GIESSEN (mip/r). Auch in diesem mittlerweile dritten Jahr der Vortragsreihe Leselust und Literatur steht wieder eine Gegenwartsschriftstellerin im Mittelpunkt: Die wohl bekannteste und auch umstrittenste deutschsprachige Autorin Christa Wolf (geb. 1929). Sie verkörpert ein „exemplarisches deutsches Intellektuellenleben in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts“ (Jörg Magenau) und die öffentliche Meinung wird nicht müde, sich an dieser facettenreichen und ambivalenten Autorinnenpersönlichkeit zu reiben.
Neben Zugang zur Biografie Christa Wolfs, einer Schriftstellerin, Literaturkritikerin, Feministin und politischen Meinungsmacherin, deren Texte sich oft wie philosophische Abhandlungen über (weibliche) Identitätsentwürfe und Ästhetiktheorien lesen, soll die exemplarische Auseinandersetzung mit ihrer Erzählung Störfall. Nachrichten eines Tages (1986) im Mittelpunkt des Vortrags stehen. In dieser viel rezipierten Erzählung begleiten LeserInnen die persönlichen Gedanken einer Ich-Erzählerin am Tag nach dem Reaktorunglück von Tschernobyl. Das Erlebnis dieses weltverändernden Ereignisses wird zusätzlich dramatisiert, weil sich der Bruder der Erzählerin just an diesem Tag einer Gehirnoperation unterziehen muss. Individuelle Lebenserfahrung wird also als Teil des Seins im Kollektiv der Welt inszeniert: So wie eine Schriftstellerin wie Christa Wolf sich immer wieder den Fragen nach den individuellen Versäumnissen ihrer Lebenszonen stellen muss, so verarbeitet die Ich-Erzählerin in Störfall die kollektive ‚unerhörte Begebenheit’ eines Reaktorunglücks und seiner Folgen als Teil ihrer ganz eigenen Lebensrealität.
Der Einblick in Christa Wolfs Leben, Schaffen und die detaillierte Auseinandersetzung mit einem ihrer Werke versprechen also spannende, sich gegenseitig vertiefende und relativierende neue Perspektiven auf eine vieldiskutierte Autorin und einen ihrer sehr bekannten Texte.
Veranstalterin ist die Frauenbeauftragte der Justus-Liebig-Universität Giessen in Kooperation mit der Arbeitsstelle Gender Studies der JLU. Der Eintritt ist frei.
Kontaktadresse:
Marion Oberschelp
Frauenbeauftragte der JLU
Ludwigstr. 23, 35390 Gießen
Tel. 0641/99-12052
Giessen, 26. Januar 2007
Mai 2012
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