Roman Kurtz
Alter, Bettler / Manuel Struffolino
Roger / Sebastian Songin
Aufständischer / Christian Lugerth
Gesandter / Harald Pfeiffer
Irma, die Königin / Carolin Weber

Bild: Giessen Server /: Frank Sygusch
Sünderin / Alina Gregor
Diebin / Rike Schäffer
Pony-Mädchen / Kyra Lippler
Carmen / Petra Soltau
Chantal / Nicole Lohfink
Regisseur / Christian Lugerth
Kamerafrau / Alina Gregor
Stumme Dolmetscherin / Theresa Möbus
Gitarrist / Jonas Thiel
Inszenierung: Thomas Goritzki
Bühne und Kostüme: Monika Gora
Dramaturgie: Dirk Olaf Hanke
Aufführungsrechte: Verlag der Autoren, Frankfurt am Main
Mai 2012
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