Ungeschönte Alltagsmenschen, kleine Geschichten und französisches Flair: „C’est la vie“ von David Williams und Tarek Assam / Das Publikum feierte die Premiere mit stürmischem Beifall für die Mitwirkenden
Von Tanja Löchel
GIESSEN. Französisches Lebensgefühl ist Hauptbestanteil des neuen Tanzabends von dem aus Australien stammenden Choreografen David Williams und Stadttheaterballettchef Tarek Assam. Williams ist in Gießen nicht unbekannt, da sein erstes Engagement in Deutschland ihn 1991 ans Stadttheater führte. „C’est la vie“ (So ist das Leben) heißt das Stück.

Tanzstück C’EST LA VIE - Premiere im Theaterstudo in Giessen
(Probenfotos: Frank Sygusch)

Es erzählt episodenhaft kleine Geschichten, die das Leben schreibt, und kommt ganz ohne Verklärung aus. Nach der Premierenvorstellung in der TiL-Studiobühne am Freitagabend war der Jubel beim Publikum groß: Die Mitglieder der Tanzcompagnie (Antonia Heß, Svende Obrocki, Magdalena Stoyanova, Eoin Mac Donncha und Meindert Ewout Peters) wurden mit stürmischem Beifall bedacht, wie auch die Choreografen und Ausstatterin Dietlind Konold. Die Tänzer hatten einen großen kreativen Eigenanteil an der Erarbeitung der Choreografie.
Mitten in die Metropole Frankreichs, in einem Pariser Café, führt die Handlung. Hier treffen sich immer in gewissen Zeitabständen drei Frauen und zwei Männer, es sind Freunde. Sie erzählen sich und erleben Geschichten.

Tanzstück C’EST LA VIE - Premiere im Theaterstudo in Giessen
(Probenfotos: Frank Sygusch)

Die Musik zum Stück sind natürlich - und wie könnte es anders sein, wenn es nach Paris geht – Chansons. Darunter beliebte Klassiker, Nostalgisches, Zeitgenössisches mit Einschlag in Richtung Neue Musik und welche im Hardrock-Stil. Manchmal klingen die Lieder wirklich wie aus dem Transistorradio, das auf der Bühne steht, und oft wirkt der Musikwechsel so, als ob sich mit dem Rauschen ein anderer Sender einstellt. Dies unterstützt eine Atmosphäre, die jenseits von glatter Schönheit liegt. Auch die Tänzer muten wie heutige Alltagsmenschen an, keine idealen Charaktere, und jeder ein anderer Typ.
Die Dynamik zwischenmenschlicher Beziehungen wird tänzerisch großartig dargestellt. Explosiv ist der Anfang, wenn die Freunde einzeln ins Bistro kommen: Mit ruckelnd verzuckelten Bewegungsfolgen, fulminant schnell dargeboten, geht dies über die Bühne. Das Tempo ist mitreißend, gezeigt werden auch Begrüßungsrituale.

Tanzstück C’EST LA VIE - Premiere im Theaterstudo in Giessen
(Probenfotos: Frank Sygusch)

Tanzstück C’EST LA VIE - Premiere im Theaterstudo in Giessen
(Probenfotos: Frank Sygusch)

Tanzstück C’EST LA VIE - Premiere im Theaterstudo in Giessen
(Probenfotos: Frank Sygusch)

Witzig ist eine Szene vor einem imaginären Spiegel, das Publikum ist als hinter diesem gedacht und wird Zeuge von verdrehten Grimassen schneiden, bizarrem Posieren, Haar und Kleid zurechtzupfen. Die Bewegungen sind wahrlich der Realität entnommen, wie in öffentlichen Waschräumen abgeschaut. Hitzig bringen die Akteure auch Wut und Prostest zum Ausdruck in einer anderen Episode. Was wäre Paris ohne Metro und Busse, eine solche Sequenz wird ebenfalls choreografisch umgesetzt. Zu Kurt Weills „Je ne t’aime pas“ („Ich liebe dich nicht“) tanzt Magdalena Stoyanova ein emotional melancholisches Solo, nach einer berührend dargestellten Wartephase auf den Freund.

Tanzstück C’EST LA VIE - Premiere im Theaterstudo in Giessen
(Probenfoto: Frank Sygusch)
In fortgeschrittener Runde und nach Rotwein Genuss, es wird auch mit dem Rebensaft gegurgelt, herrscht bei den Freunden Katerstimmung: Man vertreibt sich die Zeit mit abstrusen Spielchen und dem schrillen Nachpfeifen des Klassikers „Chanson d’amour“. Mit herzhaften Publikums-Lachern wurde diese Szene begleitet. Paris ist auch die Hauptstadt der Liebe, wie dies von einem innig ineinander verschlungenen und knutschenden Paar auf der Bühne verdeutlicht wird. Das Bühnenbild (Dietlind Konold) wartet neben den Bistromöbeln und bunter Lichterkette auch mit Überraschungen auf. Ein Fenster öffnet sich öfter und gibt den Blick auf verschiedene inszenierte Bilder frei: Passend zur Liebe und Pariser Varietes wird unter anderem das Schaufenster eines Sexshops gezeigt.

Tanzstück C’EST LA VIE - Premiere im Theaterstudo in Giessen
(Probenfoto: Frank Sygusch)
Höhepunkt gegen Ende ist eine ausgelassene Feier mit Geburtstagskuchen, Champagner, Baguette und einem knallbunten Konfettiregen. Der Funken sprang spätestens hier auf die Zuschauer über. Die Tänzerinnen steckte Konold in aparte, leichte Kleider, die zu den Bewegungen schön mitschwingen. Ideenreich ist die Choreografie (temporeich werden auch Stühle mit Rollen eingesetzt), die zwischen kunstfertiger Ausarbeitung und eher schauspielerisch erzählten Szenen, zwischen aufpeitschendem Temperament und gefühlsbetonter Ruhe wechselt. Der Compagnie sowie Williams und Assam ist es gelungen, junge Menschen mit ihren Sorgen und Freuden zu zeigen.
C’EST LA VIE (Uraufführung) Chansons als Spiegel der Zeit
Tanzstück von David Williams und TarekAssam | Musik von Georges Brassens, Serge Gainsbourg, Noir Désir, ÉdithPiaf, Yann Tiersen u.a.
Weitere Vorstellungen: 29. November, 13. Dezember 2009, 02. und 23. Januar 2010 | jeweils 20.00 Uhr | TiL-studiobühne in Giessen Choreographie: David Williams und Tarek Assam | Bühne und Kostüme: Dietlind Konold | Mit: Antonia Heß, Svende Obrocki, Magdalena Stoyanova / Morgane De Toeuf; Eoin Mac Donncha, Meindert Peters / Victor Villarreal Solis
Giessen, 22. November 2009 / C’EST LA VIE: Probenfotos: Frank Sygusch
Februar 2012
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