Tanzstück von Tarek Assam nach der Musik von Sergej Prokofjew
GIESSEN Schon mehrmals hat Tarek Assam in seinen Choreografien Stücke von Shakespeare zur Grundlage genommen. In freier Bearbeitung, versteht sich, denn der Ballettdirektor am Giessener Stadttheater erarbeitet ein modernes Tanzrepertoire. Bei seiner aktuellen Inszenierung „Romeo und Julia – Umarmt des Schlafes Bruder“ bindet er sich insofern stärker, als er die Musik von Sergej Prokofjew und das dazu gehörige Libretto von Leonid Lawrowski zur Vorlage nimmt. Die Choreografie folgt dem bekannten Verlauf dieser tragisch endenden Liebesgeschichte, ist aber in Details modifiziert und um einige Musiknummern gekürzt. Das Ensemble wurde aufgestockt: die Anzahl der Tänzer/innen auf 16 verdoppelt, die der Musiker/innen um ein Drittel auf 60 erhöht. Die Einarbeitung so vieler Gastkünstler/innen kann nur als gelungen bezeichnet werden.
Das Orchester wurde auf die Hinterbühne postiert, da der Orchestergraben nicht genug Platz für alle bietet. Unter dem Dirigat von Herbert Gietzen zeigen sich die Musiker allen Herausforderungen der abwechslungsreichen Komposition gewachsen. Die Tanzbühne ist näher an den Zuschauerraum herangerückt und durch einen Gazevorhang vom Orchester getrennt. Über diesem verläuft ein gewölbter Bogen, der mal als Zuschauertribüne fungiert, mal ein Treffen der Verstorbenen im Himmel ermöglicht. Das Bühnenbild (Lukas Noll) ist insgesamt klar strukturiert und symmetrisch aufgeteilt: in der Mitte fungiert ein mächtiger Pfeiler als Projektionsfläche für Videoeinspielungen und gibt in geöffnetem Zustand eine Rampe frei, die mal Balkon, mal Bett für die Liebenden ist. Noll zeichnet auch für die Kostüme verantwortlich, die zeitgenössisch schlicht aus Hose und T-Shirt bestehen und nur in der Ballszene durch stilisierte Barock-Kleidung ergänzt werden. Alles ist farblich aufeinander abgestimmt, inklusive der stimmungsvollen Beleuchtung.
Der Farbkontrast Orange-Grün kennzeichnet die verfeindeten Familien Montague und Capulet, nur Julia tritt durchgehend im weißen Gewand der Unschuld auf. Das kurze Hemdchen in der Schlussszene lässt sie allerdings sehr kleinmädchenhaft erscheinen, andere Inszenierungen weisen ihr mehr Eigenaktivität zu. In Assams Interpretation gibt Miranda Glikson (alternierend Magdalena Stoyanova), die große Liebende, die sich hingebungsvoll anschmiegt und den Vorgaben des Familienclans sowie den Mächten des Schicksals hilflos ausgeliefert ist. Den Romeo gibt Paul Zeplichal (alternierend Roland Hey) sehr natürlich, er ist der von erster Liebe überwältigte junge Mann, aber auch der aufbrausende Beschützer der Familienehre.
Dem Schicksal entgegen stemmt sich einzig Pater Lorenzo, dessen schwarze Kleidung ihn vom bunten Treiben abhebt. Das Scheitern seiner Hoffnung auf Frieden ist bekannt. Mélodie Lasselin zeigt in dieser Rolle eine beeindruckende Präsenz und eine darstellerisch überragende Leistung. Hier setzt auch der wirkungsvollste Teil von Assams Konzeption an: Mitglieder des Giessener Tanzensembles(Mélodie Lasselin, Svende Obrocki / Martyna Luczak und Kai Guzowski / Piotr Halicki) treten wechselweise als Clowns auf: eine rote Pappnase und wenige Handgriffe lassen sie auf der Bühne zu anderen Personen werden, zum Narren, der die Welt kommentiert und die Entstehung der Welt, sprich die Vertreibung aus dem Paradies erklärt. Die Extra-Ausbildung in der Clownschule Mainz hat sich gelohnt, die kurzen und der längere Einschübe lassen die Zuschauer in eine andere Welt eintauchen.
Dass das Spielzeug der Clowns – ein Ball – schließlich zum Mordwerkzeug an Mercutio wird, gehört folgerichtig zur Tragik dieser zeitlosen Geschichte von der nicht endenden Gewaltspirale. Auch diese Szene zählt zu den eindrucksvollen des Tanzstücks, der Kampf zwischen Mercutio und Tybalt ist erfindungsreich ausgearbeitet, ohne direkten Körperkontakt! Der Gegensatz ist im Äußeren der Tänzer visualisiert: der Afroamerikaner Kenneth R. Henry ist groß und schlank, seine Bewegungsrepertoire von großen Sprüngen und Eleganz gekennzeichnet, der Japaner Hiroshi Wakamatsu ist klein und zierlich, seine Stärke liegt in seiner Präzision und kraftvollen Schnelligkeit. Den Gegensatz zwischen den Generationen gestaltet Assam auch recht deutlich: sechs Senioren sind in einigen Szenen wie lebende, aber stumme Kommentare integriert.
Das Premierenpublikum am Samstagabend (16. Dezember 2006) zeigte sich begeistert. Auch wenn die eine oder andere Erwartung an das Stück nicht erfüllt wird, die Choreografie keine wegweisende Neuinterpretation darstellt, so bietet sie doch ein schlüssiges Konzept und zweieinhalb Stunden beste Theaterunterhaltung. Die Leistungen beider Ensembles – Musik und Tanz – sind Spitzenklasse.

Romeo: Paul Zeplichkal / Roland Hey
Julia: Miranda Glikson / Magdalena Stoyanova
Pater Lorenzo / Clown: Mélodie Lasselin
Amme / Clown: Svende Obrocki / Martyna Luczak
Tybalt: Hiroshi Wakamatsu / Kentaro Koide
Mercutio: Kenneth A. Henry
Benvolio: Roland Hey / Paul Zeplichkal
Paris / Clown: Kai Guzowski / Piotr Halicki
Capulets: Svende Obrocki, Masami Sakurai, Julia Zeplichkal, Kai Guzowski, Piotr Haliki, Kentaro Koide, Matthew J. Tusa, Hiroshi Wakamatsu
Juli 2010
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