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Improvisationstheater Springmaus gastierte bei Karstadt in Giessen

Glänzende Vorstellung vor ausverkauftem Haus - Großes Häuflein Kultur auf dem Elefantenklo in Giessen hinterlassen - "Eih, isch fahr doch nach Watzeborn"











GIESSEN (fsy).                                            Szene für Szene ein Erlebnis und ein Genuss für alle Freunde des Improvisationstheaters und Kabaretts und besonders für solche, die es werden wollen. Ein Feuerwerk an Improvisationskunst und Einfallsreichtum erlebten die über 350 Gäste im Kultur-Café des Restaurants bei Karstadt in Giessen am letzten Donnerstag. Die drei Künstler Vera Passy, Gilly Alfeo und Norbert Frieling aus Bonn reichten in ihrer sehenswerten Aufführung allen die Hand, die gerne mal auf der Couch beim Psychotherapeuten oder Psychoanalytiker sitzen oder liegen wollen, sich aber nie ernsthaft trauen würden.












Improvisationstheater Springmaus gastierte bei Karstadt in Giessen

"Auf die Couch" - Lebenshilfe live mit Vera Passy, Norbert Frieling und Gilly Alfeo

(Fotos: Giessen-Server.de / Frank Sygusch)











Und so startete das Bühnenprogramm von der ersten Minute an mit bedeutungsvollen und exzellenten Dialogen im doppelten Sinne des Wortes. Alles bewegt sich um die spannenden Themen unserer Selbstfindung, und berührt Teile von wirkenden Lebensgeheimnissen und Herkunftsgeschichten, von denen wir erahnen, dass wir alle mehr davon in uns tragen, als wir gemeinhin zu wissen glauben. Und so durften sich alle Gäste erst einmal selbst mit dem Satz „Ich heiße … und bin bekloppt“ und anschließend gegenseitig begrüßen, indem man dem Tischnachbar laut und deutlich ins Gesicht sagt, an welches Tier der andere einem erinnert. Allein dieser Auftakt setzte schon viele Lacher frei, aber was dann später alles folgte, trieb so manch einem Gast vor lauter Komik die Tränen ins Auge.













Improvisationstheater Springmaus gastierte bei Karstadt in Giessen

"Auf die Couch" - Lebenshilfe live mit Vera Passy, Norbert Frieling und Gilly Alfeo

(Fotos: Giessen-Server.de / Frank Sygusch)















Von einer Lebens- und Situationskrise zur nächsten Hürde im Alltag hüpfen die drei Springmäuse durch den Abend und nehmen die Zuschauer durch klug arrangierte Interaktionen und witzige Pointen mit auf die Reise quer durch die Landschaften der Psychosen und Neurosen. Und fast immer werden die Zuschauer eingeladen mitzumachen und sollen spontan bestimmte Begriffe aus inhaltlich abgegrenzten Wortgruppen benennen, die dann zu szenischen Geschichten und Gesichtern entwickelt werden. Das alles passiert in wenigen Momenten oder vollkommen spontan auf der Bühne und die drei Schauspieler geben die Geschichten in beachtenswerten Arrangements in Sprache und Gesang wider. Gekonnt werden dabei lokale Besonderheiten der regionalen Ortsgeschichte miteinbezogen und immer wieder als Pointen an den richtigen Stellen präsentiert und mit eingesetzt. Natürlich werden die Besucherinnen und Besucher im Laufe des Abends gefragt, woher sie kommen und so erhalten die auf der Bühne gespielten Szenen einen lokalen Giessener Bezug, der sich an Ortsnamen wie Watzenborn und Klein-Linden; einem städtebaulichen Wahrzeichen der Stadt, dem Giessener „Elefantenklo“ oder ganz einfach an den Facetten des hessischen Dialekts über den besonderen Ton der Stimme und Mimik festmacht und konkret ortet.






Ausgezeichnet das Sprechspiel, als der Ehemann von der Ehefrau zur Therapeutin geschickt, weil dieser seit geraumer Zeit nur einer einzigen und intensiven Freizeitbeschäftigung mehr nachgeht: Dem Presslufthämmern mit seinem Presslufthammer, den er im Baumarkt erworben hat. Der Mann kommt aber nicht allein auf die Bühne sondern in Gestalt von zwei Personen, die gemeinsam in einer Jacke stecken und der eine mit dem anderen spontan und immer gleichzeitig auf die Fragen der Therapeutin antworten muss. Das geht alles ganz schnell und die beiden Personen erzählen gemeinsam die merkwürdige Geschichte aus einer Stimme und im Erlebnis einer leibhaftig geteilten Gestalt in einer Jacke. Und so werden in dieser, wie in den zahlreichen anderen Geschichten die Zwangsneurosen und die Abwehrformen des Körpers spannungsreich auf der Bühne gestaltet und die Symptome in lustige Gags versteckt und blitzschnell eingepackt.











Improvisationstheater Springmaus gastierte bei Karstadt in Giessen

"Auf die Couch" - Lebenshilfe live mit Vera Passy, Norbert Frieling und Gilly Alfeo

(Fotos: Giessen-Server.de / Frank Sygusch)















Sicher der Ernst und das Leid des Lebens - in der Dynamik zwischen Körper und Seele - und die wahrhaftigen Tücken, die dahinter stecken sind kein Thema. Aber darum geht es an diesem Kabarettabend auch gar nicht sondern darum, dass wir alle lachen sollten, wenn das Leben Geschichten über uns und die anderen erzählt.

Dabei geht es auch um Übertreibungen, um Spott und Hohn, um lustige Alltagsweisheiten, um Verzerrungen die auch Spaß machen können. In einer Geschichte zwingt der eine den anderen per Signalton auf Knopfdruck, immer und sofort das Gegenteil oder etwas anderes von dem auszusprechen, was vorher angedacht und ausgesprochen war. Allein in dieser Spielszene zeigen die drei Schauspieler parodistische Leistungen auf hohem Niveau und wieder geht alles so schnell, das mancher Lacher erst zündet, wenn die nächste Szene schon angelaufen ist …








Glanzstück an diesem Abend ist ein Musical über ein Ehepaar, das zuvor für ungefähr zehn Minuten auf der Bühne Platz genommen hatte und über die eigene Entstehungsgeschichte der Beziehung und dem Lebens- und Berufsalltag befragt wird. Das alles enthält bereits eine riesen Portion Komik. Aber niemals werden Toleranzgrenzen überschritten und zum Ende, als Dankeschön erhält das Paar - nach wenigen weiteren Minuten - sein persöhnliches Musical mit den Inhalten ihrer eigenen Geschichte.


Das Publikum ist entzückt und klatscht mit Riesenbeifall, auch weil das Erlebnis authentisch wirkt und die Bühne für einen Moment das reale Leben zu zeigen scheint, wenn die Lautlichkeit der Stimmen das Geschehen prägt. In den Dialogen, die vertont werden, steckt auch immer ein Stück Selbstfindung der Akteure, ohne deren konkretes Engagement und eigener Persönlichkeit im Bühnenmoment keine szenischen Aufführungen werden könnten.







Anmerkung der Redaktion zur Giessener Ortsgeschichte und der Umgebung: Watzenborn ist eine Ortsteil im Landkreis Giessen; Klein-Linden ein Stadtteil von Giessen und das „Elefantenklo“ ein bautechnisches Beton-Wahrzeichen der Stadt, das am Selterstor als große Fußgängerüberführung in den 70-Jahren mitten in der Stadt aufgestellt wurde und seit Jahren Liebhaber und Gegner am Diskurs vereint.





Giessen, 24. Januar 2010, Fotos und Filmbeitrag: Giessen-Server.de


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