von Tanja Loechel
GIESSEN. Heimlichkeiten, politischer wie privater Natur, sind das Thema des neuen Tanzstücks „Clandestino“ von Tarek Assam. Nach der Premierenvorstellung am Freitagabend im Stadttheater ernteten die Tänzerinnen –Morgane de Toeuf, Antonia Heß, Svende Obrocki, Magdalena Stoyanova – und Tänzer – Eoin Mac Donncha, Meindert Peters, Victor Villarreal Solis – minutenlang Beifall. Das spanische Wort clandestino heißt auf Deutsch heimlich, meint aber auch den illegal Eingewanderten.

Clandestino
(Probenfotos: Frank Sygusch / Giessen-Server.de)

Wichtiger Bestandteil des Abends ist die Musik des politisch engagierten, spanischstämmigen und in Frankreich aufgewachsenen Musikers Manu Chao. Eines seiner Alben trägt ebenfalls den Titel „Clandestino“. Spanisch-lateinamerikanische Stilistik herrscht in den Musikstücken vor. Der Charakter ist grundsätzlich heiter, jedoch von einer gewissen Tristesse verschattet. Assam wählte die collagenartige Reihung von Szenen als Form für das Tanzstück.

Ausstatterin Annett Hunger lässt Kartons vom Bühnenhimmel schweben, die das eine Mal bedrohlich die Tänzer zu erdrücken scheinen, ein anderes Mal ein verwinkeltes Labyrinth ergeben, das der Choreograf originell zu nutzen weiß. So begehen die Tanzcompagie-Mitglieder die verwinkelte Konstruktion, sind oft halb verdeckt, halb sichtbar, verlieren und finden sich in dem Gewirr wieder. Eine Öffnung wird als Fenster zum Herausschauen benutzt. Das Staunen im Blick der Tänzer in dieser Szene übertrug sich wohl auch auf das Publikum, denn es war wahrlich überraschend, welch theaterwirksame Bilder Annett Hunger mit den für uns eigentlich ganz unspektakulären, braunen Umzugskisten erschuf. Da das Bühnenbild beweglich ist wird es überdies zum Bestandteil der Choreografie.

Clandestino
(Probenfotos: Frank Sygusch / Giessen-Server.de)

Auch Assoziationen an Menschen, die auf Frachtschiffen in engen Containern fliehen, lassen die Kisten zu. In fahlgraues, gespenstisch anmutendes Licht (Alexander Niedermaier) wird eine Sequenz getaucht, in welcher die Tänzer (Flüchtlinge) auf den Containern traumartig langsam, tastende Bewegungen vollführen. Ungewissheit ist diesem Bild eigen. Ein weiterer Abschnitt zeigt Menschen, die ihren Pass hergeben um somit unerkannt ihre Flucht antreten zu können. Aber es gibt auch Bilder voller Zärtlichkeit und Lebensfreude. Heimliche Liebe, in negativer Ausprägung auch die Prostitution, und andere heimliche Handlungen eröffnen das Tanzstück. Die Erinnerung an eine verflossene Liebe bringt eine weitere Station im Stück ans Licht. Kleine Kartons, welche die Tänzer mit sich herumtragen beinhalten Erinnerungsstücke, die hervorgeholt werden. Dokumentarische Videobilder von Menschen aus Peru, Nachrichtenbilder und die aufgenommene Tänzer ergänzen das Bühnengeschehen. Die Bilder sind in Fernsehgeräten zu sehen und erinnern daran, dass der nicht-naturalistische Tanzfluss, die poetischen Bewegungsfolgen eine künstlerische Umsetzung bitterer Realität sind.

Für die verschiedenen Formen von Heimlichkeiten sind treffende Bühnenaktionen vorhanden. Trotzdem: Ein Manko des Abends ist, dass die Szenen streckenweise sehr lang sind und nichts Neues im choreografischen Material bieten und die Szenen sich somit etwas abnutzten; ein weiteres Manko, dass vieles, was auf diese ansprechende ästhetische Art dem Publikum serviert wird, gemessen am wirklichen Schicksal und der Flüchtlingsproblematik („Boat People“, usw.) zu geschönt anmutet. Und dennoch ist „Clandestino“ ein sehenswertes Stück Tanztheater.
Weitere Vorstellungen: 16. und 24. Oktober und im November | jeweils 19.30 Uhr | Großes Haus Choreographie: Tarek Assam Ausstattung: Annett Hunger Mit: Antonia Heß, Svende Obrocki, Magdalena Stoyanova, Morgane De Toeuf; Eoin Mac Donncha, Meindert Peters, Victor Villarreal Solis
Giessen, 03. Oktober 2009 / Fotos: Frank Sygusch / Giessen-Server.de
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