
GIESSEN (fsy). Etwas trostlos und langweilig wirken die langen Gänge und die weißen Flurwände auf dem Weg zum Dienstzimmer mit der Nummer 138.
Dort residiert seit dem 01. Oktober 2006 Gerda Weigel-Greilich, die Bürgermeisterin der Universitätsstadt Giessen. Das Zimmer ist hell und ansprechend eingerichtet. Auf dem Schreibtisch fallen eine kleine, bunte Kuh und ein Spielzeugstadtbus in rot-schwarzer Farbe als Kontrast ins Auge. Daneben eine kleine Schatzkiste.
Aber für was steht die bunte Kuh und wer wird wohl im rot-schwarzen Stadtbus hin und her gefahren, und was ist in der Schatzkiste drin, frage ich mich?

Die Schatzkiste, der rotschwarze Bus und die bunte Kuh auf dem Schreibtisch (Bild: Frank Sygusch)
Am kommenden Sonntag ist die neue Bürgermeisterin 99 Tage im Amt und vieles hat sie schon erreicht, von dem manche der politischen Gegner noch gar nichts wissen oder überhaupt nichts wissen wollen. Gerda Weigel-Greilich ist die 2. „grüne“ Bürgermeisterin der Stadt Giessen. Karin Hagemann, ihre Vorgängerin unter anderen Vorzeichen, hat die Stadt nach dem Scheitern der rot-grünen Koalition in Richtung Südamerika verlassen.
Aber was hat sich eigentlich geändert und wie ist es dazu gekommen, dass sich seit geraumer Zeit in der Stadt die politischen Lager und Gegner versöhnen und vertragen wollen. Noch vor ein paar Jahren hätten sich die Vertreter von CDU, FDP und Grünen niemals gemeinsam an einen öffentlichen Tisch gesetzt?
Wer hat das möglich gemacht und es geschafft, dass sich gegenseitige Verachtung und Tadel in plötzliche Hochachtung und Lob verwandeln?

Gerda Weigel-Greilich, Bürgermeisterin von Giessen (Bild: Frank Sygusch)
Die Antwort darauf ist nicht einfach zu finden, aber in den Giessener Parteien zu suchen, denen wie anderswo im Land auch in der Stadt Giessen die besondere Bedeutung bei der politischen Willensbildung in unserer rechtsstaatlichen Demokratie zukommt.
Und wenn man der neuen Bürgermeisterin eine Weile zugehört hat, dann erklärt sich etwas fast wie von selbst, was eigentlich alle wissen, aber niemand mehr so richtig beachtet: Wer zerstrittene Gruppen in der engen Kommunal- und Verbändepolitik einer Region überparteilich verstehen, zusammenführen und politisch etwas an der sozialen Identität einer Stadt verändern will, muss zunächst die Kommunikation, die Interaktion und die Fremdbilder in der eigenen Gruppe und zwischen den anderen Parteien studieren und sich in der Probe selbst finden. Und wer ein Amt begehrt, dem müssen es die anderen in der eigenen Gruppe auch zu trauen.

Sind also besondere Sozialformen und eine besondere Methodenkompetenz bei der Aufhebung der Polarisierung und der Bearbeitung von Konflikten und bei der Lösung von Sachfragen und Politikinhalten auf der kommunalen Politikebene in Giessen angesagt, wenn gegensätzliche Persönlichkeiten aufeinander treffen, die entscheiden müssen?
Vielleicht ist das genau eine der persönlichen Stärken von Gerda Weigel-Greilich: komplexe „Prozesse steuern zu können“.
Die neue Bürgermeisterin der Stadt Giessen hat ihr politisches Handwerk „der kleinen Schritte“ gelernt und sich im politischen Tagesgeschäft in fast 20 Jahren ausprobiert, behauptet und durchgesetzt. 1989 wurde die damalige wissenschaftliche Mitarbeiterin eine der beiden Frauenbeauftragten an der hiesigen Justus-Liebig-Universität Giessen und hat sich dort nach einigen Jahren auch „hochschulpolitisch engagiert“. „Heute würde ich da einiges anders entscheiden“; aber wer darf das nicht von sich behaupten, wenn man zurückblickt und sich die Freiheit eingesteht, auch aus Fehlern lernen zu dürfen.
Auf Landesebene in Hessen bei den Grünen arbeitete sie in „verschiedenen Arbeitsgruppen mit; und 1999 kandidierte sie auf einem der hinteren Plätze bei den Stadtgrünen und rutschte zum Ende der letzten Legislaturperiode ins Giessener Stadtparlament nach. Dann zerbrach die Rot-Grüne-Koalition der Stadtregierung u.a. an den Themen „Gestaltung des Theaterparks“ und der „Ressortzuständigkeit“ des Mädchenhauses. Die Giessener SPD gab nach dem endgültigen Scheitern bekannt, dass mit den Grünen nie wieder in Giessen eine Koalition entstehen wird.

Seit 99 Tagen regiert nun eine „neue und grüne“ Bürgermeisterin, ohne die SPD und mitten in einer konservativen Männerriege und versucht in den kommenden Jahren ihrer 6-jährigen Amtszeit eine soziale und besonders kinder- und jugendfreundliche Politik für die Stadt zu gestalten.
„Bereits als Frauenbeauftragte vor vielen Jahren habe ich versucht ein integriertes Konzept der Kinderbetreuung in einer Tagestätte am Schlangenzahl einzurichten und jetzt gelingt mir das vielleicht als Bürgermeisterin". Ein exemplarisches Beispiel für ein „kleines, aber wichtiges Ziel“ einer neuen Stadtkoalition, die Gerda Weigel-Greilich als das Zusammenfinden und die Versöhnung des akademisch-bürgerlichen mit dem sozial-ökologischen Teils der Stadtgesellschaft beschreibt. „So wird ja die Jamaikakoalition (schwarz-gelb-grün) von einigen Politik- und Sozialwissenschaftlern und in den Medien interpretiert“.
Nicht ganz Unrecht hat die neue Bürgermeisterin und ertappt mich dabei im Dialog, weil ich mich verschreibe und „sozial-utopisch“ auf dem Notizblock notiert habe, anstelle von „sozial-ökologich“. Die Bürgermeisterin erklärt dazu, dass sie an kleinen Visionen arbeitet, aber es ablehnt, dass eine Stadtregierung an kleinen und persönlichen Visionen scheitert wird.

Sind also in Zukunft die Politikerinnen und Politiker in der Kommunalpolitik erfolgreicher, die das Gemeinsame suchen und die Versöhnung als Schlagwörter einsetzen und mit dem eigenen Politikstil auf die Tagesordnung setzen und alle öffentlichen Versuche vermeiden, gesellschaftliche Gegensätze und Widersprüche aufbrechen zu lassen?
Für die junge Wissenschaftsstadt Giessen, die frühere Garnisonsstadt, die noch immer nach ihrer eigenen sozialen Identität sucht und deren Einwohner in der Mehrzahl junge Menschen sind, wird das nicht ganz einfach werden. Denn der Weg für eine Versöhnung mit sich selbst und mit anderen, zielt immer auf eine mögliche Veränderung und eine Vergangenheits- und Konfliktbearbeitung zugleich. Versöhnung kommt aber auch von Sühne und sucht in der Vermittlung die Einheit von Begriff und Realität; sucht also nach dem, was noch nicht geworden ist. Manchmal braucht man dafür eine Vermittlerin; quasi eine politische Hebamme, eine Mediatorin oder Supervisorin oder eine Kommission, denn Versöhnung enthält auch immer ein Stück Utopie und entbindet Abenteuer.

Das Gespräch mit der Bürgermeisterin Gerda Weigel-Greilich fand am 03. Januar statt.
Giessen, 04. Januar 2007 / Kommentar und Anmerkungen: Frank Sygusch / alle Bilder: giessen-server.de
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