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„Der Nebel lichtet sich“ - Festvortrag beim IHK-Sommerempfang

von Prof.Dr. Michael Hüther





GIESSEN / FRIEDBERG (mip/r).          Ein Jahr nach dem Zusammenbruch der amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers und der folgenden internationalen Wirtschaftskrise lichtet sich der Nebel. Das ist die Ansicht von Professor Dr. Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW). Zwar könne noch nicht von einer Entspannung der Lage gesprochen werden, aber er ist überzeugt, „dass sich der Nebel dauerhaft hebt“.






Professor Dr. Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW) beim Festvortrag der IHK Giessen-Friedberg

(Foto: priv.)







Bereits heute beschäftigen sich die ersten Fachleute damit, die wirtschaftliche Lage nach der Krise zu beleuchten. „Wird nichts mehr so sein, wie es war? Perspektiven für das Industrieland Deutschland nach der Krise“ titelte Wirtschaftsexperte Hüther seinen Vortrag auf dem Sommerempfang 2009 der Industrie- und Handelskammer (IHK) Giessen-Friedberg in der Landesmusikakademie in Schlitz. Unweit von dort hatte er den Grundstein für seine berufliche Laufbahn gelegt: In den 80er-Jahren studierte Hüther an der Giessener Justus-Liebig-Universität Wirtschaftswissenschaften sowie mittlere und neuere Geschichte.








Stabilität durch vernünftige Rahmenbedingungen





IW-Direktor Hüther verdeutlichte zu Beginn des Vortrags den Verlauf der Krise. Unterlegt mit Grafiken zu früheren Auftragseinbrüchen zeigte er, dass bis Mitte September 2008 kein außergewöhnlicher Verlauf der Konjunkturkurve erkennbar gewesen sei. Der anschließende rasante Einbruch erreichte in diesem Frühjahr seinen Tiefpunkt, seitdem gehe es langsam wieder bergauf. Das belegen die Zahlen der Auftragseingänge in der Industrie und auch der ifo-Geschäftsklima-Index für August.





"Nicht, dass wir im Normalzustand wären, doch die Prozesse gehen in die richtige Richtung", betonte Hüther. Den Vertretern der Politik bescheinigte er, dass sie ver-antwortlich und richtig gehandelt hätten. Allerdings müsse sich nun der Markt lang-sam wieder selbst regulieren, und es steht die Frage im Raum, wie künftig das Gleichgewicht zwischen Markt und Staat sein solle. Die Antwort bleiben die Politiker den Bürgern im derzeitigen Wahlkampf schuldig. Den vieldiskutierten Deutschlandfond von zehn Milliarden Euro sieht der Wirtschaftsexperte wegen seiner geringen Ausschöpfung als Symbolpolitik. „Wer nachhaltig etwas tun will, der sollte dem Fi-nanzsystem durch eine schnelle Klärung der künftigen Rahmenbedingungen Stabilität verschaffen“, forderte Hüther. Nach seiner Ansicht muss beispielsweise die Bundesagentur für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) personell besser ausgestattet werden. Mit den derzeitigen Gehaltsstrukturen im öffentlichen Dienst müsse man sich nicht wundern, wenn qualifizierte Mitarbeiter über kurz oder lang in Frankfurter Finanzinstituten arbeiteten. So könne die Finanzaufsicht auch in Zukunft nur versagen. „Mit Basel II – den Regeln zur Eigenkapitalunterlegung – konnten die Banken bislang den Nutzen des Eigenkapitals selbst definieren. Das entspricht einem Fußballverein, der seine Regeln selbst aufstellt und der Schiedsrichter pfeift ebenfalls danach “, meinte Hüther.







Alles gut bis Ostern 2010?




Es irrten diejenigen, die an eine Konsolidierung des Bundeshaushaltes bis Ostern 2010 glauben. Laut Professor Hüther wird damit erst in einer Dekade, also in zehn Jahren, zu rechnen sein. Wenn man diese Zeit einplane, blieben Spielräume für steuerpolitische Maßnahmen und die „Steuertarife gehören gelüftet“. Es sei ein Unding, wenn ein Facharbeiter mit 48 000 Euro Jahreseinkommen zu 50 Prozent mit Steuern und Abgaben belastet werde.






Welchen Weg sieht Wirtschaftsexperte Hüther noch neben der stärkeren Regulierung durch die öffentliche Hand? „Die Marktwirtschaft steckt in einem Dilemma, da sie individuelle Moral spart, indem sie auf das wettbewerbliche Ergebnis vertraut“. Normalerweise führe der Preismechanismus zu einem effizienten Ergebnis. In Grenzfällen könne der Einzelne aber das Vertrauen der Gesellschaft missbrauchen. Die Lösung sei nun aber nicht, dass der Staat das Wirtschafts- und Gesellschaftssystem mit einem Netz von Regulierungen überziehe. Stattdessen müsse künftig jeder Einzelne mehr Verantwortung übernehmen. Die Lehre aus dieser Krise solle sein, dass es nicht schlimm ist, auch einmal „Nein“ zu sagen. Oder – wie Professer Hüther den Wiesbadener Philosoph Helmuth Plessner inhaltlich zitierte: „Man gibt den Menschen kein gutes Gewissen, wenn man ihnen sagt, sie brauchen keines zu haben“.






Giessen, 09. September 2009 / Bild: priv








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